Frau mit Fassung:  MAGGY GARRISSON

Wieso England?
Das habe ich mich  bei der Lektüre öfters gefragt: Wieso England?
Nicht, dass es falsch wäre oder stören würde, aber warum hat Autor Lewis Trondheim seinen Stoff nicht im heimischen Frankreich angesiedelt?

Auch auf dem Kontinent gibt es solche Figuren und Strukturen, wie sie uns in MAGGY GARRISSON begegnen: sinnsuchende Menschen (nicht mehr ganz jung), Kleinkriminelle,  korrupte Polizisten, abgerissene Privatdetektive und einen abwesenden Staat, der seine Bürger sich selber überlässt.

Ebenfalls ist der Plot keiner, den ich als typisch englisch bezeichnen würde, im Gegenteil: Die Handlung erinnert mich in ihrem ruhigen Verlauf eher an französische Kriminalfilme. Wieso also England?

Den Plot mal schnell präsentiert: Maggy beginnt beim Privatdetektiv Wight zu jobben, hat ein Naturtalent für Problemlösungen, rutscht in einen Fall um Geldwäsche und gelangt in den Besitz einer größeren Summe. Gemeinsam mit ihrem Freund sackt sie die Kohle ein und tut, als wäre nichts gewesen! Doch eine aufkeimende Freundschaft mit der Polizistin Sheena und beraubte Gangster verkomplizieren die Dinge.

Maggy löst höchst pragmatisch ihren ersten Auftrag: Den entflogenen Kanarienvogel einer alten Dame ersetzt sie kurzerhand durch einen neuen (anhand eines Fotos sucht sie sich ein passendes Tier aus).

 

Diese Handlung könnte überall in Europa spielen. Wieso England?
Wenn es wenigstens wegen London wäre, aber nirgendwo auf 138 Seiten schildert MAGGY GARRISSON das London, das wir kennen.
Nix Tower Bridge, Houses of Parliament, Piccadilly Circus, sondern triste Vororte, gesichtslose Straßen – und sogar ein Ausflug nach Brighton!
Auch das hätte sich problemlos in den Vorstädten von Paris und in Le Havre inszenieren lassen.

Irgendwo in England: Hauptfigur Maggy bei einer Tür-zu-Tür-Recherche.

 

Wieso also England?
Denn Lewis Trondheim ist trotz des Künstlernamens kein Brite, sondern Franzose aus Fontainebleau, heißt gebürtlich Laurent Chabosy und ist so etwas wie das Wunderkind der dortigen Comicszene.

Mit gerade mal 25 Jahren gehörte er 1990 zu den Gründern des legendären Verlags L’Association, der seitdem die Comiclandschaft umpflügt wie in den Siebzigern das Magazin METAL HURLANT.
Trondheim hat Dutzende Comics gezeichnet (am bekanntesten wohl die Semifunnies DONJON, HERR HASE, RALPH AZHAM), darüber hinaus aber auch etliche Werke geskriptet und mit anderen Zeichnern realisiert.

Ein Kreativbolzen also, der sich sein englisches Setting wählt, weil er es kann. Punkt.
(Wahrscheinlich ist es eine private Form der Hommage, die sich mir nicht erschlossen hat.)

Kurzzeitig dachte ich, ich hätte die Lösung gefunden: Trondheim wähle England, weil er einen sarkastischen Abgesang auf das Brexit-Phänomen halten wolle.
Ein isoliertes Gemeinwesen geht den Bach runter. Coole Ansage!
Dann fiel mir auf, dass die Serie (MAGGY GARRISSON ist abgeschlossen in drei Bänden) bereits 2014 begann, also zwei Jahre vor dem Referendum.
Bäng!, platzt die Gedankenblase. Egal!

MAGGY GARRISSONs England ist gerne mal regnerisch, gerne mal langweilig und gerne mal bevölkert von wenig attraktiven Menschen. Zum Beleg zeige ich Seite 1 aus Band 3, auf der Trondheim spaßige Funken aus allen drei Prämissen zieht:

Richtig gesehen: Ashley ist der kahlköpfige Typ im Ballonseiden-Outfit, der Maggy und ihrem Freund Alex gleich eine Waffe verkaufen wird.

 

Sie haben es inzwischen bemerkt: Die Freude an dieser kleinen, aber ultrafeinen Comicserie liegt in ihrem lakonischen Humor. Den Zeichner Stéphane Oiry in gekonnt unaufgeregten, aber effektiven Bildern perfekt zur Geltung bringt.

Dazu gehört zuallererst das sture, konventionelle 12-Panel-Seitenraster, das sich manchmal mit breiteren Bildern bis auf 9 Panels hinunter öffnet, aber nie durchbrochen wird.

(Randbemerkung: Bin kein Freund von konventionellen Layouts, der Erfolg derselben hängt oft vom Genre ab, schon das 9-er-Raster in MISTER MIRACLE hat mich fertig gemacht, wer mag, schaut hier nach.)

MISTER MIRACLE (Panini)

 

Für die Handlungsfäden in MAGGY GARRISSON aber funktioniert es perfekt!
Denn wir haben es mit einer Alltagswelt zu tun, in der höchst selten etwas Aufregendes passiert.

Die „Actionszene“ aus Band 2: Alex und Oswald verschaffen sich gewaltsam Zutritt zu den Büros einer Sicherheitsfirma. Nebenher baut Trondheim noch eine Referenz auf die Krimiserie „Starsky & Hutch“ ein.

 

Zudem wählt Oiry einen pseudorealistischen Stil, der dem Sujet Glaubwürdigkeit verleiht. Ein ins Komische neigender Strich in Richtung Semifunny hätte den Humor unterlaufen; ein akkuraterer Strich in Richtung Fotorealismus hätte den Stoff zu schwer wirken lassen.

Also Artwork ist töfte, achten Sie auch mal auf die fein abgestimmte Kolorierung und die dezente geführte „Kamera“, die subtile Betonungen setzt!

Maggy tritt in ihre durchwühlte Wohnung. Die zu einem Großpanel arrangierte erste Bildreihe sorgt für einen Panoramaeffekt. Das zweite Bild mit dem geöffneten Staubsauger nimmt witzigen Bezug auf die vorher erwähnte Tatsache, dass Geld gerne in Staubsaugerbeuteln versteckt wird. Gutes Beispiel auch für Maggys blitzschnellen Ideenreichtum: Mit einem billigen Trick bewegt sie ihren Freund Alex zum sofortigen Vorbeikommen. Im Ganzen bleibt Maggy gelassen. Eine Frau mit Fassung.

 

Eine Frau mit Fassung, soso. Was ist denn generell los mit dieser Hauptfigur, bitte?
In MAGGY GARRISSON verfolgen wir einige Monate im Leben einer normalen Frau, circa Mitte 20. Trondheim und Oiry verzichten völlig auf eine Sexualisierung ihrer Hauptfigur, sondern gestalten ihren Charakter mit Fokus auf Maggys Verhalten.

Ein schöner Beweis dafür, dass Frauen in Comics
nicht sexy aussehen müssen.
Eine Menge Menschen hält das nämlich für ein unumstößliches Dogma.

 

Die arbeitslose, noch junge Frau ist mitnichten in ihrem Dasein eingerichtet. Maggy hat zu Beginn keinen Freund, sondern muss sich im Pub aufdringliche und hässliche Vögel vom Leibe halten. Was ihr mit ihrer frechen Schnauze nicht schwer fällt.

Mehr aus Langeweile widmet sie sich ihren detektivischen Untersuchungen und erliegt augenblicklich der Verlockung des Geldes. Gut, es ist Ganovengeld, das niemand legal einfordern wird. Bei der Beschaffung desselben hilft ihr der Kleinkriminelle Alex, ein Typ um die 30, intelligent, der für seinen Gangster-Cousin Barney Geld eintreibt.
Überraschend und unkonventionell, dass Maggy und Alex nicht nur „partners in crime“, sondern auch Bettgenossen werden.

Wobei diese Beziehung überschattet bleibt von Vertrauensfragen sowie der drohenden Vergeltung durch höherrangige Gangster bzw. die Polizei  – denn Sheena und ein Kollege haben weniger Interesse an der Aufklärung, sondern möchten selber einen Teil vom Kuchen.

Interessanterweise erfahren wir kein Stück Information aus Maggys Vorleben. Einzig, dass sie eine Mutter hat. Die sie im Mittelteil von Band 2 besucht. Und das auch nur, um dort im ehemaligen Jugendzimmer (in einer Brettspiel-Verpackung) ihr Diebesgut zu deponieren.
Mit diesem Wissen ist es umso lustiger, dass sie der Mutter die folgenden Nachrichten übermittelt:

„Wirf also bitte meine Spielsachen nicht weg“? Ganz schön kaltschnäuzig (und effizient). Maggy erscheint hier nicht als warme Person, das Verhältnis zur Mutter scheint zerrüttet (und wird nie erklärt).

 

Auch das macht die Faszination an MAGGY GARRISSON aus: Nirgendwo assistiert uns eine hilfreiche Erzählerinstanz, wir müssen uns die Motivationen der Figuren aus ihren Handlungen erschließen.
Dieser Comic konfrontiert uns mit einer seltsamen Frau, die spontane Entscheidungen trifft – und dann versucht, so clever wie möglich mit den Konsequenzen umzugehen.
Dies ist ein Krimi im Kleinformat, wo es nicht um Morde oder Verschwörungen geht, sondern um das bloße Verschieben von 30.000 Pfund Bargeld.

Das sind eigentlich „Peanuts“, doch sämtliche Figuren in MAGGY GARRISSON sind hinter dieser Summe her wie der Teufel hinter der armen Seele – und drehen dafür krumme Dinger, begehen Verbrechen, begehen Folgeverbrechen, begehen Vertuschungsverbrechen. Die Spirale dreht sich immer weiter

Das Geld ist der übergeordnete Handlungsfaden über alle drei Alben. Die Konstellation der Charaktere sorgt dafür, dass sich die Verhältnisse zuspitzen. Auf unangenehme Weise. In Band 3 geht es dann tatsächlich um Leben und Tod und andere langfristige Konsequenzen …

Merke: Einmal Unrecht begangen, es ist nicht wieder gutzumachen.
(Wusste schon Kafka, der war zwar Landarzt, hatte aber nur Ärger mit Hausbesuchen. Späßle.)

Schlüsselszene aus Band 1: Vor Maggys Türe stehen die Geldeintreiber Alex und Tobias und drohen ihr mit Einbruch. Maggy trinkt in relativer Ruhe einen Tee, denn sie hat telefoniert und wartet auf das Eintreffen der Polizei.

Wir springen eine Seite: Die Polizei ist da, die Kleinkriminellen stehen belämmert im Flur. Maggy händigt den Beamten die geldwerten Tickets aus, die damit in Sicherheit sind. Sie macht Alex noch frech schöne Augen:

Dieser Alex ist derjenige, der wenig später noch Maggys Freund wird! Und die ihr bereits bekannte Polizistin Sheena ihre Feindin, so viel sei verraten.

In diesem Comic ist rein gar nichts simpel oder schwarzweiß. Alle Charaktere in MAGGY GARRISSON machen einen Wandel durch.
Und das mitzuverfolgen ist aufregend, anregend und sogar spannend. Sämtliche Figuren wachsen einem auch ans Herz, das erlebe ich nicht allzu oft in Comics.

Trondheim und Oiry gelingt ein echtes Milieu-Meisterwerk.


Wiederholt und betont
sei nochmal, dass diese kleine Albenserie (die so offen bleibt, dass sie sich weiterführen ließe!) hauptsächlich vom Humor lebt.
Maggy und Alex schaffen es, sich das Geld zu sichern und unter sich aufzuteilen.
Die nun wohlhabende Maggy geht jedoch wie üblich einkaufen, um natürlich keinen Verdacht zu erregen:

Hier wird Maggy nochmals moralisch verortet: Sie stiehlt ohne schlechtes Gewissen. Dennoch bleibt einem die Figur sympathisch.

 

Band 1 von MAGGY GARRISSON trägt den antifeministischen Provokationstitel „Lach doch mal, Maggy!“ – jene chauvinistische Aufforderung an meist jüngere Frauen, doch mal locker zu bleiben und sich auf ihren weiblichen Charme zu besinnen anstatt nüchtern auf Teilhabe zu pochen.

Tatsächlich ist das Lächeln, das sich Maggy auf der allerersten Seite des Comics abringt, das größte (und falscheste) im ganzen Lauf der Serie.
Denn es ist zu nichts nutze!

Der zu beeindruckende Arbeitgeber döst leider in einem Alkoholkoma und ist dem (sowieso ins Leere laufenden) Charme Maggys in keiner Weise zugänglich.

 

Also stellt unsere Hauptfigur ihr Lächeln wieder ein und verlässt sich im weiteren Fortgang lieber auf ihr Köpfchen und eine schnelle Auffassungsgabe – anstatt ihr Leben mit Oberflächlichkeit zu vergeuden.

Diese Maggy Garrisson ist cool: Stets bewahrt sie ihre Fassung. Noch dazu kann sie schnell kombinieren – sie sollte es vielleicht mal am Pokertisch versuchen.

Das wäre meine Idee für den Beginn einer Fortsetzung: Maggy nimmt an einem Pokerturnier teil, bei dem es nicht mit rechten Dingen, aber einer Menge Geld zugeht.
Jetzt bräuchte ich nur noch den direkten Draht zu Lewis Trondheim, um ihm das vorzuschlagen. Bei der Gelegenheit natürlich frage ich ihn: Wieso England?

Gute Nachricht: Diese Reihe ist so wundervoll, dass ich sie zum Klassiker des modernen Comics erklären möchte.
Schlechte Nachricht: Sie müssen alle drei Bände kaufen. Der erste macht Lust auf den zweiten, der zweite Lust auf den dritten. Kostet Sie knapp 45 Euro.
Wieder gute Nachricht: Die Anlage lohnt sich, denn MAGGY GARRISSON können Sie alle paar Jahre wieder zur Hand nehmen und mit Vergnügen durchschmökern.
Verlagsinfos HIER.

Im Insta-Video blättern wir durch die drei Bände von MAGGY GARRISSON.

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