WIEDERSEHEN MIT COMANCHE ist kein Westernkitsch

Ich hatte etwas Angst vor der Lektüre, weil ich als Fan des Westernklassikers COMANCHE befürchtete, Autor und Zeichner Romain Renard könnte sich an dieser Hommage verheben und die Chose verkacken.

Doch die Befürchtungen legten sich schnell: Nicht nur sieht dieser Spätwestern mit seinem verwaschenen grau-schwarzen Look komplett anders aus, sondern er stützt sich auf eine neue Hauptfigur.

Die schwangere Historikerin Vivienne unternimmt eine Recherchereise in den Westen und stöbert Red Dust auf. Den möchte sie zu seinen legendären Taten als Kämpfer für die Gerechtigkeit befragen.
Red lebt zurückgezogen in einer Hütte im Wald und leugnet zunächst, der Gesuchte zu sein.

© für alle Abbildungen: Romain Renard / Splitter

Beim Stichwort „Comanche“ packt ihn jedoch die Neugier, denn Red war immer heimlich verliebt in seine Chefin, die seinerzeit die 666-Ranch am Laufen hielt.

Vivienne behauptet, sie habe die Ranch zu kontaktieren versucht, doch es melde sich dort niemand mehr. Red willigt ein, ihr Reiseführer zu sein, auch weil er schlecht die Eisenbahn nehmen kann.
Denn in einigen Bundesstaaten ist er noch zur Fahndung durch das FBI ausgeschrieben. Mit dem Auto reist man anonymer.

Auf der Fahrt beginnen Red und Vivienne zögerlich, Geschichten von sich preiszugeben. In einer Kneipe gibt es Scherereien, doch Vivienne kann ihren Begleiter aus der Situation ziehen, ehe die Polizei eintrifft.

Die Reise geht weiter, die Tage vergehen, die Frau bringt dem alten Cowboy das Autofahren bei, die Stunde ihrer Niederkunft rückt näher. Red träumt von alten Zeiten und wird zugleich von den Phantomen der Männer verfolgt, die er ums Leben gebracht hat.

Vor allem bedrängt ihn seine Nemesis, der mörderische Outlaw Russ Dobbs, den er in einer memorablen Szene des Westerncomics COMANCHE hingerichtet hat.

Wer macht denn noch mit?

WIEDERSEHEN MIT COMANCHE ist so klug, nur einen weiteren Charakter des Originals zu bemühen: Mondflecken, die indianische Figur, die immer etwas am Rande mitlief, dient hier als Anlaufstelle – und bekommt deutlich mehr Gewicht als früher.

Das ist zum einen Wiedergutmachung für die Statisterie desalten Comics, der mit Mondflecken nur einen Farbtupfer des Westernspektrums ergänzen wollte. Zum anderen tut sein Auftritt dem Werk gut, denn Mondflecken wird zum gleichberechtigten Duopartner für Red in der Aufklärung um das Rätsel der Ranch.

Wir erleben ihn als Familienvorstand und als Informant über das Schicksal seiner Weggefährten: Clem habe geheiratet, Toby sei gestorben und Comanche wahrscheinlich von Sandstürmen auf ihrer Ranch abgeschnitten.

In einem stillen Moment gesteht Mondflecken, todkrank zu sein und berichtet Red vom Verschwinden der indianischen Kultur.

Dabei raucht er eine Zigarette der Marke „Indian“, subtiler und bitterer Metahinweis auf die Tatsache, dass Holzstatuen der Ureinwohner als Werbemaskottchen für Tabakgenuss vor den Geschäften standen (und oft die einzige Erinnerung an diese andere Kultur darstellten).

Einfühlsame Szenen wie diese verleihen WIEDERSEHEN MIT COMANCHE Tiefgang und machen klar, dass Autor Renard über den Westerncomic hinaus erzählen möchte.

Die erwähnten Sandstürme kommen tatsächlich noch zum Tragen, als Vivienne und Red auf einen Flüchtlingstreck stoßen.
Eine verarmte Familie ist am Straßenrand gestrandet: Ihre Farm ist verloren, ihr Säugling auf der Reise gestorben und ihr größeres Kind ist ihnen derart zur Last geworden, dass sie es unseren Protagonisten verkaufen wollen.

Diese erschütternde Szene zeige ich nicht, dafür eine stumme Seite Naturgewalt:

(Und darf bei der Gelegenheit einen anderen Comic empfehlen, ebenfalls bei Splitter erhältlich: In TAGE DES SANDES erzählt Aimée de Jongh vom Schicksal eines jungen Fotografen, der in den Jahren der „Großen Depression“ die Menschen in der „Dust Bowl“ porträtiert.)

Auch weitere Exkurse erlaubt sich dieser Comic, etwa eine Reminiszenz an die „Indianerkriege“ und den Besuch eines Kinos, in dem natürlich ein Western läuft!

Wiedersehen macht „Oooh“

Die 150 Seiten starke Graphic Novel bedient etliche klassische Erzählmuster (Road Trip, Odd Couple, Fluch der Vergangenheit, Selbstfindung, Racheplot, Rettung in letzter Sekunde), überrascht aber auch mit schroffen Wendungen und Erwartungsverweigerungen.

Die Stärke und der Reiz des Comics liegen in diesem Hö und Hott der Präsentation: Glaubt man, in konventionellem Fahrwasser unterwegs zu sein, prallt man auf eine unerwartete poetische Impression, die gleich danach in eine vorausschaubare handgreifliche Konfrontation umschlägt.

Will sagen: WIEDERSEHEN MIT COMANCHE ist niemals langweilig, erfüllt alle seine Prämissen und ausgeworfenen Handlungsfäden, ist dramaturgisch clever inszeniert, befriedigt manche Ahnung und erschreckt am Ende durch eine gewisse Radikalität.

Vivienne hat gelogen und war schwangerererer als behauptet (nicht ihre einzige Lüge)!


„Späti“ hat geöffnet

Gewalt wohnt dem Genre inne, denn wir reden hier vom „Spätwestern“, wie er sich auch prominent im Film manifestiert. Denken Sie an Werke wie „Butch Cassidy and the Sundance Kid“ oder „Der letzte Scharfschütze“ mit dem alten John Wayne.

Wikipedia unterscheidet übrigens zwischen Spät- und Anti-Western, was ich nicht schlüssig finde. Ich würde lieber die Kategorien fusionieren. Dann vereinnahmen wir Filme wie „Heaven’s Gate“ oder Jim Jarmushs „Dead Man“.

(Ein ähnliches Dilemma stellt die Unterscheidung in Kriegs- und Anti-Kriegsfilme dar, denn jeder Film gegen den Krieg handelt automatisch vom Krieg und ist bestenfalls ein Subgenre, keine eigene Gattung …)

Die genannten Western sind nach 1960 gedreht und behandeln Randphänomene wie Entmythologisierung der Pioniergeschichten, Handlungen außerhalb des US-amerikanischen Territoriums und das Lebensende von Westernlegenden.

So auch WIEDERSEHEN MIT COMANCHE: Hier gelten nicht mehr die Vereinbarungen von ritterlicher Konkurrenz, hier geht es nicht mehr um Viehbestand oder das Amt des Sheriffs, hier geht es um Erdölförderung und Teilhabe am Kapitalismus.

Als nämlich Red und Vivienne an der Ranch ankommen, finden sie dort neue Verhältnisse vor – und sogar ein Westernmuseum!

Abgesang auf den klassischen Western

Was auf den folgenden 30 Seiten noch passiert, darf ich mal wieder nicht verraten, aber es wird hochdramatisch für alle Beteiligten.

Reden wir lieber über das Artwork des Franzosen, der zuvor nicht mit Western in Erscheinung getreten ist: Romain Renard legt viel Bedeutung in Körperhaltung, Gesten und Blicke.

Dabei bin nicht davon überzeugt, dass der gute Mann die Gestaltung von Gesichtern beherrscht. All seine Köpfe (die er sehr, sehr gerne zeichnet) sehen klumpig und verformt aus, als bestünden sie aus Knetmasse.

Das verleiht seinem Werk etwas Gespenstisches, noch dazu in diesem fahlen Grau, in dem alles in dieser Graphic Novel erstrahlt.
Da der Stoff großteils von den Geistern der Vergangenheit handelt, geht das allerdings vollkommen in Ordnung. Stellen Sie sich diesen Comic in knalligen Farben vor – es wäre falsch.

Außerdem liebt Renard stumme Passagen, atmosphärisch ausdrucksstarke Stillleben und bringt immer wieder ganze Seiten dafür auf, nebeldampfende Landschaften und müllverschmutzte Highways zu präsentieren: seine Bildmetaphern für die scheidende Frontier-Romantik und die aufblühende kapitalistische Moderne.

(Hierin erinnert mich das Werk an Manu Larcenets DIE STRASSE, das diesen Gestaltungsansatz in die Postapokalypse fortführt.)

Betrachten Sie diese meisterlich in Bildchiffren arrangierte Lagerfeuer-Sequenz, die geradezu gravitätisch wirkt und die Figuren vertieft:

WIEDERSEHEN MIT COMANCHE ist eine kompetent beseelte Graphic Novel über Westernmythen und auch Comictraditionen. Themen der alten Serie werden aufgegriffen und ausgespielt, ohne in nostalgischen Kitsch zu verfallen.

Renard war mir zuvor unbekannt, bei Splitter liegt jedoch noch die zweibändige Graphic Novel MELVILE vor.
Abschließend folgt der Link zur Verlagsseite sowie mein aus der Hüfte geschossenes Reel auf Instagram.

Nachbemerkung:

Wie es das Schicksal will, ist der Zeichner der Originalserie, Hermann Huppen, vor einer Woche verstorben.
Anlässlich dessen möchte ich auf meine Artikel über Hermanns andere Werke neben COMANCHE hinweisen: Das ist zum einen ANDY MORGAN …

… und zum anderen JEREMIAH (wo er auch getextet hat).

Schreibe einen Kommentar