Dass Ully Arndt Comics machen kann, war Insidern der deutschen Comiclandschaft klar. Dass er es so gut kann, ist eine schockierende Erkenntnis.
Und dass er uns so lange darauf hat warten lassen, ist eine Frechheit!
:- )
Arndts erster Angriff auf das Genre der Graphic Novel kann sich international sehen lassen, handelt aber explizit von einer deutschen Geschichte, verortet im Hamburg des Jahres 1974.
„Deutsche Geschichte“ dürfen wir mehrdeutig verstehen, denn Arndt und Autor Strunk (von dem die Textvorlage kommt) machen ein großes Fass auf.
DER GOLDENE HANDSCHUH ist nicht nur die Gruselmär vom Serienmörder Fritz Honka, es geht um Nachkriegshistorie allgemein, exemplifiziert an weiteren Figuren:
Rolf, der Zuhälter, der sich allen Luxus der Siebzigerjahre erkämpfen will.
Klaus, der Journalist, der die Gesellschaft mit kritischen Reportagen ausleuchten möchte.
Norbert, der Veteran, der die Umwelt mit seinem Weltkriegstrauma vergiftet.
Vater und Sohn der Reederdynastie von Dohren, die sich nach Freiheit sehnen.
Darin geht der Comic deutlich weiter als Fatih Akins gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 2019, die sich allein auf Honkas grässliches Leben und seine Taten kapriziert.
Hier sehen wir Arndts Blick auf Honka und seinen tristen Alltag:


Schnaps und Schlager sind das Gerüst für seine Laune, die bei ihm übernachtenden Frauen klammern sich an eine Hoffnung auf Mitgefühl. Das ihnen Honka jedoch nicht geben kann, weil er nie einen Bezug zur eigenen Gefühlswelt aufbauen konnte.
Einige Seiten weiter treffen wir auf Rolf, der äußerst laienhaft versucht, eine Bekannte an ein Swingerpärchen zu verkaufen. Doch die halten sich nicht an Abmachungen, die junge Frau flüchtet und zeigt ihn bei der Polizei an.


Arndt erzählt seinen Comic in Impressionen, die von Ort zu Ort und von Figur zu Figur springen:
Journalist Klaus verfolgt die Ermittlungen zu einem Frauenmord, bei dem noch niemand an Honka denkt.
Britische Marinesoldaten auf Landgang stürmen die Reeperbahn und den „Goldenen Handschuh“, wo sie auf Norbert treffen, der sich (wahrscheinlich für Getränke) in Nazi-Pose wirft und grausige Anekdoten vom Stapel lässt.


Zu erwähnen bleibt die Familie Von Dohren, deren Geschichte vom Patriarchen WH1 über den Sohn WH2 und dessen Spross WH3 verfolgt wird.
Der Alte beklagt den Verfall der Sitten, der Sohn möchte statt Traditionen einzuhalten lieber Freiheit erfahren – und der Enkel ringt ganz banal mit der Pubertät.


Noch gar nicht geschwärmt habe ich von Arndts Artwork.
Seine lockeren Outlines in Kombination mit deftigen Farben und kräftigen Schatten ergeben eine flächig-schicke Komposition, wie sie in der deutschsprachige Comiclandschaft gefehlt hat.
(Ich assoziiere bestenfalls den „anderen Uli“, nämlich Oesterle, mit diesem Stil.)
Sie haben die Beispiele gesehen. Arndt vermittelt das ganze Spektrum grafischen Ausdrucks in diesem Werk.
Mal arbeitet er zurückhaltend-deskriptiv, mal dramatisch-akzentuiert und ein nächstes Mal phantasmagorisch-bizarr.
Jede Seite hat etwas zu bieten, jede Seite ist zum Staunen.


Zurück zum Film
Ich wollte diesen Comic unbedingt lesen, weil ich den erwähnten Film seinerzeit in einer Pressevorführung gesehen und hier auch besprochen habe.
Kein deutsches Filmwerk hat mich jemals so fertiggemacht wie „Der Goldene Handschuh“ (lesen Sie selbst).
Ich mochte mir nicht vorstellen, dass Ully Arndt denselben Weg wählt und bin dankbar für seine Erweiterung des Blickfelds.
Honka ist bei ihm nur eine Figur in einem Ensemble – und seine Truppe spielt nicht „Mördernächte auf St. Pauli“, sondern „So waren die Siebziger“.
Und dieses Panoptikum schafft Hintergrund und ein Beziehungsgeflecht, dass Honka einbettet in diese spezifische Gesellschaft.
DER GOLDENE HANDSCHUH ist somit kein reißerischer Krimi, kein True-Crime-Voyeurismus, sondern Zeitbild einer Ausnahmeperiode der Weltgeschichte, und davon das Hamburger Fensterchen.

Die 1960er- und 70er-Jahre sind (wer sich mal damit vertiefend beschäftigt) aus heutiger Sicht eine vollkommen durchgedrehte Epoche, in der sich die westliche Welt hinein eine Moderne sprengt, die sie zuvor nicht definiert hat – ohne Rücksicht auf Verluste.
Ich drücke mich unter Umständen kryptisch aus, will nur sagen: Die Umwertung aller bis ca. 1967 gültigen Normen durch „Hippies und Achtundsechziger“ erzeugt Verwerfungen und Umbrüche, deren Bewältigung andauert.

All das lässt Arndt in seinem Werk anklingen und aufeinanderprallen – und das verleiht dem Comic seinen Mehrwert.
Schade ist nur, dass wir lediglich Teil 1 vorliegen haben. Die Fortsetzung ist in der Mache und soll 2027 erscheinen.
Darauf dürfen wir uns freuen, ich frage mich jedoch, wie Arndt die ausgeworfenen Fäden in nur einem weiteren Band (von wiederum 100 Seiten?) zusammenführen will.
Das wirkt, als müsse noch ein dritter Teil her!
Zum Schluss linke ich die Webseite bei Carlsen Comics für Informationen zur Veröffentlichung sowie mein übliches Reel bei Instagram.