Klassiker im Check: Enki Bilals „Nikopol-Trilogie“

Der französische Zeichner, der seine Kindheit in Belgrad verbrachte, ist ein Phänomen. Bilal ist nicht nur Zeichner/Maler, sondern auch Kostümdesigner und Filmemacher – und der wohl teuerst gehandelte Comicillustrator seiner Generation. Sammler flippen über seinem Artwork aus und zahlen beinahe jeden Preis.

Das Artwork von Bilal ist dank seiner prallen Farben und des kräftigen, imposanten Strichs ein Hingucker. Dieser Maler tänzelt auf der Grenze zur bildenden Kunst, das macht ihn besonders, aber leider auch anfällig für ein Primat des Malerischen, sag ich mal.

Ich persönlich finde, den Mann hat es schon vor 20 Jahren aus der ‚Comickurve‘ getragen. Er macht seitdem mehr Kunst als Comics.
Seine Panels geraten öfter zu illustrativen, großformatigen Malereien in Direktkolorierung, die sichnicht mehr unbedingt auf das Erzählen von Geschichten zu fokussieren scheinen.

Sein Stil ist verwaschener als früher, die Farben düsterer, das wirkt schrecklich ernst – und schreckt mich ab. Mich beschleicht der Verdacht, Bilal hat seine Ironie verloren, aber dazu später mehr …

Aber Bilals Frühwerk ist hochinteressant und faszinierend.
Als er in Deutschland 1981 in Häppchen mit EXTERMINATOR 17 in „Schwermetall“ veröffentlicht wurde, dachte ich: „Na, da macht aber einer schwer auf Moebius!

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN: Gott Horus verklickert Nikopol. was Sache ist. © für alle Abbildungen: Enki Bilal / Carlsen Comics

Die Sujets waren die von Moebius, manch grafische Marotte auch,  bis hin zur Ausgestaltung außerirdischer Wesen und fremder Geometrien. Und doch war es zu gut und zu eigen, um Kopie zu sein.

Schnell hat sich Bilal freigeschwommen vom übermächtigen Vorbild, nach EXTERMINATOR 17 (1978) kamen DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN (1980), dies übrigens Teil 1 der „Nikopol-Trilogie“, sowie 1983 das Album TREIBJAGD (eine separate Analyse dazu finden Sie hier.)

Der Carlsen-Verlag hat 2018 die „Nikopol-Trilogie“ unter dem Titel ALEXANER NIKOPOL für 40 Euro auf den Markt geworfen (leider nicht mehr verlagslieferbar).

(Zur Bebilderung habe ich diesmal Seiten fotografiert, weil ich den schicken Band nicht unnötig auf meinem A4-Scanner zerknautschen wollte. Ist zwar schief, kommt aber in tauglicher Schärfe rüber …)

Also tauche ich nun ein in die komplette Trilogie und führe mir nochmals Teil 1 von 1980 zu Gemüte:

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN

Ein höchst verschrobener (und darum origineller!) Science Fiction-Stoff: Über dem Paris des Jahres 2023 schwebt eine Pyramide mit ägyptischen Göttern, die vom faschistischen Präsidenten der Stadt Treibstoff verlangen. Dieser, ein Herr Weißkohl, denkt gar nicht daran, sondern möchte nur seine Wiederwahl sichern.

Der abtrünnige Gott Horus will hingegen selber an die Macht und bedient sich dazu eines menschlichen Vehikels: Alexander Nikopol ist ein Sträfling aus dem Jahr 1990, frisch aufgetaut aus Kälteschlaf-Verbannung, der gegen Weißkohl in Stellung gebracht wird.

So verrückt war Bilal 1980: Der durchgeknallte Papst möchte levitieren und sich dabei von Engelswesen umflattern lassen (Spoiler: Das geht später gründlich schief!).

Mehr verrate ich nicht, nur so viel, dass dieser Comic seine Leser ohne Erklärungen mitten in ein merkwürdiges Geschehen und eine eigentümliche Welt stürzt (so was hat man 1980 noch kaum gewagt, wenn überhaupt; Bilal hier womöglich ein Pionier der Narration?!).

DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN erfreut mich noch heute mit einer Unzahl memorabler Bilder, Szenen und Einfälle, wie zum Beispiel: der Look  der herrschenden Klasse, die alle wie Mitglieder der Rockband „Kiss“ geschminkt sind.
Die ägyptischen Götter mit ihren Tierköpfen auf Menschenkörpern. Der von Engelstierchen umflatterte Technopapst. Die telepathische, grün-weiß gestreifte Katze, die am Ende eine Zeitung herausbringt.
Horus, der Nikopol eine Eisenbahnschiene für sein abgerissenes Bein anoperiert. Das blutige Eishockey-Match. Die Landung des Roboters an der Pyramide … und und und.

Die skurrile Operation mit der Beinprothese; im Hintergrund gehen die sieben Zwerge zur Arbeit.

Teil 1 dieser Trilogie ist immer noch klasse, ein intelligenter Science Fiction-Comic jenseits aller Formeln. Staunenswert. Jetzt habe ich ein wenig Angst, wie’s weitergeht.
Denn Teil 2 und 3 der „Nikopol-Trilogie“, die Alben DIE FRAU IN DER ZUKUNFT und ÄQUATORKÄLTE, stammen aus den späteren Jahren 1986 bzw. 1993 und tendieren schon in die illustrativ-künstlerische Richtung, von der Teil 1 noch völlig unbeleckt ist.

Diese Seite zeige ich noch der herrlichen Gesichtsbemalungen wegen. Beim blutigen Eishockey-Match explodiert der Sitz des Verschwörers, nicht der des Präsidenten Weißkohl (der Mann mit der Glatze).

Da ist also, wenn man so will, ein ‚Sprung‘ in der Trilogie, die Geschichten bauen nicht konsistent aufeinander auf. Aber der Meister erklärt im Vorwort mit einer gewissen Flapsigkeit, er habe sich „frei in der Erzählweise, frei von Beschränkungen der Rationalität“ gefühlt.
Oh-oh. Da schrillen meine Alarmglocken. Es kommt aber nicht so schlimm …

DIE FRAU IN DER ZUKUNFT

beschert uns ein Wiedersehen mit Nikopol, der beherzt ins Geschehen eingreift – und auch mit dem verbannten Gott Horus, der seinem Exil entkommen kann. Eigentlich aber geht es um Jill Bioskop, die frappant weißhäutige Frau mit den blauen Haaren.


Spielten in DIE GESCHÄFTE DER UNSTERBLICHEN Frauen keine Rolle (sie sind im weißkohlschen Patriarchat in Gebärkliniken eingesperrt), so widmet Bilal den zweiten Band seiner Protagonistin Jill.
Die ist Journalistin und versucht, über den gewaltsamen Tod ihres Liebhabers John hinwegzukommen. Dazu bedient sie sich einer Vergessens-Droge, die jedoch Nebenwirkungen fantastischer Art zu haben scheint.

Jill reist in einer Art Geheimauftrag von London nach Berlin (Bilal kennt sich aus in Berlin, hat ein Portfolio über die Mauer gezeichnet!) und soll über die Landung eines Raumschiffs berichten.
Damit trifft jedoch der entflohene Horus ein, dem Nikopol auf den Fersen ist (dank des telepathischen Katers Gogol, auch mit dabei!).
Alle vier verabschieden sich am Schluss in einen gemeinsamen Urlaub nach Ägypten!

DIE FRAU IN DER ZUKUNFT: Jill in Berlin.

Auch im zweiten Teil gelingt Bilal eine herrlich triste Zukunftswelt in strahlendem Grau (ist wie das Winterwetter in Köln, ehrlich), das entschädigt für einiges, auch wenn die Handlung wenig Sinn ergibt. Dennoch läuft sie flüssig. Kryptisch, aber flüssig.

Zudem jongliert der Zeichner gut gelaunt mit seinen Versatzstücken und Manierismen aus Teil 1: zerfallene Architektur, stumm herumblickende Passanten, stumme Action (Bilal nutzt keine Soundwörter, die würden auch seine Komposition stören), trostlose Zimmer, dekoratives Blut.

Horus nimmt Kontakt zu Jill auf, meckert aber erst mal über den Wein.

Ich bin mir nicht sicher, als wie sexistisch man die Darstellung der Jill werten muss. Sie verhält sich relativ passiv (was dem Thema ‚Trauma und Drogen‘ geschuldet sein mag), wird allerdings oft halbnackt in Szene gesetzt.
Schauen wir mal, was Teil 3 bringt:

ÄQUATORKÄLTE!

9 Jahre später ist Nikopol junior, der in Teil 1 und 2 kurz auftritt, nun die Hauptfigur. Er ist gleich alt wie sein Vater (der im Kältekoma jung blieb) und schaut aus wie dessen Zwilling. Es drohen Verwechslungen (die passieren auch zum Schluss), doch erst einmal ist Junior auf der Suche nach Nikopol, der mit Horus nach Zentralafrika geflohen ist.

Hier, in Äquatorcity, bereiten sich die beiden auf den Weltmeisterkampf im Schachboxen vor. Gegner ist der Supermensch Johnelvis Johnelvisson, der Junior seine neue Flamme Jelena ausspannen will.

Jelena ist die nichtweißhäutige, nichtblauhaarige Wiedergängerin von Jill, die im dritten Teil nur am Rande vorkommt. Die ist nämlich abgetaucht, nachdem sie ein nichtmenschliches Kind geboren hat. Sie will im Untergrund einen Film über ihr Leben zu Ende schneiden.

(In Teil 3 also erleben wir sie als unabhängige, alleinerziehende und voll bekleidete Frau und Mutter, die weiß was sie will.)

Schachboxer Nikopol hat sogar Schachboxer-Boxhandschuhe (und träumt von seiner verflossenen Jill).

Auch die Götter sind wieder mit von der Partie und schweben mit ihrer Pyramide über der Stadt.
Am Ende kommt es zum Zusammentreffen von Vater und Sohn, zum Showdown zwischen Horus und Anubis und zum Start einer neuen Kälteschlaf-Rakete

ÄQUATORKÄLTE hat eine Handlung, doch ist die in diesem Teil wesentlich verspielter und bedeutungsloser als in den Vorgängergeschichten. Bilal macht sich einen Spaß, den Nikopol-‚Sack‘ auf seine Weise zuzumachen. Er löst das intelligent und beinahe gewaltfrei – und mit jeder Menge Ironie.

Horus und Anubis geben die Nikopols frei. Afrikanische Wirtschaftsbosse schauen dem Treiben zu.


Da rattern Züge durch Afrika, nur besetzt mit Tieren aller Arten, die jedoch geistesbegabt zu sein scheinen, denn Nikopol junior betrinkt sich mit ihnen an der Zugbar.
Da dreht ein Regisseur einen B-Movie über Jills Leben (Meta-Thema), von dem wir ab und zu Szenen zu sehen bekommen.
Da verlesen die Götter Horus eine Anklageschrift mit 999 Punkten, versöhnen sich aber mittendrin wieder mit ihm.
Da müssen die Nikopols in absurden Tierfell-Klamotten herumlaufen (Giraffe, Zebra) und der Senior darf wieder seiner Lust an Baudelaire-Zitaten frönen.
Da werden andauernd irgendwelche Werte auf irgendwelchen Nonsens-Skalen proklamiert, die die Sucht des modernen Menschen nach Halt gebenden Fakten parodieren.

Nikopol junior hat Stress auf der Bahn.


Und, Entschuldigung: Schachboxen?!
Hier macht sich Bilal offensichtlich lustig über diese reale Sportart, die er mit grotesk verpflasterten Kämpfern schildert.

Und jetzt kommt der Knock-out: Schauen sie mal auf Wikipedia unter „Schachboxen“ nach; scrollen sie runter zur Überschrift „Geschichte“ … doch, doch, los, machen Sie. Aha!

Vielleicht sollte man Bilal als großen Ironiker lesen.

Im (vordergründig dominanten) grafischen Künstler steckt ein Satiriker, der sich auf vielerlei Arten subtil lustig macht über Moden, Ideologien, Verhaltensnormen, die Presse, Politik und Technik

Die Nikopol-Trilogie (entstanden über einen Zeitraum von 13 Jahren) ist wirklich spinnert im besten Sinne, sie ist mir sympathisch und entlässt mich mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Sind meine Haare schon blau?!

  • Anmerkung 2026: Dieser acht Jahre alte Beitrag erfolgt als überarbeiteter Re-Post, da ich momentan familiär eingespannt bin und die Gelegenheit nutze, hübsche Texte nochmals frisch zu präsentieren.

Tut mir leid, dass ich etwas wiederaufgreife, das nicht in der präsentierten Ausgabe zu bekommen ist!
Deutsche Gesamtausgaben sind generell gerne schnell vergriffen. Sie müssen sich bei Interesse die drei Einzelalben im Netz zusammensuchen – das ist aber machbar.

Wer noch was sehen möchte: Es gibt einen älteren YouTube-Clip vom Bildungskanal Alpha, der Bilal und sein Werk (DIE MAUER / TREIBJAGD / NIKOPOL Teil 2: DIE FRAU IN DER ZUKUNFT) auf 13 Minuten vorstellt.

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