Es beginnt nicht wie im „Faust“ mit einem „Vorspiel auf dem Theater“, sondern mit einem Prolog über den Hügeln Hollywoods, vor dem ikonischen Schriftzug.
Als mächtiger Erzähler resümiert Orson Welles zu Beginn sein Leben und verklickert uns, dass er es noch einmal wissen wolle. Er sei noch nicht fertig mit der Traumfabrik und plane einen Film über das Leben eines alternden Regisseurs, der noch Saft und Kraft in sich hat.
Das sind natürlich verklausulierte Anspielungen auf die eigene (und eigenartige) Karriere und zugleich ein großes Theater mit Formen und Formaten. Diese Sequenz wirkt, als spiele sie auf dem Mond – von wo aus der gute Mann im Mantel zu uns herunterschaut.


Und tatsächlich schalten wir im ersten Kapitel ins Jahr 1977, in dem sich Welles (Liebhaber kulinarische Genüsse und Zigarren) mit Finanziers in einem Restaurant trifft, um Geld für sein Projekt „The Other Side of the Wind“ zu bekommen.
Das ist das erwähnte Alterswerk, das er seit sechs Jahren zu beenden versucht. Verzweiflung sieht man ihm nicht an, im Gegenteil ist er „Showman“ durch und durch.
Reden kann er und seine physische Präsenz ist ungebrochen:


Es folgt in einer Rückblende eine zügige Aufarbeitung seiner Kindheit und Jugend auf nur zehn Seiten, die höchst amüsant inszeniert sind – weil unser Protagonist immer aus derselben Perspektive präsentiert wird.
Die Mutter ermutigt ihn zu jeder Form künstlerischer Betätigung:

Als die Mutter früh stirbt, findet der junge Mann eine neue Heimat am Theater und reüssiert mit seinen „Mercury Players“ in mutigen Neufassungen klassischer Stücke, beispielsweise seiner Shakespeare-Adaption „Julius Cäsar“ von 1937, in der er Rom zu einem faschistischen System umdeutet.
Hier erleben wir ihn beim Pläneschmieden mit seinem Ziehvater. Genialer Trick zur Charakterisierung Orsons: Er bewegt sich mit einem ausgedienten Krankenwagen durch die Stadt, weil er einfach „keine Zeit für Taxis“ hat:


Was Welles auf dieser wilden Fahrt ausheckt, ist sein bahnbrechendes Hörspiel „Krieg der Welten“, das ihm endgültig nationale Aufmerksamkeit und „Wunderkind“-Ruhm beschert.
An dieser Stelle großes Lob für den marokkanischen Zeichner und Autor Youssef Daoudi, der vor kreativen Ideen für seine Umsetzung förmlich sprüht und die angebliche Massenpanik beim Hörpublikum aufgreift, indem er seine marsianischen Kriegsmaschinen als riesenhafte Mikrofone darstellt!


Was alles in ein Leben passt
Auf jeden Fall rate ich Ihnen, vorab schnell den Wikipedia-Eintrag zu Orson Welles zu überfliegen, denn der Comic springt in der Chronologie und man kommt unweigerlich durcheinander, was Theater, was Film und was Hörspiel war.
Welles brillierte auf allen Gebieten und das bereits in frühen Jahren (sein Meisterwerk „Citize Kane“ dreht er mit 26)!
Ich laste dem Comic nicht an, dass es teilweise chaotisch zugeht, das passt auf sein Subjekt. Welles war in seiner pompösen Art kaum zu fassen und jonglierte mit mehreren Bällen gleichzeitig.
ORSON WELLES, die Graphic Novel, wird dem vollends gerecht und überzeugt mich mit feinen Inszenierungen und oft ziemlich abgefahrenen Bildideen.
Etwas diese Panels, die Welles‘ Macho-Selbstverständnis in Kombination mit seiner Kunst illustrieren:


Weiter geht es aber chronologisch mit seinem Entrée in Hollywood, wo man dem jungen Genie „Carte blanche“ gibt und er sich ein Filmstudio aussuchen kann – das ihm auch volle künstlerische Freiheit garantiert. Ein präzedenzloser Vorfall, der sich in gewisser Weise rächen wird.
Als Welles nach zwei Jahren „Citize Kane“ abliefert, macht er sich darin über den Pressezar Hearst lustig und wird von dessen Medien nach Strich und Faden diffamiert.

Er wird schnell als Kommunist abgestempelt, sein zweiter Film („The Magnificent Ambersons“) wird vom Studio gekürzt, verändert und umgeschnitten. Welles kann nicht eingreifen, da man ihn auf eine Filmreportage durch Südamerika geschickt hat.
Der Zweite Weltkrieg tobt, Orson vertrödelt Zeit in Brasilien, der genervte Studioboss gibt ihm den Laufpass.
Kurz nach dem Krieg gelingen ihm zwei kommerzielle Krimis („Die Spur des Fremden“ und „Die Lady von Shanghai“), die er jedoch nur dreht, um Geldschulden aus Musicalproduktionen zu begleichen.
Der Fluch des frühen Ruhms
Welles hasst das System Hollywood und zieht sich nach Europa zurück, wo man ihn liebt und dreht dort „Macbeth“ und „Othello“.
Als er 1958 den Bösewicht in „Touch of Evil“ spielen soll, überlässt man ihm (auf Drängen von Hauptdarsteller Charlton Heston) auch den Regiestuhl.
Der Film wird ein düsteres Krimi-Meisterwerk, aber Hollywood traut ihm nicht und er fühlt sich weiterhin ausgegrenzt.
Daoudi nutzt diese Szene, um Welles bei der Arbeit zu porträtieren und über das Metier des Regisseurs zu reflektieren: Die Kunst der Regie sei eine Erfindung der Filmkritik, für Regie müsse man sich lediglich eine Minute am Tag konzentrieren.
Viel wichtiger sei der Schnitt, der dem fertigen Film seinen Rhythmus verleihe.


Das Werk integriert hin und wieder auch Sequenzen, die nichts mit der Figur Welles und seiner Kunst zu tun haben. Etwa eine Fressorgie vor dem Fernseher, die von iranischen Aufständen berichtet.
Ich interpretiere hier eine multifunktionale Absicht des Autoren und Zeichners: Zum einen möchte er uns zeitlich in die späten 1970er-Jahre führen, zum anderen den Genussmensch Welles porträtieren.
Wobei der Genuss hier laut und deftig vonstattengeht. Das wiederum unterstreicht die berichtete Gewalt aus dem Iran, wo womöglich Tausende Menschen von der Regierung massakriert worden sind.
Letztlich sehe ich hier auch ein Statement zur aktuellen Situation des Iran, wo die Bevölkerung weiterhin brutal unterdrückt wird – nur heute durch das Regime, das damals den Schah stürzen konnte.

Offenbar hatte Welles auch Drähte zu iranischen Geldgebern – ein Traum, der mit der Revolution der Mullahs platzt.
Eine ironische Sequenz von 14 Seiten (das Kapitel trägt den Titel „Der Tanzbär“) listet im Schnelldurchgang all die Projekte auf, für die sich der finanziell klamme Künstler prostituiert hat.
Etliche Werbespots für Whiskey, Weine und technische Geräte, die er großspurig mit Shakespeare-Zitaten vermarktet.
Gefolgt von einer Aufzählung all seiner Gast- und Nebenrollen in Billigfilmen der Siebzigerjahre, die er uns anhand von Kinoaushang-Fotos unter die Nase hält.


Immerhin war „Catch-22“ darunter, aber eben auch der Italowestern „Tepepa“, deutscher Sandalenschwulst wie „Kampf um Rom“, belgischer Fantasyhorror wie „Malpertuis“, russische Kostümschinken wie „Waterloo“, die Pseudo-Shakespeare-Klamotte „Where Is Parsifal?“ sowie „Flames of Persia“, ein Propagandafilm der Pahlavi-Dynastie – ahaaa, daher die Iran-Connection.
Was im Schatten lauert
ORSON WELLES, L’ARTISTE ET SON OMBRE schneidet immer wieder ins Jahr 1977, wo Welles mit weiteren Geldgebern über sein Spätwerk „The Other Side of the Wind“ diskutiert (was er nicht mehr vollenden wird, dafür aber Netflix 40 Jahre später).
Zum Finale seiner Welles-Bespiegelung konfrontiert Dauodi Orson mit seinem eigenen Schatten.
Das hat der Titel schon versprochen (SON OMBRE), das nimmt Rückbezug auf eine frühe Tonrolle: Welles war die Off-Stimme der Radioserie „The Shadow“, in der ein sinistrer Erzähler die Geschicke der Menschen spöttisch kommentiert.
In einem Selbstgespräch zieht der Kinosüchtige Bilanz: Er habe das eigene Genie überschätzt, jawohl, aber er habe nach wie vor Projekte im Kopf und Hunger auf das Filmemachen.
Dass Hollywood sich nie mit ihm arrangieren konnte – so what?!
Welles war eine Ein-Mann-Traumfabrik!


Diese französische Graphic Novel ist die jüngste Arbeit Daoudis, der zuvor schon Biografien über den Boxer Jack Johnson und den Musiker Thelonius Monk vorgelegt und noch früher Rennfahrercomics im realistischen Stil gezeichnet hat!
In Deutschland verlegte ihn Ehapa vor 17 Jahren mit dem Krimi DIE SCHWARZE TRILOGIE (von der ich allerdings noch nie gehört habe).
Ich habe mir den Band im französischen Original von 2024 geholt, obwohl es mittlerweile auch eine englischsprachige Ausgabe gibt. Das habe ich ein wenig bereut, denn Orson spricht ein gehobenes Französisch, für das ich oft meine Google-Lens-Übersetzungs-KI zur Rate ziehen musste.
ORSON WELLES, L’ARTISTE ET SON OMBRE ist eine verdammt schicke Graphic Novel, die ihr Thema clever, kompetent und kreativ meistert.
Erneut ist mir ein Rätsel, dass kein deutscher Verlag zugegriffen hat, aber das könnte ich über jeden hier vorgestellten „France BD“-Beitrag behaupten.
Auf meinem Kanal auf Instagram (#courthtillmann) stifte ich ein Reel, das Ihnen auch den Einsatz der Schmuckfarbe Gelb demonstriert (sieht man auch nicht alle Tage).