Was Sie schon immer über WILL wissen wollten, bisher aber nicht zu EISNERN wagten …

Dieser Beitrag ist dem US-amerikanischen Zeichner Will Eisner gewidmet – sowie der aktuellen Ausstellung im Schauraum Dortmund und Alexander Brauns Katalog dazu.

14 obskure und interessante Fakten, die selbst Fachleute erstaunen!

Samt und sonders entnommen Brauns „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“, erhältlich beim avant-Verlag. 384 Seiten, ein Kilo schwer, Hunderte gestochen scharfe Abbildungen – das ultimative Werk über Will Eisner.

  1. Als Schüler musste Will Eisner seine Familie finanziell unterstützen und jobbte als Zeitungsjunge. An seinem Stammplatz gegenüber der Börse auf der New Yorker Wall Street fand er ab und an Gelegenheit, in die Comicbeilagen zu schauen – und bewunderte die Stars wie E.C. Segar (POPEYE), Milton Caniff (TERRY AND THE PIRATES), George Herriman (KRAZY KAT) und Alex Raymond (FLASH GORDON).

    Reminiszenz an die Zeit als Verkaufsjunge auf der Straße, enthalten in Eisners autobiografischer Graphic Novel TO THE HEART OF THE STORM.

     

  2. Mit 17 Jahren fungierte Eisner als Art Director der Frauenzeitschrift „Eve, das Magazin für die moderne amerikanische Jüdin“ – allerdings nur für eine Ausgabe. Seine Zeichnungen waren weit davon entfernt, jüdische Frauen für zeitgenössische Mode zu inspirieren.
  3. Zwölf Jahre lang (mit Unterbrechungen) gestaltete Eisner seine wöchentliche Serie THE SPIRIT und musste sich immer wieder geharnischte Kritik von seinem Verleger Everett Arnold und Zeitungsredakteuren im ganzen Land anhören – weil diese nicht die Meta-Ebenen dieses Comics verstanden (oder ihre Leser für zu blöd hielten, dies zu tun).

    Eisners Ideen
    seien „jenseits allen Verständnisses“, seine skurrilen Figuren seien „scheußlich, grauenhaft und geschmacklos“, seine Spielereien mit dem SPIRIT-Logo und dem Lettering demonstrierten „grauenhafte Typographie.“
  4. Eisners SPIRIT-Lieblingsgeschichte war „The Story of Gerhard Shnobble“ vom 5. September 1948, das Abenteuer vom fliegenden Nachtwächter. Gerhard Shnobble (der ulkige Name sorgt schon für Fallhöhe) ist ein Mensch, der tatsächlich fliegen kann!
    Nur wird er von den Eltern gezwungen, diese Eigenschaft zu verbergen. Shnobble führt ein unauffälliges Leben als Nachtwächter, bis er eines Tages der Demütigungen im Job überdrüssig ist und zu fliegen beschließt. Die Welt soll seine Gabe kennenlernen.
    Leider gerät er beim Abflug vom Dach eines Hochhauses in eine Schießerei zwischen dem Spirit und einigen Gangstern. Shnobble stürzt tödlich getroffen auf die Straße, niemand erfährt sein Geheimnis.
    Eisner bewertete die Geschichte 30 Jahre später in einem Interview als Offenbarungserlebnis: „Es war das erste Mal, dass ich mir darüber bewusst wurde, dass ich eine Geschichte schreiben konnte, für die ich große persönliche Gefühle hegte. Es bewies mir, dass ich etwas mit Tiefe schreiben konnte.“

    Das tragische und berührende Ende des Gerhard Shnobble, Reproduktion der Originalseite.

  5. Der Spirit hatte einen Assistenten, den schwarzen Jugendlichen Ebony White. Dessen Darstellung als gedrungenem Jungen mit dicken Lippen und fehlerhafter Aussprache stieß einigen Lesern auf.
    Eisner hatte die Figur nur komisch überzeichnen wollen und war den üblichen Karikaturen von schwarzen Menschen seiner Zeit gefolgt. Dennoch nahm er sich die Kritik zu Herzen, schickte seine Figur für ein Vierteljahr zurück auf die Schule (währenddessen er beim SPIRIT pausierte) und ließ Ebony mit korrektem Englisch zurückkehren.

    Ebony radebrecht sein Englisch in dieser früheren Phase.

  6. Eisner versuchte sich 1949 als Herausgeber eigener Comichefte. Sein Kinderheft KEWPIES sowie die BASEBALL COMICS floppten unsäglich, die Prototypen JOHN LAW DETECTIVE und FIGHTING BUCCANEER PIRATE COMICS gingen erst gar nicht mehr raus in die Druckerei.Besser liefen zwei Auftragsarbeiten, beide aus heutiger Sicht zum Schreien inkorrekt.Für die American Medical Association entwarf Eisner das Heft THE SAD CASE OF WAITING-ROOM WILLIE, eine Warnung vor allgemeiner Krankenversicherung!
    Wenn alle Menschen vom Staat krankenversichert wären, hätte man mit überfüllten Wartezimmern voller Schmarotzer und Hypochonder zu rechnen, so dass niemand mehr eine ordentliche Versorgung bekäme.Im Comic A MEDAL FOR BOWZER singt Eisner ein Lob auf Tierversuche in der Medizin, sein sprechender Titelheld, der kleine Mischling Bowzer, opfert sich gerne für das Wohl der Menschheit!
  7. Mit 32 Jahren begann der Künstler eine Romanze mit Ann Weingarten, die in der Werbeabteilung der Paramount Pictures arbeitete. Gemeinsam wohnten sie einer Pressevorführung des Paramount-Monumentalschinkens „Samson and Delilah“ bei. Die Kritiken fielen spöttisch aus und auch Eisner lieferte seinen Beitrag:
    Die SPIRIT-Folge „Sammy and Delilah“ veralbert den Film gehörig, was Paramount erboste und dem SPIRIT Publicity bescherte.
    Will und Ann heirateten im Sommer 1950, zwei Jahre später wurde das MAD-Magazin geboren, das bald Filmparodien zu seinem Aushängeschild machen sollte.
  8. Ab 1951 produzierte Eisner 20 Jahre lang ein Wartungsmagazin für die US-Armee. PS – THE PREVENTIVE MAINTENANCE MONTHLY erlebte 227 Ausgaben und instruierte Soldaten, wie sie ihre Gerätschaften und Waffen zu pflegen hatten. Die Militärführung warf dem kreativen Eisner immer wieder Knüppel zwischen die Beine und diskutierte den Einsatz von Humor und gebremster Erotik, der die Soldaten zur Lektüre ködern sollte. Außerdem wurde der Vertrag zur Herstellung des Hefts jährlich neu ausgeschrieben, doch „American Visuals“ (Eisners Studio) erhielt immer wieder den Zuschlag.
    Eisner versuchte, seine Arbeitgeber zur Herausgabe des Artworks zu bewegen, worauf sich die jedoch nicht einließen. Die Armee lagerte die Originale aller PS-Ausgaben sehr gewissenhaft bis in die 1980er-Jahre. Dann wurde das Lager geräumt und sämtliches Material (ohne Rücksprache mit dem Künstler) komplett vernichtet.
    Eisner, der schon im Zweiten Weltkrieg fürs Militär Handbücher illustriert hatte, mag auch als einer der Schöpfer des Sachcomics gelten …
  9. In Zusammenhang mit seiner Tätigkeit für die Armee spendierte man dem Mitarbeiter eine vierwöchige Inspektionstour ins kriegsgebeutelte Vietnam: Mit einem „ständigen Gefühl der Angst im Nacken“ reiste Eisner im Herbst 1967 erst nach Saigon, dann auch ins Kriegsgebiet des Mekong-Delta. Sein Hubschrauber geriet dort nach der Landung unter Beschuss, der Zeichner konnte zum Glück in einen anderen Helikopter springen, der soeben startete und ihn in Sicherheit brachte.
    30 Jahre später arbeitete Eisner diese Erlebnisse in der episodischen Graphic Novel LAST DAY IN VIETNAM auf – schonungslos schildert er darin die arrogante amerikanische Perspektive.
  10. THE SPIRIT war 20 Jahre lang in der Versenkung verschwunden und nirgendwo nachgedruckt worden. Im Zuge aufkeimender Comic Conventions und Comic-Tauschbörsen entdeckten Kollegen und Fans um 1970 herum Will Eisner wieder.
    Eine SPIRIT-Renaissance brach sich Bahn und resultierte in gleich mehreren Heft- und Magazinprojekten (sowohl Warren Magazines wie auch Kitchen Sink druckten insgesamt 40 Ausgaben mit kuratierten Geschichten von früher und veröffentlichten auch neues Artwork von Eisner).
    Selbst Stan Lee war vom Altmeister beeindruckt und bot ihm an, als Zeichner und Redakteur für Marvel zu arbeiten. Das jedoch kam für Eisner nicht in Frage, er wollte erstens mit Superhelden nichts zu tun haben, hatte zweitens Interesse an erwachsenen Stoffen abseits des Mainstreams und bestand drittens auf Rückgabe seines Materials und Beibehaltung des Urheberrechts.
  11. 1978 beendete Eisner seine erste „Graphic Novel“: A CONTRACT WITH GOD – und hatte hochfliegende Pläne dafür. Das Werk sollte in Buchform in einem Buchverlag erscheinen und in Buchläden ausliegen! Der Kleinverlag Baronet erfüllte ihm diese Wünsche, hatte aber unerwartete Schwierigkeiten mit der Auslage.
    Die Buchhandlung „Bretano’s“ meldete zurück, der Titel sei nicht einzuordnen: Man habe  A CONTRACT WITH GOD unter „Religion“ sortiert, bis sich eine Dame beschwerte, dass es sich um einen Comic handle, der dort nichts verloren habe.Also räumte man Eisners Comic in die Cartoon-Abteilung, wo es erneut Klagen gab. Dieses Buch sei alles andere als lustig. Die ratlosen Mitarbeiter bei „Bretano’s“ konnten das Werk auch keinem Genre wie Science Fiction oder Western zuordnen, da es in kein Genre passte. So verschwand A CONTRACT WITH GOD vorläufig im Lager.

    Der Verlag Zweitausendeins brachte diese deutsche Fassung schon 1980 auf dem Markt.

  12. In der Titelgeschichte „A Contract with God“ (die erste von vieren in der gleichnamigen Graphic Novel) verarbeitete Eisner einen privaten Verlust: So wie Titelfigur Frimme Hersh den Tod seiner Ziehtochter Rachele beklagt, so trauerte Eisner um den Tod seiner Tochter Alice, die acht Jahre zuvor an Leukämie verstorben war. Er bürdete das Leid über diesen Schicksalsschlag seinem Protagonisten auf.
  13. Eisners zweite Graphic Novel ist seine verrückteste: LIFE ON ANOTHER PLANET (auch SIGNAL FROM SPACE) setzt auf den Science-Fiction-Hype der späten 1970er-Jahre auf und präsentiert ein Funksignal aus dem Weltraum, mörderische Wissenschaftler, religiöse Sekten, Geheimdienst-Agenten, einen afrikanischen Diktator, eine Nixon-Kopie, Mafia-Killer sowie internationale Konzerne. 128 Seiten geballter Wahnsinn.
  14. Der größte finanzielle Erfolg in Eisners Karriere war kein Comic: 1977 verlegte er den „Complete World Bartender Guide“, ein Taschenbuch mit Cocktailrezepten. Keine Bar in den gesamten Vereinigten Staaten kam ohne ein Exemplar aus. Mit insgesamt neun Neuauflagen verdiente Eisner mehr Geld als mit all seinen Graphic Novels zusammen.

Die Ausstellung „Will Eisner – Graphic Novel Godfather“ ist noch bis 15. August 2021 in Dortmund zu besichtigen. Der „Schauraum“ liegt direkt gegenüber dem Hauptbahnhof. Link im Netz HIER.

Und einen Instagram-Blätterspaß biete ich auch noch an:

 

 

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