NADA nach dem Roman von Jean-Patrick Manchette

Dies ist kein Actioncomic! Nicht die Bohne. Es passiert nichts. Null. Nada.
Haha, heißt ja auch so …
Wer einen Krimi mit viel Schießereien und krasser Gewalt sucht, ist bei NADA ganz klar an der falschen Adresse.

Wer sich aber entspannt und gut geführt ins Paris der 1970er-Jahre begeben möchte, wer den Ennui einer Gruppe desillusionierter Anarchisten erleben möchte, wer eintauchen mag in die politischen Irrungen und Wirrungen dieser Zeit, wer einen Sinn für Nihilismus und die (damals) modernen Kriminalerzählungen Frankreichs hat, wer gerne alte Politthriller von Costa-Gavras, Henry Verneuil oder Jean-Pierre Melville sieht, der ist bei NADA ganz zu Hause.

Alltag im Paris der frühen 1970er-Jahre: „verdachtsunabhängige Personenkontrolle“.

 

Und es gibt dann doch, zwar spät – auf Seiten 143 bis 163 (von insgesamt 190) – eine minutiös inszenierte Großschießerei zwischen mehreren Beteiligten.
NADA ist ein Werk der Retrospektive und der Nostalgie, eine Comic-Hommage an den Autoren Jean-Patrick Manchette. Der war eine populäre Figur im Frankreich der 1970er- Jahre: Er war zugleich Journalist und Filmkritiker und veröffentlichte in Gallimards ‚roman noir‘-Krimireihe elf Bücher in amerikanischer Hardboiled-Tradition.

Comicexperten erinnern sich vielleicht, dass Manchette zudem mehrfach mit Jacques Tardi kooperierte (u.a. DER SCHNÜFFLER / GRIFFU).

So ‚hardboiled‘ im US-amerikanischen Sinne ist NADA aber überhaupt nicht. Es entfaltet sich als ruhiges, schön getaktetes, nostalgisches Krimidrama. Mir war es eine Freude, mich durch dieses dicke Buch (das dennoch schlank wirkt!) gleiten zu lassen.

Das liegt natürlich am Artwork von Max Cabanes. Das Sujet hätte einen realistischen Strich vertragen, doch die kurios-fluffige Umsetzung durch Cabanes unterstreicht die schwelende Ironie des Werks.
Unverschämt locker und dennoch präzise in der Darstellung entfaltet sich ein Verbrechen, das langsam aber sicher aus dem Ruder läuft. Die Ironie der Geschichte ist aus unserer heutigen Rückschau zugleich Ironie der Historie.

Die Kolorierung in Blau-, Grün- und Beige-Tönen lässt NADA herrlich unterkühlt ausschauen, eine dünne Schicht aus Eis scheint über diesen Seiten zu liegen.
Das wiederum passt ausgezeichnet zu den Charakteren, die distanziert agieren und nicht mit Empathie begleitet, sondern wie Laborratten beobachtet werden, die – mit unterschiedlichen Reizen stimuliert – seltsame Wege ablaufen.

Buenaventura und Èpaulard vor dem Zimmer der Geisel. Die Gruppe richtet es sich im Versteck ein.

 

Uns begegnen: Der ehemalige Resistance-Kämpfer Épaulard, der mit seinem Leben nichts mehr anzufangen weiß und sich deshalb auf dieses Himmelfahrtskommando einlässt.
Der Säufer und Bohemien D’Arcy, der sich außerhalb der Gesellschaft sieht und nur noch an die nächste Flasche denkt.
Der Philosophie-Dozent Treuffais, der seine elitären Studenten verachtet, in anarchistischen Fantasien schwelgt, doch letztlich zu feige ist, aktiv zu werden.
Der junge Kellner Meyer, der des Lebens überdrüssig ist und es daheim mit einer hysterischen, bipolaren Freundin aushalten muss.
Der katalanische Terrorist Buenaventura, der alle Tricks und Waffen kennt und zum Motor des Geschehens wird.
Die mysteriöse Anarchistenbraut Cash, die ein Gehöft auf dem Land als Stützpunkt organisiert und einfach Bock auf Action hat.

Diese sechs fassen den halbgaren Plan, den amerikanischen Botschafter zu entführen. Rein für den Thrill und ein eher läppisches Lösegeld. Um ihrer Aktion einen zeitgenössischen Anstrich zu geben, bezeichnen sie sich als „Gruppe Nada“. Ein sprechender Name, der mehr auf Nihilismus als auf Anarchismus hindeutet.

Kommissar Goémond betritt die Szene und befleißigt sich bewährter Polizeigewalt.

 

Die Entführung ist gut durchdacht und funktioniert, aber der hartnäckige Kommissar Goémond verbeißt sich in den Fall und kommt der Bande durch kleinteilige Polizeiarbeit auf die Schliche. Die Sache wird politisch, sehr viel politischer, als Gruppe Nada sich das vorgestellt hat.
Denn die reaktionären Kräfte bei der Polizei und im Innenministerium wittern die Chance, diese Entführung zu nutzen, um die linke Szene generell auszuheben.
(Mehr sei hier nicht verraten.)

Wir bewegen uns durch das Paris von ca. 1970, erleben abgerissene und kauzige Typen und glauben, gleich den Vogel im Käfig aus dem „Eiskalten Engel“ piepen zu hören.

Lakonische Dialoge prägen den Umgang mit dem gefangenen US-Botschafter: Pointdexter, Épaulard und D’Arcy.

Noch einmal zurück zum Autoren Jean-Patrick Manchette: Der konzentriert sich in seiner Schreibe auf die Faktizität der Ereignisse, streut dazwischen jedoch stets Innenansichten seiner Akteure ein. Psychologische Häppchen, sozusagen.

 

Das hat den tollen Effekt, dass die Erzählung lebensnah und authentisch rüberkommt, ohne jedoch alles zu erklären. Die Figuren werden lebendig, bleiben aber gleichzeitig autark. Bei Manchette kann jedem alles passieren – das kreiert einen höchst eigenen und faszinierenden Sound.

Jean-Patrick Manchette ist leider schon vor über 20 Jahren verstorben, am Skript beteiligt ist jedoch sein Sohn: Doug Headline.
(Da hoffe ich mal schwer, dass das ein Künstlername ist; er hätte sich aber auch gleich Max Headroom nennen können. Entschuldigung, zurück zur Sache.)

Cash bedient die Maschinenpistole. Achten Sie im letzten Panel auf den wilden Lichteffekt im Haar! Cool!

 

NADA ist ein großartig stylisher Comic, der Max Cabanes wieder in die erste Riege der frankobelgischen Comickünstler spült. Still war es geworden um den Franzosen, den ich vor kurzem erst in PILOT entdeckt habe.

(Wer mag, scrollt ganz nach unten in meinem Post über dieses deutsche Magazin der Jahre 1981-84, wo ich Cabanes feiere. Damals hat er noch weitaus detaillierter gezeichnet und sich mit Skurrilitäten befasst.)

Nicht wiederzuerkennen: Der frühe Cabanes bewegte sich in anderen Bahnen.

 

Cabanes hat lange Jahre nicht im Comicbereich gearbeitet, doch in Frankreich sind zwei weitere Manchette-Adaptionen von ihm erschienen: „La princesse du sang“ (2009-11, zwei Bände) sowie „Fatale“ (2014). Kreisch! Das ist aber geil.
(Leseproben bzw. Trailervideo einsehbar auf der Verlagsseite von Dupuis.)

Manchette/Cabanes sind ein Hammerduo, eine Kombination, wie sie nicht oft vom Himmel fällt. Halt, quatschige Ausdrucksweise. Diese zwei Meister sind eben nicht vom Himmel gefallen, sondern thronen festzementiert auf dem Olymp der Neunten Kunst.

Und jetzt schnalle ich erst, dass FATALE und BLUTPRINZESSIN auf Deutsch längst bei schreiber&leser vorliegen! Hurra!
(Ich wunderte mich sowieso, weshalb NADA bei Splitter erschienen ist. Da hat aber wer die schnellere Leitung oder die tieferen Taschen gehabt …)

Schauen wir zum Schluss nochmal auf das Titelblatt von NADA.
Ein Hingucker in Blau, Rot und Türkis – wow. Zentral wabert der amorphe Rauch, Symbol der Flüchtigkeit wie auch der Unberechenbarkeit. Dinge nehmen ihren Lauf, wenn auch nicht vorhersehbar. So isses wohl, so soll es sein!

Quelle flair, quelle atmosphère.

Der Philosophie-Dozent Treuffais rastet aus und fängt sich die Kündigung ein. In dieser Szene lässt Cabanes noch einmal seiner skurrilen Illustrationsweise freien Lauf: überzeichnetes Personal und ein urkomisches vorletztes Panel.

Es gibt übrigens eine zeitnahe und gleichnamige Verfilmung („Nada“) von Claude Chabrol aus dem Jahr 1974. Einen schlechten Trailer zur Filmversion gibt es hier zu sehen.

Spaßig ist, dass zumindest die Figur des Buenaventura dem Schauspieler Fabio Testi nachempfunden scheint.

Des Weiteren schrieb Manchette nach eigener Vorlage das Drehbuch zu „Rette deine Haut, Killer“ von und mit Alain Delon (1982).

Und hier schließlich noch mein Durchblättern von NADA auf Instagram:

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