Es beginnt mit einer Blutspur, die zu einer überfallenen Postkutsche führt. Wir sehen die Nachwirkungen des Massakers und erleben, wie die Banditen den letzten Fahrgast, eine Frau, vergewaltigen und hinrichten.
Ein brutaler und ein hässlicher Auftakt, der in gewisser Weise auch mutig ist. Ich kann mir vorstellen, dass einige Laune bekommen, den Band gleich wieder zuzuklappen.
Dieser Westerncomic ist schroff und dreckig, so anzufangen ist eine Ansage. Und die lautet:
Lasst sie in Ruhe!
LEAVE THEM ALONE ist die Anklage hinter dem gleichnamigen Comic. Denn die Gewalt (gerade gegen Frauen) reißt nicht ab.
Bandenchef Burt und seine Männer beziehen Position im Örtchen Flagstaff und lauern auf die nächste Postkutsche, die Bankengelder transportiert.

Die Herren von der Bank sowie die Transportunternehmer von Wells Fargo trauen dem eigenen Sheriff Evans nicht zu, für Sicherheit zu sorgen.
Daher investieren sie in eine neuartige Transportbox, die explodiert, wenn man nicht einen bestimmten Schlüssel zur Entschärfung mitführt.

Und während alles wartet, kommt ein einsamer Cowboy in die Stadt geritten:
Lew MacSween kann mit seinen Colts umgehen, hat ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstsein und legt sich mit Burts Mördertruppe an.


Die Dame, die er hier rettet, ist eine Prostituierte aus dem Saloon: Mattie hat ihren Beruf gründlich satt und möchte aus der Stadt fliehen.
Als sie dies kurz darauf tatsächlich tut, wird sie erneut von zwei Kerlen angegriffen. Dieses Mal macht Lew kurzen Prozess. Zwei Kugeln später ist die Lage geklärt und Lew bringt die Toten zur Poststation.

Dort macht nicht nur die Postkutsche Halt, dort leben auch die Betreiberin Marian Potter, ihre Enkelin Elfie sowie der Navajo Mad Wolf.
Die resolute Dame, die kesse junge Frau und der Jäger sind ein sympathisch gezeichnetes Trio, das eine Oase der Erholung nicht nur für die Reisenden, sondern auch für uns lesende Besucher des Westens stiftet.


Sie ahnen, wo das Geschehen kulminieren wird: Die Postkutsche mit der explosiven Ladung, Burt und seine Bande, Lew und Mattie, Sheriff Evans und sein Deputy und die Bewohner der Station erleben ein heißes Rendezvous unter glühender Sonne.
Das ist alles gut eingefädelt und Autor Roger Seiter vertieft den Showdown, indem er Lew als Marians Schwiegersohn entlarvt.
Der nämlich trifft zum ersten Mal auf seine Tochter Elfie, die er noch nie gesehen hat! Nach Elfies Geburt war Lew monatelang durchs Land gezogen, um eine (andere) Räuberbande zur Strecke zu bringen, die seine Frau misshandelt hatte.
Ich präsentiere Ihnen diese Rückblendensequenz (Lew erzählt sie Mattie) auf drei Seiten komplett, auch damit sie sehen, wie kompakt und flüssig der Comic gestaltet ist:



Als die Gangster am nächsten Tag in kompletter Stärke angeritten kommen, geht sofort eine wüste Schießerei los, die eine Hauptfigur das Leben kostet.
Dann dauert es noch satte, spannungsgeladene 60 Seiten (von 160), bis alle Bösewichter erledigt sind.
Ein Hauch von „High Noon“, ein Schuss Italowestern und viel Feuerzauber verhindern jegliche Langeweile. Über allem schwebt die Frage: Wer besitzt den Schlüssel zur Öffnung des Goldschatzes und wie könnte man dieser Person habhaft werden?
Alle Männer sind Schweine
Aber hallo. Bis auf den aufrechten Navajo Mad Wolf und den einsamen Rächer Lew. Sonst werden sämtliche Kerle nur als gierig beschrieben – die Gier nach Sex und die Gier nach Gold regieren diese Männerwelt


LEAVE THEM ALONE malt ein Bild des Westens, in dem Frauen eigentlich nichts zu suchen haben. Dass sie sich in dieser Situation mit Waffen wehren müssen, ist so radikal noch nicht erzählt worden.
Kann denn Western toxisch sein?
Klassische Western übrigens waren eher fröhlicher Natur, weil mehr Märchen als Geschichtskunde.
Dann kam der Spätwestern und mit ihm die schlechte Laune durch Aufarbeitung realer Historie: Der Landraub der weißen Siedler, das Grauen der Sklaverei und die Massaker an der indigenen Bevölkerung rückten ins Blickfeld.
Das leistet seit einiger Zeit auch der Comic, beispielhaft genannt seien unkonventionelle Serien wie JONATHAN CARTLAND, BUDDY LONGWAY, UNDERTAKER, PRETTY DEADLY, MARSHAL BASS sowie (als Einzelalben) etwa HOKA-HEY, REGENWOLF, MONDO REVERSO oder die Fortschreibung eines Klassikers: WIEDERSEHEN MIT COMANCHE.
LEAVE THEM ALONE sortiert sich in dieser Reihe ein als Zwitter aus herkömmlicher Banditenerzählung und modernem Ermächtigungsdrama.
Und erweitert den Horizont um eine feministische Perspektive. Aber handelt es sich überhaupt um Feminismus?
Sehen wir uns nicht vielmehr konfrontiert mit einem trendigen Männerhass?!
(Nichts gegen Männerhass, hab ich vollstes Verständnis für, die Auswüchse der „Manosphere“ laden sehr dazu ein.)


Dieses Westernalbum von Zeichner Christophe Regnault (der erst kürzlich mit einem Comic über JESSE JAMES bei Splitter reüssierte) ist ein schickes und äußerst filmisch inszeniertes Werk.
Nur: Was will uns dieser Comic sagen?
Als Frau im Westen war es bitter? Die Männer hatten auch ein Scheißleben, nur auf anderem Niveau.
Frauen sind auch im Westen die Opfer allgegenwärtiger patriarchalischer Strukturen gewesen? Das haben wir schon geahnt, nur ist es uns auf so drastische Weise selten vor Augen geführt worden.
Der Mensch an sich ist im Umgang miteinander problematisch? Absolut, gerade unter den erwähnten Verhältnissen.
Und hier sind wir vielleicht am Punkt: das Westerngenre als Brennglas unserer tierischen Natur. Die Gewalt eskaliert bis zu einem bestimmten Grad – danach besteht die Chance, neue Strukturen aufzubauen.
Denn erst wenn der letzte Colt geleert, das letzte Dynamit explodiert ist und die Männer tot im Dreck liegen, dann werdet ihr erkennen, dass es auch anders gehen kann.
Ob man dazu nun sechs Vergewaltigungsszenen braucht, überlasse ich Ihrem Urteil.
Ich stifte wie gewohnt ein Reel auf Instagram und den Link zur Verlagsseite bei Splitter – und möchte Sie einladen, sich vertiefend die exzellente Rezension bei „Panelwalker“ anzuschauen.