Krimi mit Soufflé-Schicksal: RED

Ich würde dem Hund kein Wort glauben!

Läuft eines Tages der älteren Dame Rose Mc Mill zu, macht auf hilfsbedürftig, erbettelt sich Nahrung und Unterkunft – und behauptet obendrein noch, er wittere Menschenblut auf dem Hemd ihres verflossenen Partners Red.

Dann heißt er auch noch Friedwart Plüschmann, hallo?!
Eindeutig ein windiger Geselle. Aber: Was ist passiert?

© für alle Abbildungen: Josephine Mark / Kibitz

„Cold Case“ im Schnee

Das Schaubild an der Wand zeigt Roses Mann Robert (genannt „Red“), der vor 30 Jahren tot aufgefunden worden ist. Red lag nachts nackt im verschneiten Wald und hatte über vier Promille Alkohol im Blut, obwohl er niemals Schnaps angerührt hat.

Das war Rose schon immer verdächtig vorgekommen, doch der ermittelnde Kommissar, der örtliche Doktor sowie zwei Zeugen hatten es so bestätigt.

Der Fall wurde schnell zu den Akten gelegt und im namenlosen Örtchen (das um einen überdimensionierten Revue-Palast herum konstruiert scheint) kehrt erneut Ruhe ein. Das heißt, wir sehen gar keinen Ort, sondern lediglich die Hütte von Rose, die Polizeistation, den Friedhof, einen Zirkus sowie den erwähnten Tanzschuppen.

Das Personal in RED ist so schrill wie in einem „Knives Out“-Film: Dem schnauzbärtigen und missgelaunten Lester gehört die Bühne.
Red ist der bärige Glatzkopf mit dem roten Vollbart, arbeitet als Handwerker beim Zirkus (und ist womöglich auch Tiertrainer oder Bären-Wrestler).

Hazel ist die ehrgeizige wie launische Attraktion der Revue, die sich verzweifelt ein besseres Leben wünscht.
Doc ist der schmächtige Eierkopf mit der im Gesicht schwebenden Brille, der gerne einen über den Durst trinkt.
Sie alle träumen von Reichtum, bevorzugt ohne dafür arbeiten zu müssen.

Als Red ihnen einen Plan unterbreitet, wie sie einen riesenhaften Diamanten erbeuten können, macht Mark daraus eine parodistische Szene, die jeder „Heist“-Komödie zur Ehre gereicht:

Sind auch Sie gespannt, wie die genannten Gegenstände zum Einsatz kommen werden?


Sag mir, wann die Szenen sind

Mark erzählt auf zwei Zeitebenen, die nahtlos ineinander wechseln. Das geschieht abrupt und muss man deuten können.
Ich finde, das funktioniert gut, auch weil die Figuren in der geschilderten Gegenwart deutlich gealtert sind. Mich erstaunt die lange Zeitspanne von 30 Jahren, die kommt mir überzogen vor (und ich frage mich, ob Mark sie gewählt hat, um ihre Figuren unterscheidbar zu machen).

Ihr Zeichenstil ist bekanntlich einer der krassen Reduktion (fünf Striche ergeben ein Gesicht), da müssen Haare ergrauen, um Alter ausdrücken zu können.

Hier sehen wir beispielsweise den gealterten Dorfkommissar, der sich schon immer mehr für Malerei als Kriminalistik interessiert hat. Wieder eine spinnerte Sequenz, die Marks Humor bestens illustriert:

Sie hat geliefert

2022 hat Josephine Mark mir gegenüber bekundet, sie wolle sich jedes Genre im Comic einmal vornehmen – jetzt hat sie ihren Krimi geschrieben.

Zum Jahresausklang 2021 hatte mich die Autorin und Zeichnerin (und nicht nur mich) mit ihrer surrealen Westernhommage MURR überrascht. 

Als sie schon ein halbes Jahr später TRIP MIT TROPF vorlegte, räumte Mark mehrere Comicpreise ab und schoss in der Wahrnehmung des deutschen Feuilletons ganz nach oben.

Ihre originelle Reiseerzählung um einen Wolf, der sich um ein krebskrankes Kaninchen kümmert, zählt zu den modernen Klassikern des deutschsprachigen Comics. So witzig, rasant und erfrischend absurd ist in den letzten Jahren niemand mehr auf die Szene getreten.

2024 folgte ihre grafische Adaption des Kinderbuchstoffs DER BÄRBEISS: verlässlich, sauber und hübsch, aber nicht von der gewohnten Schlagkraft.
Und nun RED.

Friedwart soll Reds sterbliche Überreste hundedetektivisch untersuchen. 

Nanu, der Hund kann sprechen?!

Krimi als Genre ist ein Haifischbecken: Da tummeln sich endlos viele Konzepte und Darreichungsformen, noch dazu in sämtlichen Komplexitätsstufen.

Zugutehalten muss man Mark, dass sie sich mit RED ins Subgenre der Tierkrimis begibt, wo sie ihre Fähigkeiten ausspielen kann.  Hier ermitteln Tiere unter sich oder in Kombination mit Menschen.

(Wussten Sie, dass es Hühnerkrimis, Schafkrimis und sogar Insektenkrimis gibt?! Es informiert sehr amüsant die Webseite „Tierkrimis“.)

Die Dynamik zwischen Rose und Friedwart Plüschmann ist natürlich wundervoll. Die beiden funktionieren wie Kaninchen und Wolf in TRIP MIT TROPF. Hier ist Mark in ihrem Fahrwasser, das pointierte Plaudern ist Comedy-Gold.

Die Krimihandlung dagegen ist dürftig und konstruiert. Gut, Krimis sind immer konstruiert, aber ein Diamant, den man zwei russischen Gangstern stiehlt?!

Der Coup an sich wird nicht gezeigt, das ist einerseits eine Pointe für sich, andererseits sind die angekündigten Requisiten (Furzkissen, Korkenzieher, Kaffeemühle) pure Teaser gewesen. Schade.

Auch der Einsatz der Figuren ist fast nur auf ihre Funktion beschränkt. So ist der Kommissar nur dabei, weil ein Krimi einen Polizisten braucht.
Mark stattet ihn noch mit seiner Hobbymalerei aus, um den Charakter überhaupt lebendig werden zu lassen.

Ähnliches gilt für den Doktor, der funktionsfüllend noch die Bekanntschaft mit den Russen angehängt bekommt.

Die Russen bedrohen den Doktor, weil er ihnen Geld schuldet.

Auch darüber kann ich hinwegsehen, aber was mich kratzt, ist dieser Zeitraum von 30 Jahren, der unglaubwürdig lang ist und bleibt. Dass alle Beteiligten auf so lange Strecke den Kontakt abbrechen und niemand etwas hinterfragt, will mir nicht einleuchten und übersteigt auch meine Bereitschaft, diese Fiktion zu akzeptieren.

Der Krimi stürzt in sich zusammen

Ich will nichts verspoilern, daher kann ich nur sagen: Was Rose erleidet, ist leider Quatsch, es hätte nicht passieren müssen. Sie war in mehrfacher Hinsicht fahrlässig unaufmerksam.

Man muss eine Menge Voraussetzungen schlucken, damit dieser Krimi rundläuft.
Weil ich dieses Buch trotzdem mag, lautet meine Lösung, RED nicht als Krimi zu lesen.

Wir haben ein launiges Mark-Panoptikum vor Augen, in dem es wie immer um Vergänglichkeit geht und darum, was wir aus der Zeit machen, die uns gegeben ist.

In MURR und TRIP MIT TROPF hat Mark (nach eigener Aussage) Familienschicksale und Krankheitserfahrungen einfließen lassen. Diese Tiefe erreicht sie in RED nicht.

Dennoch hat uns die Autorin ein liebenswertes, kauziges und witziges Werk geschenkt, das ich im Regal behalten und garantiert wiederlesen werde.

Das Marketing versucht, RED mit den „Fargo“-Krimis in eine Schublade zu stecken.
Das ist nicht völlig falsch, untergräbt aber gewissermaßen die Kunstfertigkeit von Josephine Mark.
Die hat solche Vergleiche nicht nötig, sondern längst bewiesen, dass sie eine Kategorie für sich ist.

Zum Schluss die Links. Josephine Marks Comicschaffen findet sich HIER im Netz, DIES ist die Webseite ihres Verlags Kibitz, und DAS ist mein garantiert unblutiges Instagram-Reel.

(Auf der Kibitz-Seite findet sich übrigens ein siebenminütiger „Red TRAILER“, ein animierter Comic-Kurzfilm, der vor allem die erste Begegnung von Rose und Friedwart präsentiert!)

Schreibe einen Kommentar