Kurioser Krimi: GOODNIGHT PARADISE

Eddie geht’s nicht gut. Eddie ist übel. Eddie hat Verstopfung. Eddie braucht nen Drink. Eddie lebt auf der Straße. Eddie ist ein Penner: verdreckt, krank und kaputt.
Eddie ist die Hauptfigur von GOODNIGHT PARADISE und der Ermittler in einem Verbrechen, das sich in den Hinterhöfen von Venice Beach, Kalifornien, zuträgt.

Das war meine erste Überraschung bei der Lektüre dieses Comics. Wir bleiben dran an diesem Penner von den ersten Seiten? Wirklich?
Das ist nicht die Eröffnung für ein Verbrechen oder die Entdeckung eines solchen? Wir folgen Eddie, der nun bei seinem Kumpel Bob in dessen vermüllten Wohnwagen ein paar Bierchen zischen geht?
Im Ernst? Cool!

Meet Eddie: Der schleppt sich zur Bücherei, um dort die Toilette zu benutzen (die allerdings defekt ist).

 

Es flasht mich ziemlich, dass GOODNIGHT PARADISE einen ungeschönt dargestellten Obdachlosen zum Protagonisten macht!

Eddie taumelt durch die Gegend, trifft Bekannte, trinkt mehr Bier, hat eine kurze Begegnung mit einer delirierenden jungen Frau und erlebt sein Highlight des Tages, als er an einer Hauswand endlich einen Schiss absetzen kann.
(Wofür er vom Hausbesitzer natürlich ausgeschimpft wird: Das sei hier ein AirBnB-Hostel und die Gäste hinterließen wegen ihm schlechte Bewertungen.)

Kurz darauf entdeckt Eddie beim abendlichen Containern die Leiche der jungen Frau im Müll. Eddie ist bis ins Mark schockiert und beginnt eine äußerst laienhafte, aber am Ende höchst effektive Untersuchung des Verbrechens.

Von der Streifenpolizistin Gutierrez erfährt er den Namen der Frau: Tessa Kerrs ist mit ihrem Freund Birmingham von zu Hause ausgerissen und versuchte, sich in Venice Beach durchzuschlagen. Tessa leidet jedoch unter bipolaren Schüben und ist mitunter nicht sie selbst und weiß kaum, was sie tut (daher ihr seltsames Verhalten bei der Begegnung mit Eddie).

Eddie bemerkt Tessa, der es offensichtlich nicht gut geht.

 

Eddie kennt jeden auf der Straße, latscht los und stöbert Tessas Bekannten Jacq auf. Der erwähnt, dass Tessa einen Job für die Hostess Frankie erledigt hat, die junge Frauen auf die Partys des Immobilienlöwen Goodwin lotst.

Während die Polizei nach dem abgetauchten Hauptverdächtigen Birmingham (der aggressive Liebhaber der Toten) fahndet, beginnt Eddie, Leute zu konfrontieren, die Kontakt zu Tessa und Frankie hatten – und stößt in ein Wespennest!

Es entfaltet sich folgendes Bild: Tessa hat auf einer Party ein kompromittierendes Video von Goodwin geschossen. Birmingham wollte daraufhin Goodwin und den Drogendealer „The Welshman“ erpressen, doch die schickten ihre Muskelmänner Pete und Doom los, um die Sache zu bereinigen.

Pete und Doom nehmen Eddie in die Mangel – doch geraten bei dem an die falsche Adresse.

 

Von Alkohol und Gerechtigkeitseifer getrieben, lässt Eddie keinen Stein auf dem anderen, sucht nach dem verschwundenen Smartphone, wirft den Verdächtigen seine Vermutungen an den Kopf und provoziert solcherart neue Entwicklungen, die nur ins Chaos führen:
Schlussendlich ist alles aufgelöst und Gerechtigkeit wieder hergestellt, jedoch um einen fürchterlichen Preis.

Hintergründiges Thema von GOODNIGHT PARADISE ist die Gentrifizierung von Venice Beach, dem Strandparadies der Schönen und Sportlichen. Der Investor Goodwin kauft Baugrund auf und errichtet profitable Touristenunterkünfte. Ist das so verwerflich?
Eine Menge Menschen profitiert auch von der Modernisierung, nicht zuletzt die (wenigen) fürstlich ausgekauften Altbesitzer, doch natürlich werden die Habenichtse weiter marginalisiert und in die Vororte verdrängt.

Zum Finale hin noch mal eine Übersicht über Venice Beach: Die schlammigen Farben lassen das Paradies eher höllisch aussehen.

 

Ich liebe diesen Comic auch dafür, dass er uns die Schattenseiten der Community zeigt: die Zeltstädte der Obdachlosen, die Nöte der Armen, die Schicksale der Gestrandeten. Sie mögen krank sein und kaum noch Hoffnung haben, doch es sind Menschen, die unseren Respekt verdienen und sich ihren Rest Würde zu bewahren suchen.

Eddie stellt uns seine Leute vor.

 

Über allem weht metaphorisch der Brandgeruch aus dem kalifornischen Hinterland, wo die Waldbrandsaison im Gange ist. Die brennende Palme auf dem Titelbild darf als Allegorie verstanden werden:

GOODNIGHT PARADISE = Paradise Lost?

 

GOODNIGHT PARADISE läuft ab wie ein schmutziger, kleiner Gesellschaftskrimi, in dem niemand der wahre Bösewicht ist. Alle Figuren sind bloß durch den Zufall Getriebene, geraten in unglückliche Verkettungen von Abläufen, am Ende läuft noch die ganze Chose böse aus dem Ruder – und wer ist schuld daran?

Unser Eddie, die unwahrscheinliche Hauptfigur. Eddie wollte nur helfen. Eddie beschloss, das Richtige zu tun und sich zu engagieren. Eddie hat sich intuitiv eingemischt, doch ohne vorher nachzudenken und oft befeuert von Alkoholrausch und unüberlegten Bauchentscheidungen.

Irgendwo zwischen Fieber- und Alkoholdelirium hat Eddie Visionen vom Ablauf des Verbrechens.

 

Hier schwingt so ein Fatalismus des 20. Jahrhunderts mit, den ich ewig nicht verspürt habe. Ich stifte eine wirre Assoziation: Alan Parkers düsterer Mysterykrimi „Angel Heart“ von 1987.
Des Weiteren hat GOODNIGHT PARADISE für mich einen Hauch von Coen-Brüder-Kino, einen Schuss des hypnotischen UNDER THE SILVER LAKE –  und gäbe eine prächtige Serie für diese neuen Streaming-Portale ab.

Wer macht denn so was?

 

GOODNIGHT PARADISE stammt von zwei Kreativen, die mir vorher noch nicht aufgefallen sind: Autor Joshua Dysart hat für HELLBOY geschrieben und Zeichner Alberto Ponticelli für THE DARK KNIGHT illustriert (die New 52-Serie von 2011). Gemeinsam haben sie schon an UNKNOWN SOLDIER gearbeitet.

Das Artwork von Ponticelli finde ich absolut steil und wirkt auf mich wie bunter Bleistift aus der Graphic-Novel-Schule, angereichert durch die malerische Fleischigkeit eines Simon Bisley. Für Rückblenden benutzt Ponticelli übrigens einen flacheren, konventionelleren Stil, der mich an einen gebremsten R. M. Guera denken lässt.

Die oberen vier Panels stellen eine Rückblende dar: Frankie erzählt Eddie von ihrer Begegnung mit Tessa.

 

Genug meiner kryptischen Vergleiche – GOODNIGHT PARADISE hat mich begeistert, weil er seine Handlung so unspektakulär serviert. Leute laufen herum, lassen sich auf Dinge ein, die ihnen nicht gut tun.
Die verstrahlte Tessa, ihr rabiater Freund Birmingham, die ausgebuffte Frankie, der zwielichtige Welshman, der großkotzige Goodwin, die angsteinflößenden Kriminellen Pete und Doom – alles nur kleine Lichter, im Grunde, aber sie regieren ihre Welt.

Und der gute Eddie natürlich, der Möchtegern-Samariter, der alles nur noch schlimmer macht, eine Type, die uns nicht mehr aus dem Kopf gehen wird …

Ein Hauch von Idylle auf der Strandpromenade: Eddies Kumpel Friday lebt Tourette-artig in den Tag hinein.

 

GOODNIGHT PARADISE gibt es nicht auf Deutsch, denn er kommt von einem noch jungen US-Verlag, der in Deutschland noch keine Repräsentanz hat: TKO Studios.

Alle TKO-Titel (bislang gibt es nur acht) werden in „Wellen“ von je vier Projekten auf den Markt geworfen und sind erhältlich als sechs überformatige Einzelhefte pro Serie, verpackt in einer attraktiven, aufklappbaren Box zum Preis von 30 Dollar.

Parallel veröffentlicht
TKO die Stoffe als Albenausgaben im Tradepaperback-Format: Diese kosten 20 Dollar, sind eine Daumenbreite höher und breiter als gewöhnliche Industrie-Trades und warten im Innenteil mit einem schönen, matten Papier auf!
Wertig! Schick! Das zeugt von Liebe zum Detail und von Engagement für die Comickunst.

Mir waren solche Darreichungs-Spielchen ein Leben lang schnuppe, aber bei TKO finde ich es so reizvoll präsentiert, dass ich darauf hinweisen möchte.
(Ich les natürlich die Trades, ich will griffig und günstig Comics verschlingen, haps.)

Auf dieser wunderschönen Seite verknüpft Zeichner Ponticelli die Brände im Umland mit Eddies Fieberschüben.

 

Digital sind die Bücher auch über Comixology für je 15 Dollar zu beziehen. Das sowieso noch. Und wir schauen ebenfalls digitalisiert in den Band hinein. GOODNIGHT PARADISE im Instagram-Video:

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