Wenn Träume platzen: ALTAMONT

„Altamont“? Da war doch was. Hat man da nicht mal von einem Rockkonzert gehört, das böse ausging? Dass nach den legendären Festivals in Monterey und Woodstock stattfand?
Wo diese beiden den „Sommer der Liebe“ und die friedliche Revolution der Hippies symbolisierten, dann Altamont die dunkle Seite einer drogenbefeuerten Feierkultur offenbarte?

Das Rockkonzert, auf welchem drei Personen tödlich verunglückten und ein Besucher von einem Hells Angels-Ordner erstochen wurde?
Genau, das ist Altamont!

ALTAMONT, der Comic, ist jedoch keine Dokumentation dieses Konzerts, sondern möchte auf der Folie desselben das Zeitbild der späten 1960er-Jahre in den USA festhalten.

Dazu schickt die Handlung eine Gruppe von fünf College-Freunden im VW-Bus auf einen Road Trip durch das dunkle Herz Amerikas und hinein in das Getümmel eines Festivals, das aus dem Ruder läuft.

© für alle Abbildungen: Hanna, Adlard / Image Comics

Am Steuer sitzt Hippie-Jenny, neben ihr (mit der Sonnenbrille) ihr Freund Matt genannt „Doc“, dahinter hockt der gemeinsame Schulfreund Thomas Henry genannt „Schizo“, auf der hinteren Bank der Hendrix-Fan und Festival-Veteran Leonard mit seiner Bekannten Samantha.
Im Geiste bei ihnen ist Nummer sechs, der verstorbene Mike, der die Entdeckung harter Drogen bereits mit dem Leben bezahlt hat.

Und während sich der dauerbedröhnte Hedonist Schizo mit Leonard und Samantha über die besten Gitarristen streitet, versucht Jenny die Truppe zu versöhnen, indem sie an die Subjektivität aller Individuen erinnert.

Der nachdenkliche Doc führt ein Reisetagebuch und ringt mit Erinnerungen an den Krieg: Er war Sanitäter in Vietnam, oft im Kampfeinsatz und hat dabei ein Auge verloren.

Das Thema Vietnam kulminiert in einem Besuch bei Leonards Mutter, die ihm Vorhaltungen macht, ein Aussteiger zu sein. Leonard zieht Doc in das Gespräch und benutzt ihn als Demonstrationsobjekt:

Die Reise geht weiter und natürlich wird der Bus von einem aggressiven Highway-Cop angehalten. Der filzt den Wagen und die Reisenden nach Drogen, weil er sie gerne einsperren möchte.

Doch alle sind nüchtern und Jenny ist sogar in einer Mission unterwegs: Sie führt „Keine Macht den Drogen“-Pamphlete und –T-Shirts mit!

Das glaubt der Bulle nicht, muss aber bald resignieren und abziehen.

Die Freunde beladen den Bus wieder und Schizo fragt, wo die Drogen denn nun versteckt sind.

Man hänselt den notorischen Kiffer und Samantha überrascht die Gruppe mit dem Geständnis, ihre Plateauschuhe seien voller LSD.

ALTAMONT baut sich über Dutzende Seiten langsam auf, charakterisiert seine Figuren behutsam und wirkt beinahe banal – bis wir in der Buchmitte nach Altamont kommen und unsere fünf Protagonisten sich unter das Festivalpublikum mischen.

Hierzu gestaltet Zeichner Charlie Adlard eine Doppelseite zum Aufklappen, ein printtechnisch dramatischer Effekt, der eigentlich „zu drüber“ ist für ein simples Musikevent. Aber es präsentiert uns anschaulich die Dimension des Geländes (zeige ich im Reel).

Befassen wir uns nun mit dem tragischen Festival, das die fiktiven Figuren Jenny, Doc, Schizo, Sam und Leo stellvertretend für uns durchleben.

Man schlägt ein Zelt auf, streunt herum, trifft auf wunderliche Typen, hat aber auch eine unangenehme Begegnung mit einem fiesen Rocker: Eddie gehört zu den Hells Angels, die als Ordner für das Festival engagiert worden sind.

Als Jenny Widerworte gibt, verpasst Eddie ihr eine deftige Ohrfeige. Das ruft Doc auf den Plan. Doch als sich die beiden prügeln wollen, geht Charlie dazwischen – der Rocker-Präsi und Kriegskamerad von Doc aus Vietnam.

Man tauscht Erinnerungen aus, hockt sich ans Lagerfeuer, wirft tüchtig LSD ein und feiert die erste Nacht durch.

Ein kalter Dezembermorgen bringt nicht nur einen gehörigen Kater, sondern auch einen Tag, der in die Geschichte eingehen wird.

Der amerikanische Alptraum

Der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu Altamont bietet mehr Informationen und veranschlagt die Zahl der Teilnehmer auf 300.000 (das ist zwar weniger als Woodstocks 450.000), aber dafür war die Organisation lausig, der Ort spontan und unbedacht ausgesucht und keine richtige Security eingestellt worden.

Die Hells Angels (die zuvor schon Konzerte abgesichert hatten!) sollten lediglich die Rolling Stones abschirmen und das Equipment samt Bühne bewachen.

Die Bühne war lächerlich tief und lag in Bauchhöhe des Publikums, weshalb man die Hells Angels direkt davor aufstellte. Die waren tatsächlich (kein Jux) mit Bier bezahlt worden und waren in Laune, sich mit den Hippies vor ihnen anzulegen.

Auf YouTube findet sich ein gespenstisch-bedrückender dokumentarischer Clip, der zeigt, wie sich beim Vortrag der Rolling Stones vor der Bühne Fans mit den Hells Angels prügeln und ein allgemeines Chaos herrscht. Die gewalttätige Stimmung ist mit Händen zu greifen.

Wir sehen Mick Jagger, wie er später in einen Schnittraum die Szene vorgeführt bekommt: Ein Rocker zückt ein Messer und lässt es auf einen Besucher (der angeblich zuvor eine Pistole gezogen hat) niedersausen. Die Band flieht anschließend in einem Helikopter.

Wir sehen auch, wie akkurat Zeichner Adlard die Szenerie und die Outfits in seinem Comic wiedergibt!

Wer tiefer eintauchen möchte in die Zeitgeschichte, schaue sich diese Hintergrundgeschichte mit ganz viel Filmmaterial an.

Ich selber hatte zuvor null Interesse an Altamont, war aber schnell gefangen und erschrocken über die mengenmäßigen Ausmaße der Veranstaltung und die greifbar gefährliche Atmosphäre.

Zurück zum Comic:
Unsere Protagonisten verlieren sich im Getümmel, werden Zeugen von Gewalt und Drogenwahn. Doc muss Schizo vor Dummheiten bewahren, Jenny wirft einen Trip ein, Samantha macht mit einer Besucherin rum und Leonard läuft dem sadistischen Eddie in die Arme.

ALTAMONT verlässt die dokumentarische Ebene (die es für ein Drittels des Werks durchaus bedient hat) und führt seine Story mit den fiktiven Figuren zu Ende. Ein Epilog von 15 Seiten transportiert uns 13 Jahre in die Zukunft: 1982 treffen wir Doc, Leonard und Schizo wieder.

Dieses Nachspiel verleiht dem Werk ein Hauch von Thrillerwürze, denn wir erfahren, dass an jenem fatalen Abend in der Konfrontation mit Eddie noch etwas Anderes geschehen ist.

Ich werde den Teufel tun, hier etwas zu verraten, aber dieser Twist überwindet den Altamont-Bezug und konzentriert sich wieder auf die ursprüngliche Freundschaftsgeschichte.

Adlards Artwork

Sie haben bemerkt, dass der Zeichner durchgehend in einem Retrolook mit Rasterpunkten illustriert, wie er in der Pop-Art der Sechzigerjahre üblich war.
Das passt gut zum Sujet und macht den grafischen Reiz des Albums aus.

Adlard widersteht der Versuchung, die Chose bonbonbunt zu machen – bis auf einige LSD-Fantasien. Klugerweise koloriert er Tagesszenen in gedeckten Rot-Gelb-Braun-Tönen und die Festivalnächte in Schwarz-Blau-Weiß.
Das schaut im kontrastierenden Zusammenspiel richtig gut aus.

ALTAMONT übrigens ist keine amerikanische Produktion, sondern eine französische. Zeichner Adlard (der über 190 Hefte THE WALKING DEAD geschrubbt hat) ist sowieso Brite und Autor Herik Hanna ist Franzose (bekannt durch DAS REICH OHNE NAMEN und 7 DETEKTIVE), das Werk ist im Sommer 2023 bei Glénat erschienen.

In den Händen halte ich und in Auszügen sehen Sie die frische US-Lizenz bei Image vom Januar 2026. Zu bestellen über den guten Fachhandel.

Da auch ich in Bier bezahlt werde, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn das Reel über den Comic etwas wacklig daherkommt.
Prost zusammen!

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