George und wie er die Welt sieht: THE LUCAS MUSEUM OF NARRATIVE ART

Wie, George Lucas hat ein Museum? Er hat, im Exposition Park von Los Angeles, und zwar seit genau 18 Tagen. Entwicklung und Bau desselben waren offenbar nicht unkompliziert, wie man auf Wikipedia erfahren kann.

Der Schuber mit dem Doppelband, in bewährter Qualität beim Taschen Verlag erschienen, offeriert uns zeitlich passend den Ausstellungskatalog.
Themenorientierte Einleitungstexte und etliche Bildlegenden sorgen für Kontext und Einordnung der meist höchst unbekannten Werke.

THE LUCAS MUSEUM OF NARRATIVE ART ist kein Tempel der Hochkultur, sondern eher das ultimative Nerd-Museum (nicht despektierlich gemeint).
Denn die präsentierten Gemälde, Fotografien, Comics und Zeichnungen sind zur Zeit ihrer Entstehung keine Kunst gewesen – erst die Wirkungsgeschichte dieser Produkte lässt sie uns heute in kulturellem Glanz erscheinen.

Ich sah die Anzeige im Internet und war augenblicklich hin und weg. Das ist mein Museum!

N. C. Wyeth: „The Storybook“, cover for Ladies’ Home Journal, March 1922; © The Lucas Museum of Narrative Art


Der Heilige Gral der Popkultur

Alle Exponate hier sind knallig, kitschig, plakativ – Fumetti, Rockwell und Frazetta. Von Schneewittchen über Superman bis zu „Star Wars“.

Das ist natürlich volle Möhre die US-amerikanische Sichtweise auf unsere westliche Kultur, aber mit der sind wir ja aufgewachsen.

Die Abbildung oben stammt von N. C. Wyeth, einem der legendären Illustratoren, prägend für die Popkultur. Der Künstler verbindet sinnfällige Ikonografie mit imaginativer Aussage: Der lesende Junge träumt sich hinein ins Abenteuer.

Aus meiner comichistorischen Praxis mit EC Comics wusste ich, dass der Maler N. C. Wyeth (nicht zu verwechseln mit seinem ebenfalls grandiosen Sohn Andrew) Einfluss für Comickünstler wie Al Williamson und Reed Crandall war.

Hält man Werke einmal nebeneinander, ist es offensichtlich.

Wyeth ficht links, Crandall rechts; © die jeweiligen Rechteinhaber

Auch kann man in diesem Katalog feststellen, wie sich Bildchiffren durch die Jahrhunderte fortpflanzen und Umschreibungen in anderen Kontexten erleben.
Beispiel: John Tenniels Illustrationen für Lewis Carrolls „Alice in Wonderland“.
Das Lucas Museum zeigt eine sehr ähnliche Bebilderung der „Mad Tea-Party“ durch Charles Folkard fast 80 Jahre später.

Tenniels Imagination der Figur des Mad Hatter ist als Superschurke in den DC-Kosmos eingetreten und erlangte ein Leben jenseits der Bücher von Lewis Carroll.

John Tenniels klassischer Hutmacher gegen die freche Aneignung bei DC; © die jeweiligen Rechteinhaber

Normative Narrative

Wovon werden wir als Kinder geprägt, welche Bildwelten manifestieren sich in unseren Köpfen?
Die Sammlung weist darauf hin, dass Comics, Filme, Fotografien unserer Wahrnehmung Struktur verleihen, auf gemeinsame Empfindungen abzielen, unser Leben mit Geschichten aufladen.

Eine der bekanntesten ist sicherlich Lucas‘ eigene „Star Wars“-Serie, in der er Archetypen der Kulturhistorie in neuem Gewand präsentierte: der Held, die Prinzessin, der dunkle Ritter, eine allumfassende Macht, der Kampf von Gut gegen Böse.

THE LUCAS MUSEUM OF NARRATIVE ART enthält natürlich eine Abteilung über „Star Wars“, ausgebreitet auf 100 Seiten mit Konzeptkunst und Modellen.

Das deutsche Filmposter von 1977, Entwurf von Tom Jung; © die jeweiligen Rechteinhaber

Dazu wollte ich eigentlich nichts sagen, weil es Literatur zuhauf darüber gibt, aber dann sprang mich doch das klassische Filmposter an.

Da haben wir den Space-Salat in delikatester Zubereitung: Das staunenswerte Weltall, leer und dunkel, unendliche Weiten, jedoch beherrscht von einer vermummten düsteren Gestalt im Hintergrund.
Links sausen Raketen auf einen künstlichen Mond zu, rechts im Vordergrund postiert sich ein Recke mit nackter Brust und schlagbereiter Waffe, die ein Lichtkreuz gegen das Dunkel verstrahlt.
Neben ihm zwei robotische Gefährten und vor ihm, fast zu seinen Füßen, eine stolze Dame im Partnerlook.
Bisschen Pin-up kann nie schaden!

Das ist großartige Illustrationskunst, die tausend Worte über Science Fiction und Space Operas ersetzt.
Die uns lehrt: a) Das Böse ist immer und überall; b) Widerstand ist machbar, Herr Nachbar; c)  Mit Sex verkauft sich alles besser!

Betrachten wir nun etwas völlig Irdisches – den Alltag US-amerikanischer Familien. Der Katalog kontrastiert das Abziehbild der weißen Normfamilie in „Model Home“ mit „Black Gothic“, einer Variation des berühmten „American Gothic“ von Grant Wood (das alte Paar vor dem Bauernhaus).

In „Model Home“ (sprechender Titel) von Stevan Dohanos (einem Norman Rockwell-Epigonen) präsentieren Vater, Mutter, Sohn und Tochter vor ihrem Bungalow ihre Hobbies:
American Football, Golf, Tennis, Reiten, Gitarre spielen, dazu Gartenzucht und Barbecue.

In „Black Gothic“ (ebenfalls programmatisch betitelt) stellt Kadir Nelson einen schwarzen Mann mit seiner Frau und Schwiegermutter plus Sohn vor ein kleines Steinhaus im Hintergrund.

Sie haben keine Attribute bei sich, jedoch umklammert der Junge eine US-Flagge, als glaube er (noch) an den amerikanischen Traum.

(Ich darf nur wenige Exponate des Museums in meinen Artikel integrieren, diese leider nicht, ich zeige sie daher Seite an Seite HIER im ersten Reel auf Instagram.)

Ich erlaube mir jedoch von „Black Gothic“ einen Screenshot des Werks, zu kaufen auf der Webseite des Künstlers: https://kadirnelson.com/

Diese beiden Bilder muss man erst mal sacken lassen. Dohanos und Nelson treffen jeweils den Nagel auf den Kopf. Für sich sind beide Werke ironisch zu lesen, in der Gegenüberstellung allerdings erwischt uns kalt die Wucht der Klassen- und Rassenproblematik.

Das Amüsement weicht einer Bedrückung – und zwei Abbildungen genügen, um uns das größere Bild der US-amerikanischen Gesellschaft wachzurufen.

Straßenschluchten pro und contra

Alle, die wir durch die Seiten blättern, entwickeln eigene Assoziationen.

Eine Straßenszene von Norman Rockwell erinnert mich an die „back alleys“ aus Will Eisners Graphic Novels, der Kontrast beider Sichtweisen ist heilsam!

Rockwells „Roadblock“ als Titelbild einer Zeitschrift gegen Eisners „The Block“-Impressionen; © die jeweiligen Rechteinhaber

In meinem Kopf kollidiert Rockwells krasser Kitsch mit Eisners düsterem Dokumentarismus – beides (so begreife ich) ist original „homemade U.S.A.“
Das ist spannend.

Rockwells Amerika ist aus heutiger Sicht beinahe unerträglich, weil es so viele Belange ausblendet. Die Sichtbarkeit seiner weißen Mittelschicht ist zugleich die Unsichtbarkeit aller anderen Bevölkerungsgruppen.

Rockwells „Elect Casey“ als Titelbild der „The Saturday Evening Post“; © die jeweiligen Rechteinhaber

THE LUCAS MUSEUM OF NARRATIVE ART weiß um diesen Missstand und kontrastiert Rockwell dankenswerterweise mit ähnlichen Sujets der Malers Ernie Barnes, Edward Biberman, Charles White, Thomas Hart Benton und auch mit fotografischen Dokumenten der Bürgerrechtsbewegung.

Ich wollte Norman Rockwell, den großen Fotorealisten, nicht in den Schmutz treten, es gibt herrliche Motive wie das Wahlkampfdrama „Elect Casey“:
Nur eine Illustration, die aber eine ganze Geschichte enthält – wenn man denn genau hinschaut.

Der erschöpfte Wahlkämpfer Casey sitzt zusammengesunken und entgeistert vor seinem übergroßen Strahlemann-Plakat.
Und während rechts am Bildrand seine Unterstützer stumm aus dem Raum schleichen, fallen unsere Augen auf das Wahlergebnis, das auf einem Zettel unter dem Stuhl steht:
Casey hat krachend verloren!

Lachhaft populär und staunenswert unbekannt

Und immer wieder blitzen satirische Querbezüge auf:
Lucas besitzt sowohl eine Kopie des berühmten „Washington Crossing the Delaware“ als auch eine wüste Parodie darauf, welche die Szene mit schwarzen Protogonisten besetzt, die sich jedoch wenig würdevoll verhalten.

Emanuel Leutze: „George Washington Crossing the Delaware“, © Metropolitan Museum of Art, New York + Robert Colescott: „George Washington Carver Crossing the Delaware“, © Estate of Robert Colescott / VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Das Original ist übrigens so oft kopiert und verfremdet worden, dass es einen eigenen Saal füllen könnte.

George Lucas ist auch ein Comicsammler bzw. Sammler von Original Artwork – und sein Spektrum reicht von Zeitungsklassikern wie LITTLE NEMO, PEANUTS und PRINZ EISENHERZ über Comichefte (CAPTAIN AMERICA, CONAN, WOLVERINE) bis zu modernen Meistern wie Frank Miller, Moebius, Druillet und Marjane Satrapi.

Davon zeugt die 130 Seiten starke Comicabteilung des zweiten Bandes. Auch Chris Ware, Crumb und Jack Davis sind vertreten.

Comicfans sind die Exponate zwar bekannt, doch was sie allen Menschen vor Augen führen, ist die radikal plakative Wirkweise solcher Bildwerke: Setting, Perspektive, Licht, Bildausschnitt und die dynamische Inszenierung rufen sofort Emotionen, Staunen oder Belustigung hervor. 

Außerdem gilt: Ein Museum, das Porträts von Alfred E. Neumann zur Schau stellt, hat definitiv Humor und Geschmack.

Frank Kelly Freas: „Alfred E. Neumann“; © die jeweiligen Rechteinhaber (Artwork nicht im Besitz des Lucas Museum of Narrative Art)

Americana, mon amour!

Was soll ich als Fazit hinstellen? Pralles Ding, nur subtil isses nich.
Aber es prägt. Ist prägend gewesen und bleibt es womöglich sogar in Zukunft.

Ich vermute, dass junge Kreative eine neue Bildsprache ausprobieren und finden.
Mangas werden nicht beleuchtet und der Bereich der Graphic Novel präsentiert seit Langem schon eine unaufgeregte, tatsächlich subtilere, nicht minder wirkungsvolle Stilistik.

Ich für meinen Teil freue mich an der retronostalgischen Volldampf-Popart, die Lucas hauptsächlich präsentiert.

Zum Schluss erleben wir eine Breitseite mit Werken von Frank Frazetta. Der machte zu Beginn seiner Karriere auch in Comics, wurde aber in den 1970er-Jahren zum Gott der Fantasy-Illustration (starten Sie mal aus Spaß eine Browser-Bildersuche).

Auch wenn seine Motive kitschig und sexistisch sind, so sind sie doch in Öl auf Leinwand gestaltet und schließen auf diese Weise die Kreise zurück zur Hochkultur vergangener Jahrhunderte.

Frazettas Gemälde entrücken uns augenblicklich in fremde Zeiten und Welten. Seine Sujets sind nicht real, sondern erinnern uns an Träume und an das, was hinter dem Bewusstsein im Schatten lauert. Staune darüber, wer zu staunen wagt.

Frank Frazetta: „Mothman“, Cover for „HighTimes“, Mai 1980; © Frank Frazetta, licensed by Frazetta Girls LLC

Bring mich online!

Die Webseite des Lucas Museum of Narrative Art ist üppig, bietet fast alle Werke in Digitalansicht und hat eine neuartige Navigation. Bei Herunterscrollen landen Sie automatisch in der Comicsektion!
Weiteres Scrollen führt Sie zu Genres und Beispielillustrationen derselben, dann zu den Künstlerinnen und Künstlern.

Die Philosophie des Hauses lautet: Erzählkunst berichtet von Gesellschaften und welche gemeinsamen Überzeugungen diese zusammenhalten.

Das scheint mir ein deutlicher Fingerzeig auf die gespaltene US-Gesellschaft, in der nicht mehr „common beliefs“ gelten, sondern die Meinungen oft geteilt sind.
Lucas tritt als Versöhner auf, das ist sympathisch, hat er doch mit seinem „Star Wars“-Kosmos einen „common belief“ geschaffen, der die ganze Welt umspannt.
Vielleicht ist westliche Popkultur das Lagerfeuer, um das sich Millionen von Menschen noch friedlich versammeln können.

Ich habe mir erlaubt, noch ein Reel für den zweiten Band aufzunehmen und beim Hineinblättern weitere Aspekte herauszustellen.

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