Wat, ein literarischer Esel aus Spanien?
Der Titel ist irgendwie nicht sexy, hat den Charme von „Tausend legale Steuertricks“ und reizt nicht zum Kauf.
Obwohl dieses 260 Seiten starke Comicbuch bereits vor knapp vier Jahren bei Splitter erschienen ist (und von der Kritik gefeiert wurde), hab ich es erst letztes Jahr gekauft und erst jetzt gelesen (musste noch die Steuererklärung vorziehen).
Und es ist wirklich genial!
DAS BUCHMAULTIER VON CORDOBA ist eine der schönsten Graphic Novels des Jahrzehnts.
(Leider war es kein Kassenschlager, aber Splitter-Pressemensch Sven Jachmann versichert auf Nachfrage, dass der Band seine Unkosten eingespielt hat.)
DAS BUCHMAULTIER VON CORDOBA präsentiert eine Schelmen-Erzählung mit historisch akkuratem Kern: Im muslimischen Cordoba im Jahre 976 räumen islamistische Fanatiker weltliche Werke aus der Bibliothek und verbrennen diese.


In einer Nacht-und-Nebel-Aktion schmuggeln der Bibliothekar Tarid und seine Schreiberin Lubna einige Dutzend Bücher heraus und laden sie auf ein Maultier, das dem Schlawiner und Tunichgut Marwan gehört.
Zu dritt machen sie sich auf Richtung Norden, um die Bücher woanders unterzubringen. Dabei werden sie verfolgt von den Männern des Wesirs Amir und haben mit Hunger, Durst, steinigen Pfaden und vor allem der störrischen Natur des Maultiers zu kämpfen.
Das ist die ganze Handlung, die wunderbar flüssig und nah bei den Figuren entrollt wird. Das ungleiche Trio streitet sich untereinander, es werden Hintergrundgeschichten aufgedeckt, der Sinn der Aktion diskutiert und auf das Maultier geschimpft, das am Verzehr der kostbaren Last kaum zu hindern ist.

Marwan war Schüler von Tarid in der Bibliothek von Cordoba, aber entsagte einer Kopisten-Karriere, um draußen in der Welt Abenteuer zu erleben. Er stahl seinerzeit ein wertvolles Buch, weshalb ihm Tarid immer noch böse ist.
In folgender Szene entlädt sich auch Lubnas Wut auf den faulen Marwan:


So wandert unser Trüppchen durchs spanische Hinterland und kann nirgendwo auf Verständnis hoffen.
Sie umgehen Straßensperren, verstecken sich vor den Häschern des Wesirs, schieben das Maultier über Berge und durch Flüsse – und betteln verzweifelt um Nahrung.
Eine kratzbürstige Feigenhändlerin und ihr zorniger Enkel reagieren mit maximaler Ablehnung:

Auch das Angebot, ein Buch gegen Feigen zu tauschen, wird abgelehnt. Doch Tarid kann die Herzen der beiden erweichen, indem er ihnen den Gründungsmythos von Cordoba vorliest.
Dafür ergattert er eine Handvoll Früchte und fühlt sich in seiner bibliophilen Ehre bestätigt.
Der idealistische Tarid ist die Hauptfigur des Comics, seine kugelförmige Erscheinung ist grotesk, aber weckt unsere Sympathie. Er kämpft mit Haut und Haar um jedes einzelne Buch, als seien es seine Kinder.
Seine Flucht aus dem Palast macht ihn zum Ausgestoßenen, er verliert seinen Status und bereut seine Tat jedoch keinen Augenblick: Bücher sind ihm heilig und rechtfertigen seine Existenz.
Denn Tarid hat ein hartes Schicksal hinter sich, wie uns in Rückblenden offenbart wird.


Als Findelkind wird er zunächst von Bettelmönchen brutal erzogen, dann zum Eunuchen gemacht und als Sklave verkauft, um durch glückliche Fügung als Schreiber und Kopist am Hofe von Cordoba zu landen, wo er sich hochdienen kann.
Ein Hauch von ISNOGUD
Dass Tarid dem gutmütigen Kalifen Harun-al-Pussah ähnelt, halte ich nicht für Zufall.
Schließlich gibt es auch im BUCHMAULTIER VON CORDOBA einen Großwesir, der „Kalif anstelle des Kalifen“ werden möchte. Dieser Nebenplot wird im Hintergrund versteckt, sorgt bei Comicmenschen aber für einen willkommenen Aha-Effekt.
Nebenher verschafft diese Graphic Novel auch Einblick in das Bibliothekswesen der Kalifen von Cordoba: Auftritt des Herrschers und Rückblick in Marwans Lehrjahre bei Tarid:


Die literarische Klasse des BUCHMAULTIERS hängt auch am Autoren: Wilfrid Lupano ist die Geheimwaffe der französischen Szene und verantwortet Bestseller wie AZIMUT, DER MANN DER KEINE FEUERWAFFEN MOCHTE, WIKINGER IM NEBEL, DIE ALTEN KNACKER und DER WOLF IM SLIP.
Lupano bürgt für Qualität und Originalität. Sein Zeichner Léonard Chemineau ist in Deutschland noch nicht aufgetaucht, hat aber vor Kurzem einen neuen Comic mit Lupano gestaltet: LE MÈTRE DES CARAïBES.
Chemineau tanzt auf dem Grat vom Semifunny zum Realismus, was für diesen Stoff genau die richtige Wahl ist. Es geht zwar ernst zur Sache, doch das Dargestellte erhält eine leichtfüßige Note.

Und ewig grüßt das Buchmaultier
Ich muss das Ende verraten, ohne jedoch zu konkret zu werden.
Nach einer dramatischen Begegnung mit den Verfolgern und marodierenden Wikingern zugleich entlässt der Comic unsere Figuren in ein offenes Ende – und geht nahtlos in einen Epilog über, der sich dem Thema Bücherverbrennungen widmet.
Bücherverbrennungen sind DIE klassische Chiffre für kulturelle Barbarei. Uns allen stehen augenblicklich die Bilder der nationalsozialistischen Scheiterhaufen vor Augen.
Doch Lupano und Chemineau sind nicht so plump, uns dorthin zu führen, sondern erweitern das Blickfeld zurück in die Menschheitsgeschichte und berichten, dass politisch motivierte Kulturzerstörung offenbar in Cordoba beginnt, aber schon 1239 munter aufgegriffen und fortgesetzt wird.

Damit setzt das Kreativteam seine Graphic Novel in einen Kontext, der bis in die Gegenwart reicht und mit der rhetorischen Frage endet, wie Texte im Digitalzeitalter zensiert und gelöscht werden können.
Kurz: DAS BUCHMAULTIER VON CORDOBA ist eine kluge, schmissige und originelle Graphic Novel. Ich bekräftige: Eine der schönsten der letzten Jahre.
Als alter Esel kann ich mir zum Schluss nicht den Achtzigerjahre-Spontischerz „Bücher verbrennen ist wie Klowände streichen“ verkneifen bzw. dessen Nonsens-Verdrehung „Klowände verbrennen ist wie Bücher streichen.“
Entschuldigung. Erholen Sie sich doch bei einem halbwegs seriösen Reel auf Instagram.