THE MANHATTAN PROJECTS – bitte nicht verwechseln!

Obacht: Diese Comicreihe aus dem Jahr 2012 hat nichts zu tun mit dem „Manhattan Project“, popularisiert durch Christopher Nolans „Oppenheimer“-Film.

Im Comic nämlich ist Robert Oppenheimer von seinem bösen Zwillingsbruder Joseph getötet und verspeist worden!
US-General Leslie Groves, Kontaktmann zum Projekt, stellt sich größenwahnsinnig gegen die eigene Regierung, der italienische Physiker Enrico Fermi ist ein Außerirdischer und Albert Einstein ist in einer Paralleldimension verschollen und durch dessen dortiges Pendant Albrecht ersetzt worden, der nichts weiter als ein unfähiger Trunkenbold ist.

Ja, das ist zwar der Cast aus dem Film und dem echten „Project“, aber hier treten auch noch Wernher von Braun, Juri Gagarin und Franklin D. Roosevelt auf – und zwar als Cyborg-Nazi, sowjetischer Simpel und Avatar einer künstlichen Intelligenz.

Oppenheimer entdeckt Einsteins Dimensionsportal und überlegt (gemeinsam mit seinen multiplen bösen Persönlichkeiten), wie man dieses Tor nutzen könnte …


Diese wilde Wissenschaftstruppe baut ebenfalls die Atombombe, will an diesem Punkt jedoch nicht Halt machen. Also gehen sie in den Plural und setzen sich mehrere „Manhattan Projects“ zum Ziel.

Sie planen, unendliche Energie-Ressourcen zu erschaffen, den Menschen genetisch zu verbessern, ins All aufzubrechen und sämtliche Zivilisationen des Universums zu unterwerfen!

Das Motto der fünfbändige Serie lautet (ein knapperes hat es nie gegeben): „Science. Bad.“

Böse Wissenschaftler!

Ich finde das sehr lustig und applaudiere Autor Jonathan Hickman für die Chuzpe, die Wissenschaftshistorie des Kalten Krieges radikal durch den Fleischwolf zu drehen.

Und eine Schlachtplatte ist es, die er uns mit Zeichner Nick Pitarra (gerade im weiteren Verlauf) serviert:
Einstein foltert einen Mafiaboss, von Braun und Gagarin löschen eine Armee von Klonkriegern aus, Fermi zerfleischt eine Abteilung Soldaten, Groves implantiert die sterblichen Überreste von Franklin D. Roosevelt in einem Computer und Oppenheimer verspeist auch noch den neuen Präsidenten Harry S. Truman (der aber sowieso ein manischer Sektenführer mit einem Faible für Menschenopfer war).

Aber zunächst stelle ich Ihnen die Runde mal auf zwei Seiten vor: General Groves und seine Wissenschaftler überlegen in einer Konferenz mit Roosevelt, ob man Nazis aus Deutschland einfliegt, um deren Wissen auszubeuten.

Welcome to Alternate History

THE MANHATTAN PROJECTS beginnt mit einem Paukenschlag: Ein japanischer Angriff auf eine US-Militäreinrichtung mit Kampfrobotern, die bald darauf mit den historischen Atombombenabwürfen beantwortet werden wird!

Diese Episode macht gleich klar, dass wir uns nicht mit realer Geschichte befassen. Auch die Entführung des Wernher von Braun aus einer Nazi-Ordensburg steht nicht in den Geschichtsbüchern.

Von Braun trägt eine groteske Armprothese und hat soeben sämtliche anderen deutschen Raketenwissenschaftler vergiftet, damit Richard Feynman ihn im Auftrag der US-Regierung mitnehmen muss.

Von Braun ist ein Monster, Oppenheimer ist ein Monster, alle sind hier Monster: Science. Bad.

Der fiktionalisierte Richard Feynman übrigens ist am wenigsten Monster, kommt uns als Identifikationsfigur am nächsten und fungiert streckenweise als Erzählstimme. Richtig warm werden tun wir aber auch nicht mit diesem Charakter.

Die ersten zwei Bände hindurch spannt sich ein Handlungsbogen auf, der den Kalten Krieg negiert: Gegen den Willen der jeweiligen Regierungen tun sich Ost- und Westwissenschaftler zusammen, um die erwähnten ehrgeizigen „Projects“ anzustoßen.

Zuvor müssen unsere Mad Scientists eine epische Schlacht gegen einen digitalisierten Roosevelt führen, der mit Hilfe der neuen und korrupten Truman-Administration lieber eine magisch regierte USA errichten will.

Hier sehen Sie Truman in seinem okkulten Beratungszirkel, wie er den Tod der Wissenschaftler beschließt:

Das alles ist komplett bescheuert, wird auch nicht erklärt, sondern uns so vor die Füße geworfen.
Ja, die Handlung dieser pervertierten „Project“-Fantasie ist vollkommen willkürlich, manchmal auch mager und dreht sich mitunter im Kreis. Zehn Hefte auf das Ringen um die Vorherrschaft aufzuwenden, ist eine lange Strecke und erschöpft sich in sukzessiven Kampfszenen.

Nichtsdestotrotz sind diese Hefte intelligent in ihren Gedankenspielen und dank viel schwarzem Humor auch unterhaltsam.

Am Ende steht ein gemeinsames Konsortium aus den „Amerikanern“ um Groves, Oppenheimer, Einstein, Feynman, Fermi und von Braun sowie den „Sowjets“ um Juri Gagarin, die Raumhündin Laika und General Ustinov (ein Roboter mit „brain in a jar“).

Dass es in diesem Comic auch noch eine Art „Dr. Manhattan“-Figur wie aus den WATCHMEN gibt (Harry Daghlian, der radioaktive Mann), dass es noch den Deutschen Helmutt Gröttrup gibt (der von den Sowjets versklavt wird), dass noch Außerirdische auftreten (deren Wissen man ebenfalls vereinnahmt), dass es hübsche Backstories gibt (die zeigen, wie die Oppenheimer-Zwillinge sich aufführen, wie der falsche Einstein in die USA kam, wie Daghlian erst starb, dann wiedergeboren und als Waffe benutzt wurde – all das lasse ich jetzt mal unter den Tisch fallen.

Autor Hickman hat wie üblich seinen Spaß daran, viele Bälle in die Luft zu werfen und damit zu jonglieren. Das könnte er kürzer gestalten, aber wenn er gerade einen Lauf hat, ist dieser verrückte Schreiber nicht aufzuhalten …

Übrigens schreckt er nicht davor zurück, manche Figuren aus dem Spiel zu nehmen, sprich auf grausame Weise umzubringen.

Ach, erwähnen will ich noch, dass ab Band 4 eine weitere historische Figur die Szene betritt: General William Westmoreland, der Schlächter von Vietnam, hier dargestellt als blutrünstiger Sadist (der Menschenohren als Halsschmuck trägt) und im Auftrag des neuen Präsidenten Kennedy unsere Wissenschaftler wegsperrt.

(Das tut er auf Betreiben des teuflischen Oppenheimer, der in Alleinregie alle „Projects“ befehligen will.)

Ein Schelm, wer hier an „Apocalypse Now“ und den Geruch von Napalm am Morgen denkt …

Nichts als Kerle

Dieser Comic ist (ich wiederhole mich) mitunter spröde in seiner Lektüre, auch weil alle Figuren alte weiße Männer sind, noch dazu alle böse und/oder wahnsinnig!
Ob weibliche Charaktere gut getan hätten, sei dahingestellt. Instinktiv bezweifle ich es. Die Sichtweise der MANHATTAN PROJECTS ist eine rein männliche, besessene, gewaltverherrlichende.

Insofern darf man das Werk als Kritik am Herrschaftssystem der Wissenschaft verstehen. Sie erinnern sich: „Science. Bad.“

Ich habe Freude an solch irrem Quatsch. Auch wenn ich zwischendurch ermüdet bin, weil mir einige Subplots redundant vorkamen, hat ein bestimmter von diesen die Sache für mich gerettet: die Kapitel 10, 15 und 19.

Hier begeben wir uns nämlich in das Hirn des bösen Joseph Oppenheimer und spazieren durch seine Gedankenwelt! Natürlich begegnen wir dort dem guten Robert, der als blaue Figur überlebt hat (denn er wurde ja verspeist und ist somit ein Teil von Joseph)!

Zeichner Pitarra inszeniert diesen „Oppenheimer-Bürgerkrieg“ in sinniger Zweifarbigkeit, noch dazu sind die bösen, roten Figuren spaßige Zitate aus der Popkultur (haben Sie die männliche Red Sonja bemerkt)?

Hier beweist Autor Hickman, wie abgefahren seine Denke ist – und welch fantasievolle Funken ein Comic schlagen kann, wenn er auf alle Konventionen pfeift.

Diese Comicserie ist über zehn Jahre alt, nie auf Deutsch erschienen und ein Frühwerk von Autor Hickman, der seitdem mit Marvels neuen SECRET WARS, dem X-Men-Relaunch DAWN OF X sowie den Image-Produktionen EAST OF WEST, BLACK MONDAY MURDERS und DECORUM reüssierte.

Die beiden letzteren auch hier zu finden.

Noch ein Wort zum Artwork: THE MANHATTAN PROJECTS ist Zeichner Nick Pitarras opus magnum. Er hat sonst nicht viel und seitdem kaum etwas produziert. Wo ist er hin, der Mann?

Ich mag seinen cartoonesken Realismus, der mich stark an Chris Burnham erinnert (bekannt von DIE! DIE! DIE! und der neuen UNSTOPPABLE DOOM  PATROL).

Auf Instagram präsentiere ich diesmal zwei Reels, die Sie abrufen können (falls Sie gerade Zeit haben und nicht damit beschäftigt sind, Ihren Lebenspartner zu klonen oder ins Weltall aufzubrechen …).

Reel 1 aus THE MANHATTAN PROJECTS Band 1 und Reel 2 aus THE MANHATTAN PROJECTS Band 2.