Hören Sie hin: DER FERNE SCHÖNE KLANG

Kartäusermönch räumt auf in der Großstadt und zeigt allen, was eine göttliche Harke ist!
(Halt, das ist der Pressetext für die optierte Luc-Besson-Verfilmung, der Comic ist weit seriöser.)

Der eremitische Schweigemönch Bruder William wird einer Erbschaft wegen nach Paris gerufen – die Stadt, die er vor 25 Jahren bewusst hinter sich gelassen hat. Widerstrebend macht sich William auf und muss sich in ein Leben zurückfinden, dem er entsagt hatte. Er verschließt sich dabei jedoch nicht der Eindrücke und der Begegnungen, die ihm widerfahren.

Ein Wink Gottes? Oder bloß perfide List der Erblasserin, seiner Tante Elise, die nie mit seinem Gang ins Kloster einverstanden war? Bleibt William seinem Glauben treu oder schwankt er in seinen Überzeugungen?

Verraten sei, dass William die Bekanntschaft einer schwerkranken Frau namens Mery macht und auf seine Jugendfreunde, die Kinder von Tante Elise, trifft: seinen aufgedrehten Vetter Gabriel, der sich zum drogensüchtigen Lebemann entwickelt hat, sowie seine strebsame Cousine Tolede, die immer schon ein Auge auf William geworfen hatte.

Weil Gabriel die Testamentseröffnung verschleppt, ist William gezwungen, ein paar Sommertage in der „Stadt der Liebe“ zu verbringen (Wink mit dem Zaunpfahl) und kommt dabei Mery näher, die sich an den Mönch ranmacht. Franzosen!

Das hier geschilderte fernklangschöne Paris ist meiner Meinung nach zu sauber, zu leer und zu idyllisch dargestellt, aber eine Graphic Novel ist kein Reiseführer – und wir brauchen die Stadt als Metapher für ein irdisches Paradies.

Wofür wird sich der Mönch entscheiden?! Wird er in den Katakomben der Pariser Metro eine Rockband gründen, sich in einen Smoking werfen und geheimnisvollen Frauen nachstellen? (Gib endlich Ruhe, Luc Besson!)

DER FERNE SCHÖNE KLANG zeigt uns Paris aus Williams Sicht, wir bleiben die ganze Zeit über in seinem Kopf.

Direkt beeindruckt war ich vom Auftakt dieser Graphic Novel. Auf 13 Seiten wird uns der Mönch William in seinem Kloster, der Kartause La Valsainte, vorgestellt: Er erzählt uns von seinem Leben, seinen Gedanken, seinem Tagesablauf

Obwohl ich nichts mit Mönchen am Hut habe, erscheint mir William glaubwürdig, ich akzeptiere diese Figur in ihrer Welt, DER FERNE SCHÖNE KLANG zieht mich hinein.

Achten Sie mal drauf, ich habe es erst beim zweiten Lesen bemerkt: Auf diesen beiden Seiten scheint William im Knast zu sitzen, was uns auf Bildebene bereits andeutet, dass es im Fortgang um einen Ausbruch gehen könnte …

Also gut, ein Mönch mit Schweigegelübde muss hinaus in die Welt, was uns Autor und Zeichner Zep auf den folgenden Seiten fast überdeutlich inszeniert: Die dunkle Kammer öffnet sich, langsam tritt William hinaus, ins Licht hinein schreitet er mit Gottvertrauen:

Das ist schrecklich plakativ, stört mich aber nicht die Bohne, ich find’s cool, es ist sinnfällig und transportiert diese (wortwörtlich) überzeichnete Dramatik, die Comics innewohnt!

Auf der nächsten Seite lässt Zep unseren Mönch in der Zivilisation landen, erst wie im Nebel, dann immer konturierter „beamt“ er hinab in das Städtchen, manifestiert sich der Fremde: ein „Alien“ auf Erkundungstour, der sich zu orientieren lernt („Die Geräusche … die Farben“).

Zugleich reflektiert William die Absicht seiner Tante und vermittelt uns Leser*innen, dass das Verhältnis kein einvernehmliches gewesen zu sein scheint.

Auf der Bahnfahrt dann geschieht die schicksalhafte Begegnung Williams mit Mery: Aus dem Austausch von Standardfloskeln entsteht ein ironischer Plausch und der Abgleich von Lebenskonzepten.

Diese Dialogszene, in der wir nur „talking heads“ erleben, ist so raffiniert wie effizient aufbereitet und in keinem der neun Panels langweilig: Williams Blick aus dem Fenster, Merys Angriff mit dem Zurechtrücken der Brille, Williams gesenktes Haupt, Merys Nachsetzen mit verschränkten Armen, Williams Verlegenheits-Kratzen der Augenbraue, Schweigepause, Merys ernsthafte Nachfrage, Williams ehrliche Antwort mit niedergeschlagenem Blick – dann ein Kamera-Sprung aus dem Zug heraus, um den letzten Satz ohne die beteiligen Personen nachwirken zu lassen.

(Überhaupt kann der Mönch der Frau nicht in die Augen schauen, das passiert erst zwei Seiten später, wenn Mery ihn mit der frechen Frage konfrontiert, ob er jemals eine Freundin hatte.)

Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast!

 

Da hast du, Zep, nämlich die deutsche Veröffentlichung deiner Graphic Novel THE END erlebt (ebenfalls bei schreiber&leser). THE END entstand allerdings schon 2018, also zwei Jahre nach DER FERNE SCHÖNE KLANG. Die aktuelle deutsche Publikation (im Original 2016) scheint im Fahrwasser des Erfolgs von THE END erfolgt zu sein.
Die schwelende Weltuntergangsstimmung in THE END passte goldrichtig in den Corona-Sommer und heimste enormes Presseecho ein, auch hier auf dieser Webseite.

Mein Freund, der Baum, macht tot:  THE END

DER FERNE SCHÖNE KLANG ist nun die Einladung, den „Autorenzeichner“ Zep eingehender zu entdecken. Beide Comics sind im selben Stil mit demselben Layout gestaltet: Ein feiner und flüssiger Strich, der kaum mehr als das Nötigste zu entwerfen scheint und dennoch erstaunlich detailreich ist.

Schauen wir uns eine wahllos aufgeschlagene Seite an: William und Cousine Tolede haben ihren Bruder Gabriel verabschiedet und schlendern durch die Pariser Nacht. Zep zaubert uns Pflaster, Fassaden, Laternen, sogar einen schicken Baum im zweiten Bild.
In kreativen Perspektiven präsentiert er uns seine Figuren, es entspinnt sich ein kleiner Flirt zwischen dem Mönch und seiner Cousine, fein inszeniert mit dem Kuss im Dunkeln und Toledes kessem Abschied im letzten Bild (das mich klassische französische Krimis assoziieren lässt):

Die Panels sind akkurat, doch locker arrangiert und wirken wie Collage-artige Impressionennirgends finden wir das standardmäßige Panel-Raster in Rechteckform, das für Comics typisch ist.

Auch arbeitet Zep schon mit dem „Trick“, die Szenen farblich voneinander abzusetzen. (So gesehen im obigen Bildbeispiel beim Verlesen des Testaments.)
Ein Wechsel der Kolorierung bedeutet einen Zeit-/ Ortssprung bzw. eine Rückblende.

Das Medium Comic verlangt ein solches Vorgehen nicht, es ist jedoch schlüssig und clever – und nimmt die Leser*innen bei der Hand. Auch in DER FERNE SCHÖNE KLANG lässt Zep die Handlung chronologisch ablaufen und präsentiert uns lebendige Charaktere.

Dazu eine Passage, in der die Handlung kippt: William lebt bei Mery und reflektiert sein neues Leben (die Szene mit der Taube ließe sich auch allegorisch lesen), da überfällt ihn seine Geliebte mit einem Kulturprogramm.

Das letzte Panel betont nachdrücklich, wie überfordert William sich plötzlich fühlt. Das gestaltet mir Zep eigentlich ein bisschen „zu funny“ (stierende Augen, Schweißperlen auf der Stirn), andererseits macht es schlagartig klar, dass der arme Mönch zusammenbricht.
Die ihm um die Ohren fliegenden Wortfetzen verstärken den Effekt zusätzlich.

Zep liebt solche knalligen Akzente, weiß sie aber auch geschickt und einfühlsam wieder herunterzufahren: Ich zeige die nächsten anderthalb Seiten, auf denen William eine schnelle und radikale Entscheidung trifft.

In großartig gewählten Bildausschnitten erleben wir den Abschied der Liebenden. In wenigen Worten liefert William eine glaubhafte Motivation und verschwindet wie ein Dieb in der Nacht. Die Worte werden nicht gesagt, sondern in Textkästen ausgestellt. Das sorgt für Distanz und erlaubt Konzentration auf die Kraft der Bilder.

Zudem schwebt überm Ganzen ein lyrisch anmutender Ton. William äußert eigentlich Aphorismen am laufenden Band, wirkt aber nicht abgeschmackt, theatralisch oder schmalzig. Wir kaufen es dieser Figur ab, dass sie sich untreu geworden ist und deshalb umsteuern muss.

The Sound of Silence

 

Das Album schließt mit einer poetischen Szene, die vom Textgehalt Mery gehört. So bleiben beide über ihren Abschied hinaus im Gespräch, so sind wir alle im Dialog miteinander – und horchen auf den Klang des Daseins.
DER FERNE SCHÖNE KLANG ist ein leichtfüßig schwebendes Werk, das auch uns in eine Sphäre des Staunens erhebt.
(Nie passte die Phrase besser: Ein Comic, der nachhallt!)

Wenn Zep, der alte Lauser, so weitermacht, wird er noch eine bedeutsame Stimme der europäischen Graphic Novel!

Im fernen schönen Instagram blättere ich noch durch das Werk, lauschen Sie dabei dem Klang meiner Stimme (wahrscheinlich näher, als Ihnen lieb ist, mit der typisch rheinischen Einfärbung).

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