Der König der Vagabunden

Gott, es klingt so schal zu sagen: „Dieser Comic ist wichtig!“
„Wichtig“ klingt nach Bemühen, nach bitterem Ernst, nach Zeigefinger.

Aber DER KÖNIG DER VAGABUNDEN ist eine flüssig inszenierte 140-Seiten-Graphic Novel, die mich nicht kalt lässt. Die uns alle nicht kalt lassen kann. Denn sie ist hochpolitisch mit aktuellem Bezug, obwohl der Stoff hauptsächlich in der Weimarer Republik verortet ist …

Es geht um die Biografie eines gewissen Gregor Gog (1891–1945), von der Geschichte vergessen, jetzt wiederentdeckt. Gog war ein vehementer Verfechter der Freiheit, der in den 1920er-Jahren Berühmtheit als „König der Vagabunden“ erzielte.
Gemeinsam mit dem Maler Hans Tombrock, der Tänzerin Jo Mihaly sowie seiner Frau Anni Geiger-Gog führte er ein Leben abseits der Konventionen: Mal als Landkommunarden, mal als Tippelbrüder und Landstreicher zogen diese Menschen durch Deutschland und konstituierten ab 1928 eine „Internationale Bruderschaft der Vagabunden“, um den Versprengten und Verarmten Gehör zu verschaffen.

Der zwanzigjährige Gog trifft in seinen Jahren bei der Marine auf Kameraden mit Ideen.


Programm dieser Bewegung
ist nichts weiter und weniger, als ein selbst bestimmtes Leben führen zu können. Gog und den Seinen kommt es darauf an, sich verweigern zu dürfen. Der Klassengesellschaft, dem Arbeitsleben, dem Karrierestreben in einer profitorientierten Wirtschaft.
Mich lässt das augenblicklich an das „Angstsystem Hartv IV“ denken, das auch heute noch Menschen in Strukturen zwingen will, für die sie nicht gemacht sind.

Gog und Konsorten verlangen nichts vom Staat, vom System – nur dass man sie unbehelligt lässt. Auf ihren Tippeltouren arbeiten sie für Obdach und  Essen auf dem Feld. In der Stadt jedoch pfercht man sie in Asyle und verpflichtet sie zu Zwangsarbeit.

Im städtischen Asyl fängt Gog Stimmen seiner Leidensgenossen ein.

 

Kein Wunder, dass Gog angesichts dieser Zustände der Kragen platzt und er eine „Community“ ausruft:

 

DER KÖNIG DER VAGABUNDEN (erschienen bei avant) ist das Debüt zweier Neulinge: Autor Patrick Spät und Zeichnerin Bea Davies.
(Wobei erwähnt sein soll, dass Davies gewissermaßen Erfahrung mit der Materie hat: Sie fertigte Illustrationen und Comics für die Obdachlosenzeitung „Straßenfeger“ an; Spät übrigens ist Doktor der Philosophie und Journalist für „Die Zeit“, „Spiegel“, „Freitag“ u.a.)

Patrick Späts kluges Skript verdichtet die Jahre 1910 bis 1933 zu griffigen Stationen auf Gregor Gogs Lebensweg: Sein Wunsch, Matrose zu werden, seine spätere Meuterei, seine Jahre in der Landkommune, seine Begegnung mit Mitstreiter*innen wie Hans Tombrock und Jo Mihaly, seine Berliner Erfahrungen, sein Aktivismus auf dem Stuttgarter Vagabundenkongress 1929, sein Abstecher in die Sowjetunion und sein politischer Schwenk zur KPD, seine Verbringung ins KZ Heuberg – das alles eingebettet in den dramatischen Rahmen seiner abenteuerlichen Flucht über den Bodensee.

Der Comic endet zwar hier, doch das umfangreiche Nachwort klärt uns über Gogs weiteres Leben auf. Leider zu deprimierend, um noch erzählt werden zu können.
(Ehrlich: Lesen Sie das nicht, wenn Sie noch einen heiteren Tag verbringen möchten. Gut, Sie werden es lesen; hinterher ist Ihnen immerhin klar, weshalb DER KÖNIG DER VAGABUNDEN ein verdienstvolles Werk ist.)

Klug also auch, dass Autor Spät schon zum Jahreswechsel 1933/34 den Schlussstrich zieht.

Apropos Schlussstrich:

 

Zeichnerin Bea Davies führt einen Strich (oder besser: schwingt einen Pinsel), der mich an Reinhard Kleist erinnert. (Ist ja nicht das schlechteste Vorbild, grins.)
Ihr Layout ist konventionell, ohne langweilig zu sein – und doch offen genug, um den Stoff elegant aufzubereiten. Sie überrascht mich sogar immer wieder mit kreativen Kompositionen, die beweisen, dass die Newcomerin Davies ganz schnell in die „Bundesliga der Graphicnovelist*innen“ vorstoßen kann.

In die Begegnung mit zwei Protofaschisten mischt Davies einen „Flashback“ auf Gogs Tage als Matrose im Ersten Weltkrieg: In einer „Der Schrei“-Pose denkt Gog an die feuernden Kanonen auf dem Schiff zurück.

 

Irgendwas ist dennoch seltsam an den Zeichnungen von Davies. Ist es, dass oft sauber konturierte Köpfe auf verwaschen illustrierten Körpern sitzen?
(Ein Freund schaute in den Comic und meinte, die Köpfe seien allgemein zu groß für die Körper.) Hmmm, manchmal scheint es so.

Es ist aber eigen, was Davies da treibt, fast ein Markenzeichen. Insofern findet sie meinen Applaus. Sonst macht sie auch nichts „falsch“, im Gegenteil: Beim nochmaligen Durchblättern erscheint mir ihr Artwork abwechslungsreich und organisch.

Auch der Humor kommt nicht zu kurz: Wortgefecht mit einem wohlmeinenden Polizisten. Das Davonhüpfen der drei Vagabunden gestaltet Davies allerdings in der Tat sehr funny-artig.

 

Gregor Gogs Tragik liegt darin begründet, dass er keine Chance hatte. Der heraufziehende Faschismus wird seine Bewegung zerschlagen bzw. vereinnahmen. Gog war hellsichtig genug, diesen Prozess vorauszusehen.
Ab 1931 plädiert er deshalb für einen Anschluss an die KPD, um den reaktionären Kräften begegnen zu können. Vergebens, wie uns der weitere Verlauf der Geschichte gezeigt hat …

Konfrontation und Bruch mit Jo: Gog schwenkt zur KPD und erntet Widerworte auch von seinen Tippelbrüdern und –schwestern.

DER KÖNIG DER VAGABUNDEN ist ein wichtiger Comic, jawohl.
Aber auch ein unterhaltsames „Sequel“ zu den beiden Jan-Bachmann-Comics, die ich hier besprochen habe. MÜHSAM – ANARCHIST IN ANFÜHRUNGSZEICHEN und DER BERG DER NACKTEN WAHRHEITEN.

Wer die gelesen hat, wird sich freuen, alte Bekannte bei Spät und Davies wiederzusehen: Ernst Mühsam wie auch Gusto Gräser besuchen Gogs Landkommune und bekommen jeweils ein paar Seiten „Cameos“.

Zwei Seiten vom Gastauftritt Erich Mühsams.

Diese drei Graphic Novels legen den Grundstein für eine neue Beschäftigung mit politischen Strömungen vor dem Zweiten Weltkrieg.
Beim BERG DER NACKTEN WAHRHEITEN war ich schon vom Stuhl gerissen, wie radikal einige Menschen schon vor 100 Jahren drauf waren.

Vegane Anarchisten!

 

DER KÖNIG DER VAGABUNDEN setzt hier noch einen drauf: Gregor Gogs „Internationale der Vagabunden“ ist eine humanistische Vision, die derzeit wieder an Relevanz gewinnt. Kampf der Kirche und dem Kapital.
Mit dem Slogan „Generalstreik ein Leben lang“ propagiert Gog ein modernes Aussteigertum, das inzwischen jedoch jede politische Dimension verloren hat.

 

DER KÖNIG DER VAGABUNDEN war auf der Shortlist für das Stipendium der Berthold-Leibinger-Stiftung und wurde gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie der Rudolf-Augstein-Stiftung. Danke!

Wer mag, schaut sich noch an, wie wir durch den Band blättern.

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