Waren Sie schon mal in Brüssel, der frankophonen Hauptstadt Belgiens?
Haben Sie sich dort über die vielen Großbaustellen gewundert, die den Aufenthalt womöglich beschwerlich gemacht haben?
Baustellen, deren Aktivitäten die Luft in der ganzen Stadt mit Feinstaub verpesten?
So schlimm ist es aber nicht, oder?

Falls Sie in Brüssel waren, waren Sie schon mal in einem der zahlreichen Comicläden und Antiquariate, die es dort zu finden gibt?
Menschenleere Geschäfte, deren Betreiber unliebsame Kundschaft mit vorgehaltener Waffe auf die Straße jagen?
So geht es da aber nicht zu, oder?

Und, nächste Brüssel-Frage: Sind Sie dort in einem Hotel abgestiegen?
Ein prächtiges Belle-Epoque-Gebäude mit Saloon-Atmosphäre, Tänzerinnen und einer Toilette auf dem Flur?
Sind sie dort so empfangen worden?


Letzte Frage: Ist Ihnen in Brüssel mal das Bargeld ausgegangen und Sie wollten sich Nachschub auf der Bank holen?
Eine Bank, die prompt von einer Räuberbande wie im Wilden Westen überfallen wird?
Haben Sie das so schon mal erlebt, in Brüssel?!


Spätestens jetzt (Seite 16 von 48) wird uns klar, dass dies nicht das Brüssel ist, wie wir es kennengelernt haben.
Gib mir eine Parallele
Dabei scheint alles so vertraut wie aus den HONEYMOON-Bänden 1 und 2: Sophie und Quentin, unser Ehepaar auf Reisen, beginnt ein neues Abenteuer.
Doch wir befinden uns weder auf einer griechischen Insel noch im Regenwald, sondern in der bekannten Großstadt um die Ecke.
Quentin liefert sich mit den Bankräubern ein Feuergefecht und kann den Anführer der Bande niederstrecken. Der Sheriff des Stadtteils Ixelles gratuliert ihm und wir stürzen mit den Hauptfiguren in eine Parallelwelt.

Von hier an leben die beiden in Gefahr, denn der Bruder des Toten will sich an ihnen rächen.
Sophie braucht Begleitschutz bei ihrem Vortrag über Surrealismus und Quentin hat einen Möchtegern-Pistolero am Hals, der selber mit der Yonk-Bande abrechnen möchte.
Das alles sind aus Kinofilmen bekannte Versatzstücke, zum Teil direkt zitiert, an einer Stelle wird Quentin sogar zum Dirty Harry bzw. zum Mann, der Rot sieht.
Das kann man lustig finden, das wirkt auf mich leider wahllos komponiert und übereilt zusammengeschustert.
Vivès holt sich den Bruch
Wirklich schade finde ich, dass dieser Band mit der bisherigen Formel bricht. In „Der Kuss der Sphinx“ und „Coatlicue“ (wer mag, studiere die Besprechungen) gerät unser Ehepaar auf seinen Urlaubsreisen in haarsträubende Abenteuer.
Das funktioniert nach der alten Hitchcock-Formel: Unbeteiligte werden verwickelt in Dinge, die sie kaum begreifen können und müssen möglichst clever um ihr Leben kämpfen.
Auch wenn diese Geschehnisse ziemlich fantastisch sind, sind sie doch glaubwürdig, weil sie in ihrer Exotik theoretisch passieren könnten.
In „High Noon“ jedoch bewegen wir uns auf realem Terrain (eine Konferenz in Brüssel), nur ist alles drumherum fantastisch und keine Spur mehr glaubwürdig.
Ein Western-Brüssel im ewigen Baustellensmog, komplett unmodern und zurückgeworfen auf ein anachronistisches Desperado-Unwesen, wie es in billigen Filmen inszeniert wird?!

Vivès übertreibt dermaßen, dass ich bei der Lektüre stets daran glaubte, Quentin oder Sophie schreckten jeden Moment aus ihrem Sitz im Zug auf – und alles würde sich als Traum entpuppen.
Diese alte Masche bedient er nicht, er treibt es noch ärger: Dieses Brüssel ist sein Ernst. Andererseits natürlich auch nicht, denn er thematisiert die Stadt explizit als europäische Metropole des Comics. Was bedeutet:
Im Comic darf alles passieren!
So präsentiert uns Vivès seine durchgeknallte Erzählung als Meta-Spaß, die um „Zwölf Uhr mittags“ am Bahnhof in einer Schießerei mit Western-Bösewichtern kulminiert.

Das ist schon cool, irgendwie, dennoch sabotiert er sich selber und disruptiert die eigene Serie. HONEYMOON war eine originelle, augenzwinkernde Verbeugung vor dem Abenteuergenre.
Jetzt pappt der Autor seinem Baby eine groteske LOL-Fratze auf, die schrägen Humor in den Vordergrund stellt und sich nicht mehr um eine ordentliche Geschichte schert!
Ich halte das für ein Eigentor.
So können wir alle ein Comicskript verfassen: Dann schreibe ich hopplahopp Band 4, nennen wir ihn „Weltraumodyssee“.
Sophie und Quentin gewinnen einen Flug in einer Orbitalrakete, die Sache gerät außer Kontrolle, der Bordcomputer will ihnen die Luftzufuhr abschneiden, aber Sophie kann die Programmierung ändern und Quentin kappt draußen im Raumanzug die Stromversorgung.
Klingt vielleicht etwas überdreht und irgendwoher bekannt, aber Vivès kriegt das in zwei Wochen illustriert!
(Wie, was, ich hab den Job?!
Fantastico, darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit drei weitere Ideen pitchen?
Da sagen die Leute, man kann mit Comics kein Geld machen …)

Tor für Tillmann, Tor für Deutschland
Jetzt steige ich aber wieder herab von meinem Comictrainer-Ross und möchte abschließend klarstellen: HONEYMOON Band 3 hat mir schon gefallen.
Dafür mag ich das Artwork von Vivès zu sehr, das zwar immer flüchtiger zu werden scheint, aber in seiner lockeren Eleganz meisterlich bleibt.
Diesmal verknautscht er seine Gesichter teils in extremer Weise – als wolle er auch auf diese Weise markieren, dass das Gezeigte nicht für bare Münze zu nehmen ist.
Dennoch eine Warnung: Wer die beiden Vorgänger-Alben mochte und mit Western nichts anzufangen weiß, mag diesmal richtig enttäuscht sein.
Zum Weiterschauen gibt es ein garantiert gipsnebelfreies Reel auf Instagram sowie den Link zur Verlagsseite bei schreiber&leser.