REMAKE räumt mit dem Geniekult auf

Glauben Sie ernsthaft noch daran, dass große Werke der Kulturgeschichte von kreativen Geistern mit genialen Eingebungen verfasst worden sind?

Ha, das einzig Geniale an Kultur besteht (und bestand) schon immer daraus, wie man die Zutaten mixt!

Das jedenfalls verklickert uns Hanco Kolk nicht nur auf amüsante Art, sondern auch in ebenso schicken Illustrationen.
Dabei fängt es recht besserwisserisch an:

© für alle Abbildungen: Hanco Kolk / avant-Verlag

So klingt der Auftakt von REMAKE, einem Enthüllungscomic, der diverse Mythen anbohrt und dann in schwindelerregende Tiefen hinabforscht.

„Romeo und Julia“ beispielsweise ist ein italienischer Folklorestoff, der bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückreicht und von den Familien der Strumieri und Zamberlani erzählt.

Kolks nächste Entdeckung bezieht sich auf den „Grafen von Monte Christo“, wo aus einer wahren Geschichte erst ein französischer Roman wurde, dann ein britisches Theaterstück um „The Scarlet Pimpernel“, die Romanadaption folgte auf dem Fuße, hernach inspirierte die Materie die französische Stummfilmserie „Judex“ um einen Banker in Verkleidung, der  Verbrecher jagt – ganz wie der US-amerikanische Kollege „The Shadow“.

So geht die Kette der Verwertung weiter:

Wir Comicfans ahnen schon, wohin die Reise geht.
Unser Lieblingsheld BATMAN ist Endresultat all dieser Einflüsse und Vorläufer, was uns Kolk in dieser Grafik wunderbar zusammenfasst.

Und der Autor ist so fair, hier das Blickfeld zu erweitern und dem Comicautoren Bill Finger die Verdienste zukommen zu lassen, die er damals nicht bekommen hat.

Ohne Finger wäre Bob Kanes „Bat-Man“ nur ein Hanswurst mit Augenmaske und angepappten Fledermausflügelchen.
Sein Kreativpartner hatte den Instinkt, aus der Popkultur zu schöpfen und das Kostüm zu verbessern, die Bat-Höhle als Rückzugsort und Labor zu installieren, dem Helden einen Verbündeten bei der Polizei sowie einen eingeweihten Butler an die Seite zu stellen – und natürlich farbenfrohe Gegenspieler zu etablieren!

Noch tiefer in die Zeit zurück führt uns Kolk bei seinen Betrachtungen zur Genese von „Aschenputtel“.
Was wir von den Gebrüdern Grimm und von Disney kennen („Cinderella“), ist laut REMAKE ein in über 300 Versionen bekanntes Volksmärchen, deren erste Fassungen bis in die Bronzezeit datieren.

Die Geschichte vom bedauernswerten Mädchen mit den gemeinen Stiefschwestern, das auf einer Feier einen Schuh verliert und deswegen von einem Prinzen gesucht wird, erzählt man sich rund um den Globus – von Frankreich über die Türkei, durch Asien und Afrika hindurch bis übern großen Teich nach Mexiko und Brasilien.

Die Ausschmückungen ihres Leids geraten mehr oder weniger radikal, was Kolk zu einer frechen „Weltmeisterschaft des Mitleids“ inspiriert:

Und weil Märchen von der Zunft der Psychotherapeuten als unbewusster Ausdruck des Volksglaubens gedeutet wurden, erlaubt sich Kolk spaßige Exkurse zum Thema „Der Prinz als Schuh- und Fußfetischist“:

Schauen Sie, wie sinnfällig der Illustrator in diesen vier Bildreihen die Meinungen der Experten aufeinanderprallen lässt – und ein stilisierter Prinz wirft seinen Kopf ungläubig von links nach rechts.

Den 300 Versionen des Märchens folgten 300 Fachbücher über den „Cinderella-Komplex“, den „Cinderella-Effekt“ und andere modische Therapieangebote.

„Menschen machen“ – 14 Rezepte

Beim Thema „Frankenstein“ macht Kolk ein noch größeres Fass auf, denn er sortiert diesen Mythos ein in die zahlreichen, oft peinlichen Versuche männlicher Wissenschaftler, Gott spielen zu wollen und selbst Leben zu erschaffen.

Wir erinnern uns an den Golem, der hier wie ein putziges Heinzelmännchen seinen Dienst tut:

Weniger memorabel waren die Experimente des Paracelsus zur Erweckung seines Homunculus (wahrscheinlich nur ein Vorwand, um fröhlich zu dauermasturbieren):

Tatsächlich trägt Kolk 14 Rezepte zusammen, vom biblischen Adam über den griechischen Pygmalion und vom Androiden aus „Metropolis“ bis hin zu Isaac Asimovs Robotern, Klonexperimenten und modernen KI-Fantasien.

Mary Shelleys literarische Schöpfung „Frankenstein“ übrigens war von der damals neuartigen Idee des Galvanismus befeuert.

Immer wieder lustig finde ich diese „Rezeptur“: Erst ein paar Leichen stehlen, dann daraus die schönsten Stücke zusammennähen – komplett schwachsinnig, aber sie tun es immer wieder (ob im neuen Film von Guillermo del Toro oder in den Pre-Code-Horrorcomics der 1950-er Jahre; der Link führt zu einem Essay von mir über den „Comics Code“, mit angehängter, herrlich bescheuerter „Frankenstein“-Beispielgeschichte).

Mickey Mouse meets Dracula

REMAKE ist eine Fundgrube von Fakten, die man so nicht auf dem Schirm hatte.
Was Kolk zur Gründung der Disney-Studios offenbart, zeige ich im Reel auf Instagram.

Ich möchte hier zum Abschluss noch eine weitere Farbe aufzeigen, denn manche Seiten sind sogar koloriert, höhö.

Nicht fehlen in diesem Büchlein zur Popkultur darf natürlich das Vampirgeschäft: Von Polidoris „The Vampyre“ und Le Fanus „Carmilla“ geht es zu Bram Stokers „Dracula“ und über dessen erste Verfilmung als „Nosferatu“ bis hin zu „Blacula“, Anne Rice, Blade und der „Twilight“-Saga.

Was mich dabei berührte: Auf diesen beiden farbigen Seiten setzt Kolk dem vielgeschmähten Bela Lugosi ein zärtliches Denkmal:

Wir erkennen: REMAKE möchte nicht nur intelligent zu Kulturgeschichte forschen, sondern ist ebenso gespeist von einer Verehrung für all die schrägen Typen, die uns mit ihren Ideen beglückt und unseren Alltag bereichert haben.

130 abwechslungsreiche Seiten über die „Ikonen der Popkultur“ bietet der Band, in dem sich Kolk auch über Sherlock Holmes und die Erfindung der Detektivfigur (und mit ihr das gesamte Krimigenre) kundig auslässt.

Achten Sie bitte darauf, wie herrlich Kolk nebenbei die fünf Großschriftsteller Hugo, Balzac, Dumas, Sue und Poe karikiert!

Wer hat das REMAKE gemakt?

Hanco Kolk ist einer der prominentesten Comiczeichner der Niederlande: Sein täglicher Strip S1NGLE erscheint seit 25 Jahren im „Allgemeen Dagblad“ und erfuhr bereits eine TV-Serienumsetzung.

In den Neunzigerjahren war er mit der Albenreihe MECCANO erfolgreich, von denen bei uns einige bei Arboris erschienen sind.

Dann hat er ein SPIROU UND FANTASIO-Spezial gestaltet: „Tulpen aus Istanbul“ (bei Carlsen), was ich mir mal besorgen sollte.

Kolks Comichauptwerk ist GILLES DER GAUNER, das (in Zusammenarbeit mit seinem Dauerpartner Peter De Wit) bei Panini vorliegt, mich aber nicht interessiert, weil es mir zu sehr klassischer Semifunny ist.

Ich liebe den reduzierten Kolk, den Meister des Minimalismus, der mit einem Schwung Leben in eine Linie bringt. Davon zeugen einige Werke, die Sie auf Kolks Homepage einsehen können.

Und eben REMAKE, was mich aus diesem Grund fasziniert. Danke an den avant-Verlag, die seine Popkulturforschung in einem Band versammelt hat. Schöner kann man Kolks Kunst nicht präsentieren.
Wer noch mit mir in das Buch hineinblättern mag, rufe den folgenden Clip auf Instagram auf.

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