Pfeift auf jede Logik: GREEN WITCH VILLAGE

Ha, in diesem Comic geht es nicht um Hexen, es kommen nicht mal welche vor.
Dafür erleben wir einen Körpertausch, eine Zeitreise und die Jagd nach einer verschwundenen Atombombe!

Die New Yorkerin Emily Green fällt in ein Koma und erwacht 66 Jahre früher (!) im Körper der Bibliothekarin Tabatha Sands. Sie findet sich 1959 in einer Wohngemeinschaft mit den Starlets Erika und Gwendoline wieder und ist komplett ratlos.

© für alle Abbildungen: Trondheim, Biancarelli / schreiber&leser

Tabatha macht kein Geheimnis aus ihrem Wissen über die Zukunft – es glaubt ihr sowieso niemand.
Auf diese Weise punktet GREEN WITCH VILLAGE mit amüsanten Verweisen, die wir natürlich verstehen, ihre Umgebung allerdings nicht.

Erika nimmt Tabatha zu einem Casting mit: Der Stadtteil Greenwich Village sucht eine Werbefigur und der Regisseur entscheidet sich spontan für das unverbrauchte Gesicht. Tabatha bekommt den Job und mimt in kurzen Filmspots die „Green Witch“ des Village.

Gleich in der nächsten Szene begegnen wir der ersten männlichen Figur: Winfield Wayne ist Erikas Schauspielagent. Ein widerlicher Typ, der sich wie ihr Zuhälter aufführt – samt finanzieller Ausbeutung und sexueller Erpressung. Ungefragt verfügt er über die Neue, als sei sie sein Eigentum:

Tabathas lokale Berühmtheit als Werbegesicht für New York führt sie auf einen illustren Empfang des Bürgermeisters.

Dort lernt sie die beiden nächsten Figuren kennen, um die es im Folgenden auch gehen wird.
Spiridon Iwanow ist ein gutaussehender sowjetischer Journalist, der einen Flirt mit ihr anfängt.  

Terrence Taylor ist Abteilungsleiter der CIA und hat den Verdacht, Iwanow sei ein Spion.

Da Tabatha (als Frau des 21. Jahrhunderts) nichts von Heimlichkeiten hält, offenbart sie dem Russen, dass die CIA hinter ihm her ist.

Besuch vom Wikipedia-Gespenst

Der schwebende Geist, den Sie oben gesehen haben, wird übrigens im ganzen Band nicht erklärt. Wir ahnen, dass es jemand aus der Zukunft sein muss, der den Bezug zu unserer Gegenwart herstellt.

Dass dieses Wesen plötzlich auftaucht und hilfreich mit Faktenwissen zur Seite steht, irritiert Tabatha ebenso wie uns!
Sie kann diesen Schemen nur hören, sehen kann ihn nur eine Hellseherin und Wahrsagerin, der aber nur eine bestätigende Nebenrolle zukommt.

Das Wikipedia-Gespenst verrät Tabatha, weshalb die CIA so nervös ist: Bei einem Flugmanöver-Unfall hat die Air Force eine Atombombe vor der Küste von Georgia verloren. Nun hat man Angst, dass die Sowjets dem Vorfall auf der Spur sind und sich des Atomsprengkopf bemächtigen könnten.

Eine wahre historische Begebenheit, die das Handlungsgerüst für die Thrilleraspekte des Comics legt. Würde Wikipedia lügen?! ;- )

Iwanow hingegen verfolgt eine Spur, die deutsche Nazis in die Angelegenheit involviert. Es steht zu befürchten, dass die Bombe bereits nach New York geschmuggelt wurde und dort detoniert werden soll. Um die USA und die Sowjetunion in einen heißen Krieg zu treiben.

Frau in falschem Körper und in falscher Zeit

Während sich Tabatha im Spannungsfeld internationaler Verwicklungen bewegt, muss sie sich zugleich den Angriffen des ekelhaften Wayne erwehren.
Als der Kerl sie vergewaltigen will, schießt sie ihm eine Kugel ins Bein – und geht in den Knast dafür!
GREEN WITCH VILLAGE ist nicht bloß eine Spionagegeschichte, sondern auch ein Sittenbild dieser Zeit, in der Frauen sich gegen Männergewalt kaum wehren konnten.

Dem Fiesling Wayne kommt erzählerisch derselbe Raum zu wie dem russischen Spion und den Nazi-Saboteuren. Damit kreiert der Comic eine dreifache Bedrohung für Tabatha und rückt das Thema Chauvinismus (heute sagt man „toxische Männlichkeit“) in den Mittelpunkt des Geschehens.

Will sagen: GREEN WITCH VILLAGE hätte ein geradliniger Zeitreisethriller über eine tickende Bombe sein können. Doch die Figur des kriminellen Machos bildet den gesellschaftlichen Zustand der Fünfzigerjahre ab und erweitert das Werk um eine feministische Dimension.

Das Abenteuer der Tabatha Sands wühlt uns auf, weil wir begreifen, dass die Gefahr nicht nur von Feindagenten ausgehen kann, sondern auch vom übergriffigen Arbeitskollegen. Selbst CIA-Mann Taylor behandelt Tabatha wie einen Gegenstand.

Doch die spielt ihre Karten geschickt aus und verschafft sich Handlungsfreiheiten.

So etwas nenne ich „eigenständig“, denn es verlässt den Rahmen der üblichen Formeln.
Man könnte auch sagen: Hier manifestiert sich der Unterschied zwischen Genrecomic und Graphic Novel.

Dennoch schwebt Tabatha des Öfteren in Gefahr. CIA-Killer rücken ihr auf den Leib, Wayne lässt trotz weiterer Gewaltandrohung nicht von ihr ab, Iwanow ist ihr keine Hilfe mehr – und ein verdächtiger Tourist macht ihr die Aufwartung.

Als Taylor ihr endlich glaubt, sind die Nazis dabei, die Atombombe an ihr Ziel zu bringen.

Alles, was Unsinn ist

Seit dem Film „Zurück in die Zukunft“ wissen wir, wie viel Spaß man mit heutigen Wissen in der Vergangenheit haben kann. Zeitreisephänomene finde ich per se schwierig, aber immerhin hat Marty McFlys Superauto die Angelegenheit griffig präsentiert.

Hier wird es äußerst rätselhaft belassen: Das Bewusstsein einer komatösen Frau des Jahres 2025 scheint einfach so in eine fremde Frau des Jahres 1959 gefahren zu sein.

Wieso, weshalb, warum – wer nicht fragt, bleibt dumm“, lautete das Motto der „Sesamstraße“. Darauf wird hier fröhlich gepfiffen.

Der Comic schweigt zu den Umständen, der allgemeinen Machbarkeit und auch zur Fähigkeit des Wiki-Gespensts, den Kontakt über die Zeit halten zu können. Das ist im Grunde eine Verweigerungshaltung. Diese Prämisse müssen wir schlucken, was ich frech finde.

Da hätte man doch noch was konstruieren können – eine Verwandtschaft, eine außergewöhnliche Fähigkeit, einen Apparat, der Nachrichten sendet … ich wäre dankbar gewesen für irgendeinen Anker, auch wenn er ebenso unlogisch gewesen wäre.

Das Gespenst aus der Zukunft braucht Geld, um im Jahr 2026 die Krankenhausrechnungen für die komatöse Emily bezahlen zu können. Das arrangieren die beiden mit Sportwetten.


Punkt zwei von drei Dingen, die mich stören, ist der Mann von der CIA.
Terrence Taylor tritt auf und zeigt fremden Leuten seinen Dienstausweis?!
„Hallo, ich bin von der CIA!“ … Hmmm.

In allen Thrillern, die ich je gesehen habe, offenbaren sich CIA-Leute niemals als solche.
Wenn sie es doch taten, stellte sich bald heraus, dass diese Menschen eben nicht für einen Geheimdienst arbeiten!

Diese Filme kennen wir, oder? Gut, die Sache mit der öffentlichen CIA kann ich als Kleinigkeit durchwinken.

Massiv wundern lässt mich etwas Anderes: Wir befinden uns im Jahr 1959 und Nazis versuchen, an eine Atombombe zu kommen und diese aus Rache an den Amerikanern detonieren zu lassen?

Nazis? 1959? Euer Ernst? Kauf ich nicht!
Die Deutschen waren in diesen Jahren viel zu dankbar für neugewonnene Freiheiten und zu verwöhnt durch das Wirtschaftswunder, um die Geschichte rückabwickeln zu wollen bzw. einen neuen Weltkrieg anzuzetteln.
Lars von Triers sehenswerter Eisenbahnerfilm „Europa“ integriert glaubwürdig Nachkriegsnazis in seine Handlung, aber hier handelt es sich um sogenannte „Werwölfe“, die direkt nach Kriegsende Sabotageakte gegen die Besatzer durchführen.

Mein Fazit: GREEN WITCH VILLAGE ist keine leichte Lektüre, ich musste im Nachhinein zurück zum Anfang und die Handlungsschritte rekapitulieren. Der Stoff ist schon merkwürdig, fügt sich aber dramaturgisch sauber ineinander.

Dass Fragezeichen bleiben, damit müssen wir klarkommen. Im Ganzen mag ich den lakonischen und sardonischen Ton der Story.

Ein Album von satten 100 Seiten

Hervorheben möchte ich noch, dass der Band sich immer wieder Zeit für stille Passagen nimmt. Beispielhaft zeigen will ich die drei Freundinnen in der Diskussion, Wayne endgültig zu feuern und eine eigene Agentur aufzumachen:

Großartige Pointe!
Bei den Machern dieses Comics aber auch kein Wunder.
Denn bei Trondheim/ Biancarelli handelt es sich um dasselbe Team, das uns mit dem tollen Krimi KARMELA KRIMM beschenkt hat (leider nach dem zweiten Album eingestellt).

Ich mag Biancarelli als Zeichner sehr, obwohl er anatomisch und perspektivisch nicht superkorrekt arbeitet. Vielleicht gerade deswegen!
Seine Illustrationen haben eine gewisse Hemdsärmeligkeit, einen Hauch des Unfertigen, ermöglichen aber so eine schnelle Taktung und einen hübschen Flow.

Natürlich bedient er sich einer cineastischen Kamera, was mir immer gefällt, und wirkt generell sehr oldschool. In einer Nachbemerkung offenbart er, sich bewusst an die Zeitungsstrips der 1950er-Jahre angelehnt zu haben.

Wenn Sie den Link zu KARMELA KRIMM klicken, erhalten Sie dort mehr Infos zu Autor Trondheim, den ich Eingeweihten nicht vorstellen muss. Nur noch ein Tipp:
Es gibt einen wundervollen anderen Krimi aus seiner Feder, den er (in drei Bänden) mit Zeichner Stéphane Oiry realisiert hat.

Oiry ist zeichnerisch nicht so weit weg von Biancarelli, gestaltet seine Serie allerdings formalistisch strenger und schafft damit einen anderen Look.
Ich mag alle drei Werke außerordentlich gern.
GREEN WITCH VILLAGE ist zwar logisch nicht zu begreifen, besticht jedoch durch seine Eigenständigkeit und einen hintergründig-bitteren Humor.

Ich stifte zum Abschluss noch die Seite von schreiber&leser sowie ein Reel auf Instagram.

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