Abenteuerlustiges Geflügel: ADVENTURE HUHN

Es kommt die Szene, wo ein Bote, der das Huhn und die Raupe ein Stück mitgenommen hat, seine Anhalter verabschiedet: „So, hier lassen wir euch raus. Wirklich schade, dass wir euch nie wiedersehen werden.
Aber man sieht sich ja immer zweimal im Leben,“ wirft das Huhn ein, worauf der Bote „Nie wieder! Schade!“ erwidert und abrauscht. Der Mann hat offensichtlich die Nase voll von der Gesellschaft seiner Mitreisenden.

Verständlich, denn ein völlig verpeiltes, vorlautes und verstrahltes Huhn ist die Hauptfigur in diesem Comic. Ihr Sidekick ist eine Raupe namens Susan, die vor dem Moment ihrer ersehnten Wandlung in einen Schmetterling vom Huhn gestört wurde und nun mit diesem auf Wanderschaft nach Abenteuern geht.

Achten Sie auf das mittlere Bild in der unteren Bildreihe, es liefert einen Meta-Kommentar auf die Geschichte: Die Handlungen des Huhns erklären sich aus einer traumatischen Vergangenheit, die wir aber jetzt frech aussparen! Wir haben es der Konvention halber erwähnt, damit bekommt ADVENTURE HUHN Brief und Siegel, eine gültige Genrestory zu sein (was sie aber eben nicht ist).
Es gilt das schwäbische Motto: „Des sag i dir, des glaubsch du mir.“

Auf „Abenteuer komm raus!“ ist dieses Huhn aus – denn es scannt ihre Umgebung nur daraufhin ab. Huhns Lebensmotto ist die selbsterfüllende Prophezeiung: Sie macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt.
Sollte das missraten, was in der Regel auch geschieht, trübt das ihre Stimmung kein bisschen. Das nächste vermeintliche Abenteuer wartet schon an der nächsten Ecke – und das kann nur besser werden.

A chicken with no name

 

Die Fortsetzung von 2021.

Nirgendwo wird gesagt, wo wir uns eigentlich befinden. Eine Waldlandschaft? Eine Märchenwelt? Eine Paralleldimension? Alles zugleich?!
Nirgendwo wird verraten, wie die Titelfigur überhaupt heißt!
Das Huhn ist das Huhn … ist das Huhn, möchte man ergänzen.

Alles und jedes in ADVENTURE HUHN scheint Chiffre zu sein, wir erschließen uns die Handlung aufgrund bekannter Marker, die wir sinnstiftend aufsaugen.

Unsere Synapsen registrieren: Titel „Adventure Huhn“, zwei sprechende Tiere im Wald, ein nicht näher bezeichnetes „Abenteuer“ soll erlebt werden, Aufbruch in die Welt, Begegnung mit Ogern und Suche nach Nahrung – das alles auf den ersten 20 Seiten.

Ein Außerirdischer verstünde keine einzige Seite von ADVENTURE HUHN, wir aber ziehen unser Genre-Wissen zurate, genährt durch jahrzehntelangen Konsum von Popkultur. Wir akzeptieren augenblicklich, dass ein Huhn im Comic auf Abenteuersuche geht.

Dass wir dann einer Prinzessin in Froschgestalt begegnen (sowie einem Schloss voller Fabeltiere und Monster), wundert uns nicht. Im Gegenteil sind wir dankbar, wie kreativ und „spinnert“ Franziska Ruflair die bekannten Zutaten mischt und daraus ihren eigenen Kuchen backt.

Wild wird es allerdings (und hier bin ich vor Lachen vom Stuhl gerutscht), wenn selbst unbelebte Gegenstände ins Spiel kommen und tragende Rollen übernehmen. Ich sage nur: Stocki!
(Huhn, Susan und Prinzessin Molly werden gefangengenommen und dem Herrscher des Schlosses vorgeführt. Der steht soeben einem Maler Modell – und entpuppt sich als linealgroßes Holzstück, das auf dem Rücken eines pelzigen Monsters reitet):

Hier betritt Ruflair die Dimension des absurden Humors und sagt jeder Glaubwürdigkeit Adieu. Fortan ist ADVENTURE HUHN für alles gut, selbst für die Hochzeit von Stocki mit Prinzessin Molly (aber ich will nicht zu viel verraten).

Wo die irren Hühner reisen

 

Ruflairs Comic ist mit Fantasy, mit Rollenspielen und auch mit Adventure Games verglichen worden. Ich kenne mich in allem zu wenig aus; für mich funktioniert ADVENTURE HUHN, weil es Konventionen kippt, spiegelt und bricht – es ist ein Werk der Satire.

Ein Huhn als Heldin, Monster mit Kunstgeschmack, ein skrupelloses Stück Holz, eine Abenteuerreise als ausgedehntes Picknick, ein ewig nörgelnder Sidekick und die Verkennung, ja Verneinung jeglicher Gefahr – das macht einfach Freude.
Zum letzten Punkt: Das Huhn ist derartig manisch und nach Ruhm süchtig, dass es niemals die Möglichkeit des Scheiterns einberechnet und deswegen vor jeder Gefahr gefeit ist.

Typische Szene aus Band 2: Der unheimliche Fünfkopf, der Henker des Waldes, steht bedrohlich hinterm dem Huhn. Während Budo, die Eichel, einen Schreckensschrei ausstößt, bietet das arglose Huhn ihm eine Umarmung an.
Selbst als es roh gepackt wird und der Ernst der Lage klar sein sollte, reagiert es mit einer trockenen Feststellung und weigert sich somit, in Gefahr zu sein. Das Huhn ist unerschütterliche Optimistin und trägt mit ihrer Naivität zur kinderfröhlichen Stimmung dieses Werks bei.

Überhaupt transportiert Ruflairs Comic eine Atmosphäre der „Positivity“. Immer wieder ermuntern sich die Figuren, ihre Persönlichkeiten anzunehmen, und versichern sich ihrer Einzigartigkeit. In folgender Szene am Beispiel der Raupe Susan exemplifiziert, die gerne ein Schmetterling wäre und sich mit nur einem Flügel gehandicapt fühlt.
Sie entdeckt ein Ratgeberbuch der Frau, die ihr immer Mut gemacht (eine gefeierte Bestseller-Autorin namens Madame Mafalda) hat und schwärmt dem Huhn davon vor.

(Dieses Set-up wird Ruflair später nutzen, um Madame Mafalda von diesem Heiligenthron zu stoßen, Susan bös zu desillusionieren, das Ganze als Marketing-Masche zu enttarnen und mal prinzipiell: Dieses Gesülze über Raupen und Schmetterlinge sei „reine Metapher“ gewesen.)

All der chaotische Adventure-Irrsinn mag wie gehobener Nonsens wirken, doch ich behaupte, Ruflair legt größten Wert auf die Gefühle und Hoffnungen ihrer kaum ernst zu nehmende Charaktere.
Siehe „Dohle“, das eifrige Pflanzen-Mädchen aus Band 2, dem universitäre Bildung versprochen wird. Dabei wird Madame Mafalda sie kaltblütig als „Ghostwriterin“ ausbeuten! Doch erst einmal schauen wir auf dieser Begegnung der Charaktere:

Das Huhn und Raupe Susan gelangen nach „Mafaldia“, einer Baumschule im Wald, regiert von der erwähnten Madame Mafalda, einer lila Fee mit Fünfzigerjahre-Look. Dort lebt eine verzauberte Flora in Form von lebendigen Setzlingen, Kastanien, Eicheln und Tannenzapfen.

Sehr putzig, doch verbirgt sich hinter der Fassade der freundlichen Philanthropin Mafalda (die der Raupe Flügel verspricht!) natürlich eine dunkle Seite.

Mein Figurenliebling ist Penny, das Kastanien-Männchen. Wobei „Kastanien-Männchen“ eine falsche Assoziation hervorruft. Es sind nicht mehrere Kastanien, zusammengesteckt zu eine Art Gliederpuppe, es ist ein Männchen in einer Kastanie!

Penny, das Kastanien-Männchen, kann auch nichts. Außer mit beiden Händen (wie proklamiert) seine Würde hochzuhalten. Penny ist ein vollkommen sinnfreies Konstrukt. Eine Idee, die nirgendwohin führt. Ist das nicht herrlicher Unsinn de luxe?!

Große Lüge Märchenwelt

 

Das Huhn und Susan rekapitulieren am Ende die Geschehnisse in Mafaldia. Auch dieses Abenteuer ist nicht so gelaufen, wie sich unsere „Helden“ (und auch wir) das vorgestellt haben.
Susan schiebt Frust, doch das unverwüstlich optimistische Huhn wird ihr antworten, dass man manchmal eben nur weglaufen könne: „Das geht auch Adlern so.“

Immer wieder verbaut Ruflair kleine Meta-Späße in den Folgeband, am schönsten eine überraschende Reprise auf Huhns „tragische Backstory“, die wir leider verpassen, weil die Handlung gerade auf Susan gerichtet ist, die sich bei einem Pressegespräch mit Madame Mafalda langweilt.

ADVENTURE HUHN ist auch lesbar als eine ausufernde Narrengeschichte mit dem Tonfall einer „Münchhausiade“ – wenn es nicht alles garantiert wahr wäre!
:- )

Als die Mainzer Illustratorin Franziska Ruflair 2019 bei avant ihren ersten flotten 80-Seiten-Spaß über ein verrücktes Huhn vorlegte, konnte man noch an einen Zufallstreffer glauben. Einer Frau, die gar keine Comiczeichnerin ist, sondern ihr Geld mit „Graphic Recordings“ verdient, gelingt eine originelle Satire auf das Fantasygenre.

Jetzt allerdings ist die Fortsetzung erschienen, ADVENTURE HUHN Band 2 liegt bei avant vor, übertrifft Band 1 schon quantitativ mit seiner Anzahl von 130 Seiten und ist eine nächste amüsante Offenbarung.

Auch wenn Band 2 langsamer und breiter erzählt (Band 1 ist sensationell verdichtet), wartet er erneut mit skurrilem Personal und jenseitigen Ideen auf.
Damit mache ich es amtlich: Ruflair zählt in die erste Liga der komischen Comicfrauen!

Die Künstlerin übrigens widmet den zweiten Band vielsagend „allen, die noch ein wenig Platz für Unsinn in ihrem Herzen haben“.
Ha, Unsinn ist mein zweiter Vorname.
In meinem Unsinns-Account auf Instagram blättere ich durch das Werk:

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