Tillmann liest: DOCTOR STRANGE

Ich hab die alte Serie nie gelesen, aber seit 2015 schreibt sie Jason Aaron. Und der ist mein momentaner Autorengott. Zudem er noch den üppig illustrierenden Chris Bachalo zur Seite hat. Zwei „trades“ (Tradepaperback-Ausgaben) sind auf Englisch raus (auf Deutsch eine), die den ersten Handlungsbogen des „neuen“ Doktors umspannen: Seinen Abwehrkampf gegen eine außerdimensionale Armee, die sämtliche Magie vernichtet.

Das ist natürlich höchster Alarm, denn diese Eindringlinge entziehen dem Doktor seine Daseinsgrundlage. Schlimmer noch: Sie treten als Inquisitoren auf, die alle auffindbaren Zauberer auf dem Scheiterhaufen verbrennen!

In Band 1 stellt man uns Dr. Stephen Strange und seine Welt vor. Er exorziert Dämonen und sieht mit seinen Augen eine andere Welt als wir Normalmenschen.
Sein magisches Auge offenbart ihm die Gegenwart allerlei fantastischer Geschöpfe, größtenteils harmlos mit uns koexistierend.

Die Bibliothekarin Zelma sucht ihn auf, weil aus ihrem Kopf Münder sprießen
(die da so nicht hingehören).

Ein Fall für den Doktor, der schließlich helfen kann. Im Verlauf der Heilung lernen wir die Charaktere und das Setting der Serie kennen. Zelma wird ihm als Gehilfin zur Seite stehen und die chaotische Bibliothek ordnen. Ein größerer Schock als die Minimonster an ihrem Schädel ist für Zelma, dass der Doktor seine Bücher lieblos auf Haufen stapelt!

Das gehäufte Eindringen magischer Wesen in den irdischen Alltag ist ein Alarmzeichen. Beim Nachschauen in anderen Welten und Dimensionen findet der Doktor diese verwüstet vor. Eine unbekannte Macht rückt – Dimension für Dimension – auf die Erde vor und hinterlässt verbrannte Erde. Konkret: Sie beraubt ganze Welten ihrer Magie, von der der Doktor und seine Gefährten von der Zauberergilde abhängig sind.
Die Klone und Androiden der Empirikul sind auf einer galaktischen Zerstörungsmission. Ihr namenloser Anführer wurde als Kind durch Magie traumatisiert und widmet nun sein Leben der „Superwissenschaft“. Diese kann Magie neutralisieren und für immer auslöschen.

Ich hab die alte Serie wie erwähnt nie gelesen, aber auch bei meinen Recherchen nicht herausfinden können, ob das früher schon so war: dass der Doktor den Einsatz seiner Magie „bezahlen“ muss. Doctor Strange ist nicht nur körperlich und psychisch geschwächt, sondern kann seit längerem keine normale Nahrung mehr zu sich nehmen. Die absorbierte Magie zwingt ihn, widerliches Essen herunterzuschlingen, das auf keiner Speisekarte der Welt zu finden ist.

Sein Assistent, Freund und Koch Wong achtet auf die Gesundheit des Doktors, insgeheim überwacht er noch einen tibetischen Orden, dessen Mönche des Doktors Energie „channeln“ und an seiner statt leiden!
Außerdem hat man im Keller seiner magischen Villa in New York noch ein fantastisches Monster gezüchtet: einen fleischgewordenen Schmerz, der am Ende noch entfesselt wird und für die Wendung der Ereignisse sorgt.

Das finde ich einen ganz exzellenten Kniff, um die Figur des allmächtigen Magiers verwundbar und sympathisch zu machen. Der Doktor hilft, aber er leidet wie ein Schwein darunter, dass er selbst und andere den Preis zahlen müssen.

So machen Superhelden Sinn, weil der Doktor (ähnlich Batman) kein waschechter Supermensch ist, sondern ein Magier, der sehr mit seiner Berufung und den Konsequenzen daraus ringt.

Das scheint mir der genuine Beitrag Jason Aarons zu sein. Ein Porträt des Autors und Vorstellung seiner Werke SCALPED und SOUTHERN BASTARDS habe ich letztes Jahr auf COMICOSKOP gepostet, folgen Sie bitte DIESEM Link.

Bachalos Artwork ist berauschend schön und kompetent, wenn er sich auch mitunter etwas bremsen könnte. Er packt die Seiten (oft kunstvoll komponierte Doppelseiten!) dermaßen voll, dass es an Unübersichtlichkeit grenzt.

Weiterer Schwachpunkt (wenn man so will) ist die Sache mit der Superwissenschaft. Pseudoplot! Nirgends wird erklärt, wie das funktionieren soll – und somit haben wir hier eine neue Form von Magie. Eigentlich kämpft hier Magie gegen Magie, Großmeister gegen Großmeister. Das hätte man auch ruhig so benennen können, tun sie aber nicht.

Am Schluss steht zwar der Sieg des Doktors und seiner Freunde, aber die magische Welt liegt in Trümmern. Folgeabenteuer werden wohl eine neue Quelle von Magie herbeizaubern müssen. Was uns Jason Aaron aber bestimmt genüsslich wird ausmalen können …

Die Bände DOCTOR STRANGE „Way of the Weird“ und „Last Days of Magic“ sind ein verheißungsvoller Auftakt, die einen Jason Aaron zeigen, der auch magisch auf die Pauke hauen kann. Spannungsvolle Handlung, warme Charaktere und vor allem herrliche Dialoge und lakonischer Humor bleiben sein Markenzeichen, selbst wenn er Marvel-Motive und Helden-Action bedienen muss.

Les‘ ich unbedingt weiter. Es ist schon Stoff für die nächsten beiden Trades erschienen! Teil 3 kommt auf Englisch im Herbst 2017 („Blood in the Aether“) und greift offenbar auf des Doktors Vorgeschichte zurück, um dann Anlauf zu nehmen für einen großen Monster-Clash in Band 4. Ick freu mir.

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