Tillmann liest: GHITA

„Ghita ist die Siegesgöttin der sexuellen Revolution.
Sie rülpst, säuft, kopuliert, schwingt das Schwert mit tödlicher Treffsicherheit, furzt,
flucht wie ein kotzbeiniger Philister und läuft gelegentlich in fröhlicher Nacktheit
durchs Gelände – kein sehr damenhaftes Betragen.
Ghita von Alizarr ist keine Dame, aber sie hat Klasse.“
(Künstler Frank Thorne über sein Werk)

Das ist der Sword-and-Sorcery-Comic mit Sex. Die blonde RED SONJA. Ghita von Alizarr ist die fidele Hure, die mit ihrem Kompagnon, dem Zauberer-Scharlatan Thenef, in einen Krieg mit den Echsenmenschen gezogen wird.

Ein Gesamtwerk von knapp 100 Seiten, auf Deutsch 1991 in zwei Alben bei Splitter erschienen. Die fielen mir zufällig antiquarisch in die Hände. Kannte die Serie gar nicht, passt aber perfekt in unsere launige Reihe über erotische Comics.

Autor und Zeichner Frank Thorne war mir ebenfalls unbekannt, er gestaltete in den späten 1970er-Jahren die meisten Abenteuer von RED SONJA. Die ist ein Pin-up-Fantasygeschöpf, entsprungen aus dem Conan-Kosmos.

Typische Splash-Page aus einem Dschungelcomic der 1940er-Jahre.

Wir haben es also mit dem Genre „Sword and Sorcery“ zu tun, dem modernen Ableger der Dschungelcomics aus den 1940er-Jahren.

Wieso ich das erwähne? Weil Thorne in seinem Vorwort zu GHITA freimütig bekennt, „SHEENA war meine Wichsvorlage“. Danke, dass es mal jemand ausspricht.

Comics haben Jungs immer auch zu masturbatorischen Zwecken gedient. Welcher Comicforscher geht das Thema mal an? :- )

Aber seit PANTERA BIONDA aus den 1950er-Jahren hat es sich ausgedschungelt. An die Stelle traten Fantasywerke wie STORM oder ANDRAX und frivole Science-Fiction wie BARBARELLA (das war schon 1964 und für damalige Zeiten absolut revolutionär und bahnbrechend). Das ist Jahre vor dem Aufbruch der US-Underground-Comix, nie vergessen!

In fremden Welten ist das Klima wärmer und die Protagonisten leichtbekleidet. Zudem kann man sie noch von Monstern begrabschen lassen! Und so Tiger, Elefanten und Gorillas sind anatomisch schwer zu zeichnen …

Also Fantasy, da geht alles. Teure Autos, schnelle Frauen … Halt … zurück zum richtigen Genre: Das Schwert ist das Phallussymbol bei Sword and Sorcery. Frank Thorne spricht auch das aus, am Ende seiner kleinen GHITA-Saga: „Diese Klinge ist ein harter, kalter Penis. Sie ist der Pfahl der Vernichtung.“ Und rein und raus, bis Blut kommt.

Aber beginnen wir in Band 1, wo wir Ghita als Kurtisane von Khalia, dem König von Alizarr, erleben. Ghita lässt es sich gutgehen, sie ist ein cooles Luder, obwohl die Stadt soeben überrannt wird den bestialischen Truppen der Echsentrolle unter Leitung des Hohepriesters Nergon.  An Ghitas Seite ist ihr väterlicher Begleiter (und Part-time-Lover!) Thenef, ein Jahrmarktszauberer, Trinker und Scharlatan.

Die vollbrüstige und nackt vorgestellte Blondine mit dem eigenartig filzigen Schopf sinniert: „Mit einem Troll im Bett kann es nicht schlimmer sein als mit einem Zauberer voller Ginmet.“ (Letzteres ist der allgegenwärtige Schnaps dieser Welt.)

Es geht im Folgenden rasant und heftig zur Sache, denn der im Kampf verwundete Khalia befindet, dass man nun magische Hilfe braucht. Also steigt man in die Katakomben des Palasts, wo der verweste Leichnam von Khan-Dagon ruht. Der war der wildeste der wilden Kämpfer und legendärer Schlagetot – und soll nun mit Thenefs Magie wiederbelebt werden, um die Niederlage abzuwenden.

Kritische Situation für Ghita und Thenef, die sind nur Maulhelden und nun in der Klemme. Khalia übergibt ihnen einen zauberkräftigen Stein zur Reanimationshilfe.

Dieser Comic aber hetzt nicht von Aktion zu Aktion, sondern lässt sich zwischendurch (wie nun zum Beispiel) Zeit für schelmisches Geplauder, das Thorne sichtlich auskostet:

Khalia: „Dieses magische Juwel hat mich sechs Dirnen von Ghitas Qualität gekostet. Die beste davon besaß zwei Paar Brüste.“

Ghita: „Ein Paar genügt, wenn sie voll und gut geformt sind, Gebieter.“

Thenef: „Gewiss … aber nicht für Rahmuz. Er wurde mit zwei Paar Armen geboren.“

Khalia: „Genug des Geredes über Frauenbrüste. Hier ist der Stein, Thenef, beginne den Zauber.“

Thenef versagt kläglich, doch eine zupackende Ghita rammt den Stein mit dem Mut der Verzweiflung in Khan-Dagons fauligen Leib. Worauf der tatsächlich aufersteht, als athletischer, langmähniger, schwer behängter Hüne!

Was nun geschieht, ist die Schlüsselszene in Thornes Kosmos: Der erweckte Krieger hört nicht auf des Königs Worte und rüstet sich zum Kampf, sondern hat nur Augen für die Frau vor ihm. Die sexuelle Enthaltsamkeit des Todesschlafs (WTF?) hat Khan-Dagon zum sexsüchtigen Berserker geformt. Er drischt Khalia die Rübe ein und fällt über Ghita her!

Diese Welt ist amoralisch durch und durch.

 

Thenef traut sich kein Eingreifen, während Ghita vergewaltigt wird, aber er wirft ihr einen Dolch zu, mit dem Ghita Stoß für Stoß vergelten kann – bis ihr Peiniger sein Leben aushaucht.

Achten Sie hier schon mal auf die beiden Textebenen, den weiß-auf-schwarzen und den schwarz-auf-weißen, dazu später mehr …

 

Im Folgenden wandelt sich Ghita zur rabiaten Kriegsfurie. Erklärung hierfür: Etwas vom Kampfgeist des Khan-Dogon ist in sie gefahren (beim Geschlechtsakt wider Willen).  Sie legt einen metallenen Bikini an (das ist so üblich und Vorschrift in Fantasycomics) und zieht mit Thenef und einem frisch rekrutierten Helfer, dem Halbtroll Dahib, in die Schlacht!

Ich schildere die ersten 30 Seiten so ausführlich, weil sie die ruppigsten, wildesten und auch originellsten (ja, Nekrophilie ist originell, weil tabuverletzend) Passagen sind und bleiben.

Kurz darauf erleben wir Ghita in einem ersten Blutrausch bei der Flucht aus der inzwischen gefallenen Stadt.

Das Trio schlägt sich nun in die Berge, um dort Dahibs Halbtrolle zu suchen und Verstärkung aufzustellen. Auch hier pausiert Thorne die Handlung und nimmt sich Zeit für komische Kontemplationen und das Spiel seiner Figuren. Der immertreue und kritiklose Dahib wird mit Thenefs Sarkasmus und Lüsternheit konfrontiert.

Auf den Weg zu den verbündeten Halbtrollen macht man Rast, badet im See, kifft eine Runde, tanzt, singt und scherzt. Auf den letzten Seiten des ersten Bandes trifft unser Trio bei den Flüchtlingen aus Alizarr und den Halbtrollen ein. Die wilde Ghita wird als Anführerin akzeptiert und hat eine Affäre mit dem jungen Krieger Temmen.

Der zweite Band kulminiert in der Rückeroberung der besetzten Stadt, der Vertreibung der Echsentrolle und der Installation von Ghita, Thenef und Dahib als herrschendes Triumvirat. Auf dem Weg dorthin entpuppt sich Temmen noch als Trollspion und findet dasselbe Ende wie Khan-Dagon (erstochen während des Liebesakts).

Aufgefüllt wird das zweite Album hauptsächlich durch Figur des abtrünnigen Halbtrolls Sef, der Ghita verachtet und seinem persönlichen Höhlengott Drill opfern will.

Ghitas Entführung wird zur Comedy-Nummer: Sef verdrängt beim Schleppen der Ohnmächtigen seine aufkommende Lust.

 

Drill, ein haushoher amorpher „Blob“, erscheint tatsächlich, doch wird in einem Anfall von Courage von Thenef gezähmt (und von diesem noch in die Schlacht um Alizarr geführt).

 

GHITA bemüht sich in der Tat um seine Figuren und lässt sie lebendiger werden als die Standardkrieger aus dem Genre Fantasy. Ghita und Thenef sind ein charmantes Pärchen, ihre Abenteuer wirken wie ein Buddy-Movie aus der Ü-18-Ecke der Videothek.

Auch transportiert GHITA einige Komik durch Generierung von Fallhöhe im Text: Die klassischen „captions“, die Erzählkästen über den Panels, befleißigen sich eines anderen Tons als die Sprechblasen!

Der geschwollene Fantasy-Sprech der Textkästen wird konterkariert durch saftige Sprache im Bild.  (Siehe dazu auch die Abbildung oben.)

Ein weiteres Beispiel wäre Ghitas Ritt in die finale Schlacht: „Die Dunkelheit legt sich wie ein nasses Laken auf den Purpurforst, während feurige Blitzschläge die triefnasse Erde peitschen. Ghitas Nüstern weiten sich im silbrigen Dunst. Ein Blitz schlägt in unmittelbarer Nähe ein. Das Pferd bäumt sich erschrocken auf, Ghita streckt ihren Dolch dem dampfenden Firmament entgegen.“

Ghita flucht unter Tränen: „Scheiße! Scheiße! Scheiße! Khan-Dagon, du Kotzbrocken! Wieder benutzt du meinen Leib! Ist noch etwas übrig von Ghita?“

Achtung: Nicht Ghita, sondern Red Sonja, Thornes keusche Kreation aus dem Marvel-Universum.

Mich würde interessieren, was der Feminismus zu Ghita sagt. Ist diese Frau selbstbestimmt? Von Khan-Dagons Phallus fremdbestimmt? Alle männlichen Figuren SIND Schweine – ausgenommen der servile Dahib, der in Ghita ein höheres, unberührbares Wesen sieht (trotz aller offensichtlichen Gegenbeweise).

Verbietet Ghitas Outfit und Benehmen eine feministische Betrachtung?

Ich erinnere, dass die „Comic-Talk“-Runde mit Hella von Sinnen am Frauencomic MONSTRESS den Look der Figuren monierte (sinngemäß zu ‚pornös‘).
(Mein Eindruck von MONSTRESS ist HIER nachzulesen.)

GHITA kann man erfrischend finden, GHITA kann man völlig daneben finden. Ich maße mir kein Urteil an.

Nichts, was ich zügig runterlesen konnte. Auch wenn Charaktere und Tonlage aus dem Rahmen fallen, so kreist die Handlung doch um sture Vergeltung, ohne groß zu überraschen. Der Plot zieht sich und droht immer wieder, der Redundanz und Schemahaftigkeit anheimzufallen.

Aber wir lesen das ja nicht zum Spaß. Denn GHITA ist Thornes Privatspaß aus den Spätachtzigern. Sein Exorzismus von RED SONJA. Sein Fantasy-Wunschkonzert mit realistischer Note, wenn man so will.

Auch aufschlussreich ist sein Zitat: „Ghita zelebriert Dinge, die der Realität näher sind als der Welt der Superhelden“. Klare Anspielung auf das Gebot der Asexualität bei Superhelden.

(In diesem Zusammenhang auch lesenswert ist THE PRO von Garth Ennis (Text) und Jimmy Palmiotti und Amanda Conner (Zeichnungen):
Eine Straßenhure bekommt Superkräfte und soll sich in ein Heldenteam integrieren. Was nicht gelingt, aber im Verlauf die Sexismen und sublimierten Repressionen von Superhelden hübsch herausarbeitet … )

Doch zurück zur zügellosen Fantasiewelt von GHITA:

Das Schöne ist, dass Thorne bedingungslos zu seinem Werk und seinen Fantasien steht.
Er sah sich selber gerne als „Wizard“ und hat in solcher Kostümierung öfters mal Red-Sonja-Lookalike-Wettbewerbe überwacht.
O herrlich, ein Zeichner zu sein.

Allerdings hat es ihn dann auch ein wenig aus der Kurve getragen, denn Thorne stilisierte sich auch privat als Magier Thenef und lebte mit Ghita-artigen Musen zusammen. Es existieren sogar Fotodokumente dieser Symbiose.

Naja, Thorne (mittlerweile 87 Jahre alt!) ist ein bekennender „dirty old man“ und breitet mit Genuss seine persönliche Sicht des Genres aus. Das ist ja legitim und in gewisser Weise unterhaltsamer und ehrlicher als die meiste Ware aus dem Genre Phantastik. Heutigen „Game of Thrones“-Guckern sicherlich vertrauter als den damaligen Lesern.

Mein Fazit: Es ist schon originell.
Wenn Sword and Sorcery, dann GHITA!

 

Übrigens will ein Verlag namens Hermes Press zum Jahresbeginn 2018 eine Original-Art-Edition „Ghita: an Erotic Treasury“ auf den Markt werfen. Wir finden: Das muss dann doch nicht sein! Frank Thornes Artwork ist solide, tendiert aber tüchtig Richtung Mittelmaß und setzt in der „Neunten Kunst“ keinerlei Akzente.

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Anmerkung:
GHITA ist Teil 2 unseres „Schweinepriester-Quartetts“ obskurer erotischer Comics.
Daran diskutieren wir frei assoziierend Aspekte des Sexismus im Comic.

Teil 1 war Paul Gillon und DIE ÜBERLEBENDE.

In Planung sind noch SARVAN von Jordi Bernet sowie DRUUNA von Paolo Eleuteri Serpieri.

 

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