Das Fazit mal zuerst: Dieser Joseph Beuys war ein Künstler, den man nur schwer beurteilen kann.
(Wer wenig Ahnung von Beuys hat, mag sich diesen coolen Erklärfilm für Kinder anschauen.)
Ein rätselhafter Kauz, der sich zeitlebens in seinem Kostüm aus Anglerweste und Hut verpanzerte. Der durchaus reden konnte (und auch viel), aber dennoch ein schlechter Erklärer war.
Beziehungsweise dessen Kunst so neu und andersartig war, dass er sein Publikum vor den Kopf stieß. Fettecken? Filzdecken? Happenings und inszenierte Performances?!
Hier beobachtet seine damalige Freundin Helene, wie Beuys in einem Hörsaal agiert:




Super Artist Origin Story
Autor und Zeichner des Comics ist der österreichische Grafikdesigner Lenz Mosbacher, der äußerst sparsam mit Lebensdaten umgeht und vielmehr Wert darauf legt, eine Stimmung zu erzeugen, einen Groove, der uns staunend und verwundert durch dieses streng wirkende Schwarzweißwerk treibt.
Mosbacher beginnt seine Beuys-Biografie mit der legendären New Yorker Aktion mit dem Kojoten von 1974, bettet darin ein die Anekdote vom Flugzeugabsturz aus dem Zweiten Weltkrieg – um diese anschließend durch den Kojoten kommentieren zu lassen!


Das ist genial konstruiert und offenbart Mosbachers Konzept: Der Künstler verweilt nicht bei biografischen Ereignissen und deren Authentizität.

Lieber lässt er die Chronologie tanzen und spielt mit alternativer Historie. Mosbacher zeichnet kein Leben nach – er interpretiert es.
Die Geschichte mit den Krimtataren und der Pflege durch Naturwirkstoffe hat Beuys zur eigenen „Origin Story“ verklärt und aufgebauscht.
Sie ist so einprägsam und mythisch, dass die Kunstgeschichte sie dankbar aufgesogen hat.
Und wer mit einer solchen Story um die Ecke kommt, hat auch alle Freiheiten, ein Spinner zu sein und Kunstwerke zur erschaffen, die niemand verstehen kann.
Der Künstler als Person ist von seinem Werk nicht zu trennen, vielleicht nicht zu unterscheiden.
Ein Stuhl mit Fettecke ist nur dann Kunst, wenn Beuys danebensteht.
Der Mensch ist die Kunst.
So erklärt sich auch der Beuys-Spruch „Jeder Mensch ist ein Künstler.“


Kreative Biografiearbeit
Mosbacher erklärt in einem Nachwort, er habe einen „fiktionalisierten Beuys“ entworfen, den er mit fünf Figuren konfrontiert und in einen Dialog bringt.
Das ist schräg, das ist interessant, das ist mindestens so … sagenwirmal … exzentrisch wie die Kunst seines Subjekts.
Die erste Figur ist der Kojote, haben wir schon gesehen, die zweite ist Freundin Helene, auch oben schon zu sehen gewesen. Die Identität dieser Person ist nie geklärt worden, aber sie begleitete Beuys durch eine jahrelange Krise nach dem Studium:


Als Drittes lässt Mosbacher seinen Beuys mit der Schriftstellerin Susan Sontag korrespondieren. Sontag agiert dabei als intellektueller Gegenpart, die den seltsamen Mann aus Deutschland zu ergründen versucht.
Sontag und Beuys sind sich nie begegnet (und tun das auch bei Mosbacher nicht), aber das Spannungsfeld zwischen Städterin und Naturmensch ist für ihn von Interesse.



Beuys weiß um Sontags Prominentenstatus und antwortet mit leidigen Erfahrungen im Umgang mit den Medien.
Die Menschen wollen konkrete Ergebnisse, klare Zuordnungen, sie bestehen auf Verstehen.
Doch Beuys geht es um etwas Anderes: um den künstlerischen Schöpfungsprozess und seine Einbettung in den gesellschaftlichen Alltag.
Damit überfordert er seine Mitmenschen, das letzte Panel zeigt getrennte Lager: links die stumme Journaille, rechts der verstummte Künstler:


Kunst im Schuh
Schön ist das Bild vom drückenden Stein im Schuh, der uns unserer physischen Präsenz in der Welt versichert.
Wo drückt der Schuh? Wo drückt die Kunst? Wer drückt den Abzug?
Damit springe ich zur vierten Figur, die mich überrascht hat: Ulrike Meinhof tritt in BEUYS – DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT als Chauffeurin des Künstlers auf!
Mosbacher rehabilitiert die Terroristin: Meinhof ist nicht gestorben, sondern aus Stammheim entlassen worden und hat sich der Bewegung von Beuys angeschlossen!
Sie kutschiert ihn von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort (Beuys wirbt für die grüne Partei, als deren Europakandidat er antritt) und glaubt nun an eine neue Revolution.




Beuys hat noch Bedeutung
Für Mosbacher jedenfalls, dessen Graphic Novel uns anregen möchte, kritisch nachzufragen, uns zu engagieren, uns runter vom Sofa zu begeben.
So endet sein Werk in „Kapitel Fünf“ im Jahre 2021 im Hambacher Forst, wo eine einsame Aktivistin bereit ist, für den Wald zu sterben und der anrückenden Polizei ein letztes Gefecht mit Handgranaten zu liefern.
Dies ist Figur Nummer Fünf, sie heißt Biene.
Die bekommt im Baumhaus Besuch von ihrer Freundin Gülcan, die wie ein Beuys-Wiedergänger auftritt.


Gülcan verwickelt Biene in eine Diskussion über Kunst und Politik und erläutert die letzte Aktion von Beuys: die 7.000 Eichen in Kassel.
Auch wenn es mühsam war, so viele Bäume zu pflanzen, so haben die Eichen den Künstler überlebt und stehen bis heute. Ein sichtbarer Sieg der Natur.
Die beiden Frauen verlassen im Morgengrauen den Wald und machen sich auf, ein neues Betätigungsfeld zum Schutz der Umwelt zu finden.
Ein offenes Ende also, das nur indirekt mit Beuys zu tun hat. So kann man den ganzen Comic verstehen – oder sollte es vielleicht.
BEUYS – DIE ERFINDUNG DER WAHRHEIT ist eine Meditation über kreativ verrückte Menschen und ihr Scheitern an den Normen der Gesellschaft.
Wahrheit ist relativ. Und wenn Politiker sich heute ihre Wahrheit nach Belieben zurechtbiegen, hat die Kunst das Recht, ihre eigene Wahrheit zu erfinden. Und die ist tröstlicher und versöhnlicher als das, was wir von Parteien angeboten bekommen.




Mich hat dieser Comic beeindruckt. Deshalb habe ich mein Smartphone aus seiner Filzhülle gepellt und ein Reel zum Werk auf Instagram gepostet.
Zum Schluss noch der Link zur Webseite beim avant-Verlag, wo eine Leseprobe sowie ein interessantes Interview mit Lenz Mosbacher zu finden sind.
Ich möchte heue damit schließen, eine Passage des Gesprächs zu zitieren. Besser lässt sich Mosbachers Intention nicht darlegen.
Frage: Welche Relevanz haben Beuys und sein Kunstverständnis heute noch für uns? Wo siehst du für jüngere Generationen die Möglichkeit und vielleicht sogar die Notwendigkeit, mit Beuys und seinen Ideen in Dialog zu treten?
Antwort: Joseph Beuys’ berühmter Ausspruch „Jeder Mensch ist ein Künstler“ fasziniert noch bis heute sehr viele. Für Beuys ist die Gesellschaft ein Kunstwerk, an dem alle mit den ihnen gegebenen Mitteln arbeiten, es formen und gestalten.
Damit nimmt er den Menschen die Ohnmacht – das Gefühl, nur ein machtloser Statist in dieser Welt zu sein. Dabei stellte sich Beuys vehement gegen den Einsatz von Gewalt: Für ihn war das keine Sprache mit der man sprechen konnte.
So kontrovers und fragwürdig Beuys in vielen seiner Ansichten war – er scheute selten vor einem Dialog, einem Gespräch oder einer Diskussion zurück und begegnete dabei seinem Gegenüber meist respektvoll und auf Augenhöhe. Vielleicht ist das ein Aspekt von Joseph Beuys, der immer relevant bleiben wird.