Richtig schockiert war ich von folgender Szene, die sich im zweiten Kapitel ereignet: Ein Trupp von Möchtegern-Superhelden hat die Freiheitsstatue besetzt und beginnt, auf Immigranten zu schießen.
Dabei krakeelt der Anführer dieses „Americommando“, der wie eine barocke Captain-America-Parodie auftritt, Slogans wie „Was verlangt ihr Einwanderer? Schutz?! […] Wir können euch nicht mehr aufnehmen. […] Wir erklären euch geknechteten Massen den Krieg! […] Wir werden diese Küste von euch säubern!“
Das ist exakt die Rhetorik der MAGA-Bewegung und der Trump-Administration. Ein echter Gänsehaut-Moment in meinem Comicleben.

Das Gezeigte findet sich jedoch nicht in einem aktuellen Werk, sondern in KINGDOM COME von 1996.
30 Jahre finstere Aussichten
Der noch junge Zeichner Alex Ross (der kurz zuvor bei der Konkurrenz mit MARVELS debütiert hatte) legte nun das Fundament seines bis heute andauernden Erfolgs und elektrisierte Comicfans in aller Welt mit seinem fotorealistischen Stil, der den bekannten Figuren des DC-Universums einen ikonischen Look verpasste.
Doch weshalb dürfen Vigilanten gegen unbescholtene Menschen vorgehen? Was ist die Prämisse von KINGDOM COME?
Nun, die alte Garde der DC-Supermenschen ist in Ruhestand gegangen. An ihre Stelle sind Tausende neuer Figuren getreten, die jeweils bandenmäßig organisiert sind und nach Gutdünken jeden bekämpfen, der ihnen nicht in den Kram passt.
Auf dieser wilden Doppelseite erklärt uns die Erzählstimme, wie diese Supervögel in den Straßen Amok laufen (hier und im Folgenden scanne ich aus der Compact-Edition Doppelseiten, auf denen Ross seine Panoramen entwirft):

Größtenteils funktioniert diese Superordnung, aber es kommt immer öfter zu Kollateralschäden in der Bevölkerung, weil sich die kostümierten Draufgänger rücksichtslos benehmen und in ihren Revierstreitigkeiten Schaden anrichten.
Die Katastrophe geschieht, als der Superheld Magog (oder Superschurke, wer kann das noch abgrenzen?) in Kansas einen Nuklearsprengkopf zündet, Amerikas Mitte radioaktiv verseucht und damit nicht nur die US-Regierung, sondern die Vereinten Nationen zu einer Reaktion zwingt.
Was zu weit geht, geht zu weit
Ebenfalls führt dieses Ereignis dazu, dass sich Wonder Woman, Superman, Green Lantern, The Flash und Hawkman entschließen, wieder ins Geschehen einzugreifen.

Die Menschheit hat diese originalen Superhelden vergessen und erinnert sich ihrer nur im albernen Themenrestaurant „Planet Krypton“, wo gastronomische Aushilfskräfte in Rollen schlüpfen – und oft nicht mal wissen, wen sie da eigentlich darstellen:

Sagte ich oben, dass alle Helden im Ruhestand sind? Nicht ganz, denn ein gealterter Batman (der sich mit einer Art Exoskelett aufrechthält) ist im Dienst geblieben und sorgt mit Überwachungstechnik, Kampfrobotern und Drohnen für Ordnung in Gotham City.
Dummerweise sind sich Superman und Batman nicht grün, sondern verschiedener Meinung, wie die Superfreaks unter Kontrolle zu bringen sind.
Batman glaubt an sein System von Furcht und harter Hand, Superman möchte das Vertrauen der Community gewinnen und die Abweichler mit pädagogischen Methoden zum Umdenken bringen.

Superman und Wonder Woman stellen ihren Nachfolgern ein Ultimatum: Entweder sie begeben sich wieder unter Supermans Führung und verzichten auf Gewalt oder sie kommen in ein Umerziehungslager (das im Comic „Gulag“ genannt wird).
Doch die kostümierte Truppe hat zu viel Freiheit geschmeckt und denkt größtenteils nicht daran, Befehle von ausgedienten Helden zu befolgen.
Auch Magog weigert sich und gibt Superman sogar Schuld an den aktuellen Verhältnissen: Er habe nie dazulernen wollen, sich nicht an die Moderne anpassen wollen, seine Macht nicht teilen wollen und andere bevormundet.
Als er dann schmollend ins Exil gegangen sei, habe er das Vakuum verursacht, in das Magog und die neuen Supermenschen nur logisch vorgestoßen seien.
Dafür landet Magog samt Gefolge im Gulag:

Batman, Green Arrow, Catwoman und andere formieren sich gegen die reaktivierte Justice League zur Mankind Liberation Front – und verbünden sich zu diesem Zweck mit Lex Luthor!
Der alte Gauner stellt Finanzmittel zur Verfügung und hat ja immer ein Hühnchen mit Superman zu rupfen. In der Hinterhand hält Lex noch einen Trumpf, den er zuletzt ausspielen wird: Captain Marvel alias Shazam, der es in seiner Kampfkraft mit dem Kryptonier aufnehmen kann.

Beeindruckend, wie viele Figuren aus dem DC-Universum der Comic auftauchen lässt (oft allerdings nur für einen Gastauftritt von zwei Seiten), so etwa den Martian Manhunter, Orion von Apokolips oder „Deadman“ Boston Brand.
Man muss bei der Lektüre schon auf Zack sein, um alle Referenzen wahrzunehmen und einzuordnen – was auch für das Artwork von Ross gilt, das in seiner Detailliertheit schnell überfordern kann.
Ich als Nicht-DC-Fachmann bin jedoch gut durchgekommen, weil Autor Mark Waid ein treibendes Skript verfasst hat, dass mich einfach mitgerissen hat. In seinem dramatischen Tiefgang wirkt der Stoff frisch und hat aktuelle Relevanz.
Die unerbittliche Konfrontation zweier Lager/ Meinungen/ Philosophien zieht sich durch viele heutige Lebensbereiche und wird hier nur folgerichtig auf Supermenschen übertragen.
Ich werde den Teufel tun, alles Weitere zu verraten, will aber noch anteasern, dass nicht nur die beiden Supergruppen gegeneinander antreten, sondern auch die Vereinten Nationen einen Entschluss fassen, alle Superwesen generell ins Visier zu nehmen …
Als Augenzückerchen noch eine Doppelseite Captain Marvel, der mit seinem „Shazam“-Zauber das Schlachtfeld einebnet:

Apocalypse Then
Seiner Zeit ganz gewiss voraus war der apokalyptische Ton des Werks.
KINGDOM COME beginnt mit nichts Geringerem als der Offenbarung des Johannes, der literarischen Endzeitbeschreibung schlechthin.
Dieser Bibeltext stiftet auch den Erzählrahmen durch die vier Kapitel hindurch.
Unser Begleiter durch dieses Inferno ist der Pastor Norman McCay, der dem klassischen DC-Sandman Wesley Dodds die letzte Ölung abnimmt.
Nach der Beerdigung dieses ehemaligen Superhelden, der die Apokalypse kommen sah, erscheint McCay zu seinem Entsetzen The Spectre.

Als gottähnliche Figur kann The Spectre überall zugleich sein und zeigt McCay an diversen Schauplätzen, wie sich das Drama Supermenschen gegen Menschheit zuspitzt.

Gibt’s auch einen Epilog?
Ja und nein. Verblüffenderweise findet sich in der modernen Kompaktfassung ein Nachspiel von 8 Seiten, das in meiner ursprünglichen Vier-Heft-Ausgabe fehlt!
Keine Ahnung, wann das ergänzt wurde.
Diese „One year later“-Szene spielt erneut in eingangs gezeigten Themenrestaurant „Planet Krypton“ – und diesmal sind echte Supermenschen anwesend, werden jedoch weiterhin weder von den Gästen noch vom Personal erkannt.
Dieser Epilog entschärft die Apokalypse, gibt dem Werk einen versöhnlichen Schluss und rundet den Comic mit feinem Humor zu einem DC-Klassiker, der in meinen persönlichen Kanon kommt.

Es gibt zahlreiche Ausgaben dieser Miniserie. Die hier gezeigte DC Compact Edition ist am meisten „mini“. In dieser „digest size“ liegen mehrere Klassiker vor, sogar die WATCHMEN und AMERICAN VAMPIRE. Mein Reel auf Instagram führt diese Ausgabe vor.
Mit dem einhergehenden kleinen Preis (9,99 Dollar!) lockt man eventuell neues Publikum an.
Ich finde, das Werk schreit nach einer Wiederveröffentlichung.
Auf Englisch gibt es immer mal wieder Neueditionen, auf Deutsch können Sie antiquarisch auf die Suche gehen: Panini (2013) und Eaglemoss (2016) haben Fassungen herausgebracht.
Oder bringen Sie sich erst mal in Endzeitstimmung mit dem anderen Comic, der vor 30 Jahren schon Aspekte unserer Gegenwart vorzeichnete – und den ich vor vier Jahren der deutschen Comicwelt zur Wiedervorlage präsentiert habe.