France BD: GOTLIB – UNE VIE EN BANDESSINÉES

Marcel Mordekhai Gottlieb, der sich als Zeichner Gotlib nannte, ist der Weltmeister der grotesken Fratzen. Wir begehen demnächst seinen zehnten Todestag – und seine schrägen Visagen bleiben unübertroffen.

Ich hatte als Schüler eine Gotlib-Phase, als der Carlsen Verlag ab 1983 in seiner Taschenbuchreihe „16/22“ vier Bändchen mit seinen RUBRIQUE-À-BRAC-Arbeiten herausbrachte, irrwitzige Parodien und Neubetrachtungen aller möglichen Phänomene – von Oper über Italowestern bis zu Tierkunde und Volksmythen!

© für alle Abbildungen: Marcel Gotlib / die jeweiligen Rechteinhaber

Tarzan lernt den Dschungelschrei, verschluckt sich jedoch an einem Marienkäfer (dieses Tierchen war Gotlibs Markenzeichen und Signatur).

Mit solchen Seiten katapultierte sich der damals Dreißigjährige in den Olymp des frankobelgischen Semifunnys. Seine Minicomics waren der heiße Scheiß und erweiterten den Horizont des harmlos geprägten Humors aus TINTIN und SPIROU.

Von ulkig und albern zu rüde und respektlos

Gotlib ist Schöpfer der Figuren SUPERDUPONT (Frankreichs peinliche Antwort auf Superman), der Pfadfinder um HAMSTER FIDEL, des lethargischen Hundes GAI-LURON (dt. WITZBOLD) sowie des unverdrossenen Exhibitionisten PETER PERVERS.

Und wahrscheinlich hat er mehr für die Popularität Isaac Newtons getan als alles Schulwissen, das wir aus dem Unterricht mitgenommen haben.

Nur eine Seite von Dutzenden: Gotlib variiert Newtons Eureka-Moment mit dem fallenden Apfel so oft, bis man vor Lachen nicht mehr kann. Zugleich entlarvt er damit die Obsession unserer Kultur, Weltgeschichte auf solche nicht mehr hinterfragte Anekdoten zu beschränken.

Ich will nicht zu comichistorisch werden (studieren Sie bitte selber die folgenden Links), spätestens mit den eigenen Comicheft „Fluide Glacialetablierte sich ein neuer Ton:

Gotlib scharte 1975  kongeniale Querköpfe wie Édika, Binet, Goossens, Maester, Bretecher, Masse, Solé, Mandyka und Alexis um sich und tat nichts anderes, als gepflegt auf die Kacke zu hauen.

Seine Werke werden radikaler, wenden sich komplett von den jugendkonformen Anfängen ab und präsentieren blasphemische, skatologische und pornografische Inhalte.

Ich erinnere eine Crossover-Geschichte aus „Barbarella“ und „Alice im Wunderland“, in welcher die unschuldige Alice sich in die bekannte Weltraumnymphomanin verwandelt und erst mal einen Koitus mit einem vorbeikommenden alten Klempner haben muss.
BARBARALICE ist der Frühjahrsputz in der Assoziations-Kammer eines männlichen Heterogehirns. Nicht unbedingt schön, aber aller Schmutz kommt zu Tage.

Derb und deftig geht der Künstler zu Werke, wenn er (beispielsweise) den Filmerfolg „Der Exorzist“ parodiert. Weshalb er aus dem Mädchen Regan einen pubertierenden Jungen macht, wird schnell klar.

Um möglichst viel phallische Action geschehen zu lassen, naturellement.

Ich zeige die Sequenzen nicht, aber dieser Passage folgt ein komplettes Eintauchen des Jungen in die Vagina der Mutter (samt Neugeburt durch den Mund), eine angedeutete Vergewaltigung, eine Urindusche für den Priester sowie ein analer Exorzismus (die ursächliche, verfluchte Hostie entweicht dem Rektum des gequälten Jungen).

Betrachten wir ein anderes Beispiel, Gotlib hier erneut rüde und respektlos: Im „God’s Club“ treffen sich Jupiter, Allah, Wotan, Buddha, Jehova und Jesus – und ziehen sich Pornos rein!

Mit solchen Tabubrüchen wird Gotlib zum Vordenker des französischen Underground im Funnybereich, so wie zeitgleich Typen wie Moebius, Druillet und Voss den realistischen Comic umkrempeln (schlagen Sie eine beliebige Ausgabe von „Schwermetall“ aus den Achtzigerjahren auf).

Als Einflüsse hat Gotlib immer das amerikanische MAD-Magazin erwähnt, es waren jedoch auch viel filmische Vorbilder dabei, man denke an die überdrehten Zeichentrickfilme des Fleischer-Studios (die verzerrten Visagen!).

Gotlib noch einmal ulkig und albern: Welches Aussehen können Außerirdische haben?

Kurz: Ich war eine Phase lang Fan von Gotlib, habe mich aber bald auch sattgesehen an seinen Manierismen.
Wie viele entgleiste Fratzen kann man sich anschauen, bis die Masche ausgereizt ist!?

Dennoch bleibt der Mann ein Gigant und ich rede heute über ihn, weil letzten Winter eine wunderschöne Comicbiografie über den Mensch und Künstler erschienen ist.

Es gibt da jetzt was Neues

GOTLIB – UNE VIE EN BANDESSINÉES beginnt mit dem Schuljungen Marcel, der in Westernfantasien lebt, die heimischen Wände mit Cowboys bemalt und glaubt, sein Vater Ervin sei ein Sheriff – weil er einen gelben Stern trägt.

Als er acht Jahre ist, sagt ihm sein Vater am Bahnhof Adieu. Marcel wundert sich nur, dass lauter Sheriffs am Bahnsteig stehen.

Ich weiß nicht, ob es wirklich diesen Abschied am Bahnhof gab, aber Marcel wird seinen Vater nie wiedersehen.

Die saloppe Inszenierung ist verblüffend und erschütternd zugleich. Und ich frage mich: Wie kann ein Mensch, dem so grausam der Vater entrissen wird und der später einen Sohn verlieren wird, noch lustig sein?!

Humor in allen Spielarten wird Marcels Ventil werden. Zunächst arbeitet er als Letterer für andere Comics, ist ein manischer Autodidakt, putzt jahrelang Klinken und leidet nebenher unter fürchterlichen Migräneattacken.

1965 wird er bei „Pilote“ und der Redaktion um Charlier und Goscinny vorstellig. Er darf kleinere Jobs einreichen und der Chef persönlich schreibt für ihn die lustigen Kurzcomics DINGODOSSIERS.

Also klotzt Marcel selbst im Urlaub Tag und Nacht ran, um Goscinny nicht zu enttäuschen. Dann stolpert er völlig erschöpft in dessen Büro und lässt sich im Pulverdampf der gemeinsamen Zigaretten beurteilen: „Sie sind komplett verrückt, mein guter Gotlib“.

Doch sein Fleiß macht sich bezahlt und Gotlib steigt auf zum neuen Star der Funnyszene.

Der Comic verdichtet Marcels Höhenflug im Kapitel „Dieu de l’Umour“ auf fünf Seiten anlässlich eines Porträts durch den Comicjournalisten Numa Sadoul.

Gotlib gibt den abgeklärten Künstlerfürsten („Groucho Marx, Woody Allen …“ – „Ach, die Kollegen“) und streift durch seinen Palast, umgeben von einer Dienerschar.

Er sei auch nur ein Mensch, und ein Künstler sei immer auf der Suche nach Befreiung. Es gehe um das Bezwingen der Zweifel und um die Überwindung der Schwächen.

Ende der Sechzigerjahre ist Frankreichs Gesellschaft in Aufruhr (Mai 68), das schlägt selbst auf die Comicszene durch, wo der kaum jüngere Jean Giraud alias Moebius den internen Putsch gegen Goscinny versucht.

Der kann sich noch halten, doch es brodelt auf den Zeichentischen. All die jungen Wilden gründen bald neue Magazine und Gotlib (der ein braver Familienvater ist) sitzt zwischen den Stühlen.

Und wo die anderen Drogen nehmen und bunte Fantasiewelten entwerfen, entfesselt Marcel seine inneren Dämonen und provoziert seine Umwelt mit grobem Unfug. Siehe oben!

GOTLIB – UNE VIE EN BANDESSINÉES illustriert uns noch seine Herkulestaten als Redakteur (dazu Bilder im Reel), dann verpufft seine kreative Energie Ende der Achtzigerjahre, höchst erstaunlich für einen Comicmenschen.

Vielleicht hat er sich ausgetobt, vielleicht ist alle Luft aus dem Ventil gewichen. Die Comicbiografie komprimiert clever ein paar Fakten (er steht im Lexikon zwischen „Gotland“ und „Gotlober“) und lässt ihn konstatieren: „Ich wollte doch bloß Unsinn erzählen“.

Greift die Biografie zu kurz?

Dieser Comic geht sehr sprunghaft und elliptisch durch Gotlibs Leben. Er reißt die wichtigsten Ereignisse an, ohne die Materie wirklich zu vertiefen.

Uns werden Anekdoten präsentiert (Vorstellung bei René Goscinny, die Jahre bei „Pilote“, erster Ruhm, die Rebellion der jungen Zeichner, das Scheitern mit „L’Echo des Savannes“, Geburt der Tochter, Aufbau von „Fluide Glacial“, Ruhestand), die man auch im französischen Wikipedia-Eintrag findet und die zum Allgemeinwissen von Comicfans gehören.

Das gelingt auf knappen 76 Seiten (plus hübscher Anhangsdokumentation), ist jedoch nur ein Ersteindruck.

Ich stelle diese Arbeit vor, weil Szenarist Arnaud Le Gouëfflec mit Zeichner Julien Solé (Sohn des legendären Gotlib-Kollegen Jean Solé) ein „Dreamteam“ sind und einen wunderwunderschönen Comic abgeliefert haben, der mich auf jeder Seite mit seinen kreativen Ideen zur Umsetzung begeistert.

Der Verrat an der künstlerischen Vaterfigur: Bretécher, Mandryka und Gotlib lösen sich von ihrem Elternhaus „Pilote“ und machen ihr eigenes Ding mit „L’Echo des Savannes“ – Sie sind alle schuldig!

Wo ist der Künstler noch präsent?

Auf Deutsch ist Gotlib zahlreich erschienen, doch im Grunde nicht mehr nach 1990 (s. Listung auf comicguide.de)

Ist der Mann wiederzuentdecken?

Ich habe Sympathie für alle seine Werke, obwohl mir das Meiste heute schlicht zu albern ist. Ich schätze seine wüsten Underground-Ausbrüche, denn ich bin prinzipiell für jede Grenzverletzung in der Kunst zu haben – solange sie kompetent gemacht und nicht bösartig ist.

Fluide Glacial“ erscheint übrigens noch heute, ist an größeren Bahnhofskiosken erhältlich und hat alle Konkurrenten überlebt.

In Frankreich ist Gotlib wahrscheinlich das Pendant zu unserem Otto Waalkes, hoch verehrt und unvergessen.
Zurzeit beginnt dort ein monströses Projekt: sein komplettes Œuvre, präsentiert in Jahresbänden mit Zusatzmaterial, aber nicht chronologisch.
Erschienen sind bislang seine Arbeiten aus den Jahren 1967 und 1968 (jeweils 220 Seiten).

Wer Interesse an GOTLIB – UNE VIE EN BANDESSINÉES hat, konsultiert Verkaufsplattformen im Internet und schaut sich vertiefend mein Reel auf Instagram an.

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