REGENWOLF – der Western für alle?

Der titelgebende Häuptlingssohn Regenwolf ist übrigens nicht die Hauptfigur in diesem (von schreiber&leser üppig aufgemachten) Western-Doppelalbum von 140 Seiten. Es beginnt und endet mit Regenwolf, das schon, aber diese Westernsaga kennt keine Hauptfigur.

Autor Jean Dufaux und Zeichner Ruben Pellejero legen über ein Dutzend Charaktere gleichberechtigt nebeneinander an und bedienen sie auch adäquat. Das hat den Effekt, dass nicht eine Figur handlungstreibend im Mittelpunkt steht und die anderen überstrahlt, sondern dass REGENWOLF als Zeitgemälde, als Gesellschaftsporträt gelesen werden kann.

Es geht um mehrere, ineinander verwobene Themen des Westerns: Da lesen wir vom traurigen Rückzugsgefecht der Ureinwohner, denen ihr Land genommen wird und die diesen Kampf nie gewinnen können – symbolisiert am Bau der Eisenbahn, deren Eigentümer Vincent McDell jedoch kein kalter Kapitalist ist, sondern das Gespräch mit den Stämmen sucht und eine Freundschaft zum Häuptling Rote Wolke pflegt.

Das wird den Indianern nichts nutzen, denn die weißen Siedler sind feindlich eingestellt. Als Regenwolf den hitzköpfigen Cowboy Ingus Limb in Notwehr erschießt, möchte die Bevölkerung die „Rothaut“ lynchen, doch Regenwolf steht unter dem Schutz des reichen McDell-Clans, der ihm in Gestalt von Bruce McDell zur Flucht verhilft.

Damit betreten wir das Feld des Rachewesterns, in dem Familienclans sich bis aufs Blut bekämpfen: Die McDells stehen auf Seiten der Indianer, die Limbs und die befreundeten Codys wollen die Colts sprechen lassen und sind auf Vergeltung aus. Doch auch hier schildert dieser Comic nichts so schwarz-weiß, wie man vermuten könnte.
India Limb, die Schwester des toten Ingus, entbrennt für Bruce McDell. Julius Cody entwickelt Gefühle für Blanche McDell, die von den Codys entführt und als Geisel gegen Regenwolf ausgetauscht werden soll.

REGENWOLF erlaubt sich sogar noch eine weitere romantische Ebene: das Liebesdreieck zwischen Regenwolf, Kleiner Mond und Jack McDell. Der jüngste McDell-Spross verliebt sich ausgerechnet in die Indianerin, die eigentlich Regenwolf versprochen ist!
Auch diese Zwickmühle entschärfen Dufaux und Pellejero unter Umgehung plumper Konventionen und nutzen diesen Subplot, um eine Völkerfreundschaft zwischen Weißen und Indianern zu illustrieren.

Sie werden sich wundern, aber das ist noch nicht alles, was in diesem Album steckt. Folkloristische Naturmystik hält Einzug in Gestalt des „Weißen Bisons“, eines legendären Totemtieres, auf das nicht nur Regenwolf, sondern auch ein geheimnisvoller Trapper namens „Ghost“ Jagd machen.

Die ganze Welt des Wilden Westens

 

Wir haben drei Familien, einen Indianderstamm, eine Eisenbahn, einen Friedhof, ein Versteck im Canyon, einen Saloon, Farmhäuser, Tipis, malerische Flusslandschaften, drei Liebesbeziehungen, ein Kidnapping, ein Duell in der Main Street, einen Rachefeldzug, unverbrüchliche Freundschaften, unausrottbare Feindschaften, eine Bison-Stampede, Rivalitäten, Dynamit, Teer und Federn, ein Powwow, eine Mission, Diebstahl, Menschenraub, Hochzeitspläne, Rassenhass  – und obendrauf noch Randfiguren wie den Fotografen Eastman, einen Medizinmann, einen unfähigen Sheriff, radikale Bürger, alkoholkranke Indianer sowie einen loyalen Butler.

Haben wir irgendwas vergessen, was jemals im Western vorgekommen ist?
Das alles ist verpackt in dieser Geschichte. Jetzt verrate ich Ihnen die große Meisterleitung von REGENWOLF.

Ich habe selten einen so flüssigen, genial komponierten Stoff gelesen!

An keiner Stelle hatte ich ein Fragezeichen im Kopf. Ich wusste auf jeder Seite, wer wo ist, wer mit wem was zu schaffen hat, worum es geht und was im Moment auf dem Spiel steht.
Absolut erstaunlich, wie organisch REGENWOLF vor unseren Augen abläuft.
Es ist mir ein unbegreifliches Wunder.

Wunderwolf

 

REGENWOLF hat großartige, originelle, so noch nicht im Western gesehene Szenen: Zentral zum Beispiel Bruce McDells berührende Brautwerbung um die schlecht beleumundete India bei ihrer Mutter – eine Passage, die von Triumph in Tragödie umschlägt (sei nicht verraten).
Pellejero illustriert die Vorgänge in gnadenloser Sachlichkeit und verleiht ihnen damit aufwühlende Durchschlagskraft.

Diese Szene ist jedoch kein Kitsch, sondern auch beinharte Diplomatie: Dieser Hochzeitspakt sichert den Frieden zwischen den Familien McDell und Cody, zugleich garantiert die Mutter die Freilassung der entführten Blanche McDell ein.

Eine spätere Passage illustriert den narrativen Fluss, den REGENWOLF zwischen den Szenen implementiert: Die Kamera zieht auf – auf einen Wildblütenstrauß. Der ist Blanche gewidmet, die ihn im nächsten Panel bewundert. Das Bild erweitert sich zur Totale, zeigt uns die Szenerie, die jetzt auch den Blumensammler Julius Cody präsentiert.
Dann ein Jump Cut zu einer weiteren Nahaufnahme: Ein Gewehr symbolisiert Gefahr und erinnert uns, dass wir kein Rendezvous vor uns haben, sondern die untypische Momentaufnahme einer Geiselnahme.
Nächster Sprung der Kamera in ein Gesicht: Julius garantiert Blanche Sicherheit. Ein Versprechen, das auf die Probe gestellt werden wird, denn im Schlussbild dieser Seite fliegt die Türe auf und Vater Cody, der Anführer der Bande, hat eine dramatische Mitteilung.
(Was diese sein wird, zeige ich gleich noch, doch zuerst die erwähnte Seite im Scan:)

Die Anschluss-Seite zeigt uns drei großformatige Bilder mit Reitern im Abendrot, die pure Atmosphäre kreieren sollen: Ein Trupp nähert sich dem Versteck im Canyon in Vogelperspektive. Das nächste Panel erfasst die Männer in radikalem Gegenschnitt aus leichter Untersicht, prominent in der Mitte Vincent McDell.
Das dritte Bild ist reiner „Bonus“ und entspricht am ehesten dem visuellen Klischee des Western: durch den Staub dahinjagende Reiter!

Diese illustrieren jedoch akkurat, was der Textkasten (ebenso klischeehaft) beschreibt: „Staub“ und „Blut“ stehen auf der Agenda! Da alle drei Bilder mit den Worten des Gangsters Cody unterlegt sind, sind sie zu gleichen Teilen Codys Fantasie wie auch unsere, denen Pellejero diese formelhafte Inszenierung „gönnt“.

Super-Jean im Wilden Westen

 

Jean Dufaux ist ein belgischer Vielschreiber, den wir heute mal in den Olymp der Comicszenaristen erheben. Alle schwärmen immer von den Klassiker-Autoren Greg, Pierre Christin und René Goscinny, aber Jean Dufaux kann da locker mithalten.
Auf seine Kappe gehen (mal chronologisch geordnet) Werke wie SAMBA BUGATTI, JESSICA BLANDY, DAS VERLORENE LAND, DIXIE ROAD, MURENA, DJINN, THE DREAM und Dutzende andere …
REGENWOLF ist offenbar sein erster Ausritt (haha) ins Westerngenre. Und er legt mühelos ein beeindruckendes Debüt hin, das diese Western Novel zu einer unvergesslichen Saga um Familienfehden, Indianermythologien und die Erschließung des Westens macht.

Ich vermute, Dufaux gelingt ein solcher Wurf, weil er Distanz zum Genre hat und ein größeres Bild zeichnen kann (geschult durch seine Arbeit im Fantasy- und Historiencomic) als nur das kleinformatige Klischee des einsamen Cowboys.

Ruben Pellojero ist bei uns nur bekannt durch sein 30 Jahre altes Frühwerk DIETER LUMPEN, was vom Look her noch der spanisch-italienischen Schule verhaftet war. Ums Jahr 2000 herum hat er für sich diesen plakativen Halbrealismus entdeckt, den er meisterhaft beherrscht und mit akzentuierter Kameraarbeit bereichert.
Umwerfend ist seine Einbeziehung atmosphärischer Hintergründe, jedes Panel bei Pellejero atmet Dramatik, weil seine Figuren unlösbar in dieser Landschaft integriert (und von dieser auch definiert) sind und ihrem Schicksal nicht entrinnen können.

Weiterhin muss betont werden, dass REGENWOLF aus weiblicher Perspektive erzählt wird.
Blanche McDell, die Tochter des Eisenbahn-Magnaten und das Entführungsopfer, ist die neutralste Stimme im Chaos, sie sortiert die Ereignisse – und scheut sich nicht, diese auch zu bewerten:

Eine unaufdringliche Seite zum Finale des Albums, die stimmungsvoll das Geschehene aus subjektiver Sicht rekapituliert und zugleich den Stoff überhöht zum Aufbruch in die Moderne des nächsten Jahrhunderts. Die Farben lichten sich von Grau über Rot in ein Gold: Das Zeitalter des Pazifismus und Feminismus dämmert herauf am Horizont.
(Gut, wir wissen, dass Blanche sich irrt und noch ein Jahrhundert drauflegen muss, aber die Vision ist präsent, die Hoffnung blüht auf.)

REGENWOLF könnte ein Western sein, der auch Genre-Hassern gefällt, weil er sich nicht mit dem Klein-Klein der Gattung aufhält, sondern ganz allgemein von Menschen und ihren Emotionen und Träumen erzählt.

Wir blättern ins Werk hinein:

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