Schöner schimpfen: ALTE MEISTER

Der Mahler-Comic, den Hella von Sinnen immer allen empfiehlt. Hella bezeichnet sich als „allergrößten Mahler-Fan“ und hält ALTE MEISTER für dessen schönste Adaption.
Der österreichische Zeichner Nicolas Mahler hat schon einige literarische Stoffe umgesetzt (momentane Zählung: sieben), ALTE MEISTER ist ein Werk von Thomas Bernhard. Da kollaborieren also zwei Ösis, auch wenn Bernhard vor über 30 Jahren verstorben ist.

Ich hatte als Student der Germanistik eine Thomas-Bernhard-Phase und halte diesen Mann für einen großen Österreicher, der mit Sprachlust und Verve geschrieben hat – wobei als Markenzeichen gelten kann, dass sich seine Werke kunstvoll im Leeren drehen und kaum mehr als monologisierende Granteleien darstellen.
ALTE MEISTER ist ein später Roman von Bernhard, der mir seinerzeit durchgeflutscht ist. Umso schöner, ihn jetzt in der Mahler-Bearbeitung von 2015 nachzuholen! Und, in der Tat, es ist eine Freude!

Denn Mahler dampft Bernhard auf ein erträgliches Maß ein, indem er ihm alle Redundanzen zieht. Der Bernhard-„Sound“ ist der einer Wortmühle, die einen Tatbestand so lange kaut und mahlt, bis er zum Mantra gerät. Das Repetitive bei Bernhard ist beinahe schon meditativ.

Und Bernhard bietet Mahler in diesem Werk die Steilvorlage für ideale Fallhöhe: große Kunst kontra kleine Menschen. Denn die Handlung (wenn man bei Bernhard von Handlung sprechen kann) trägt sich im Kunsthistorischen Museum von Wien zu: Herr Reger bekrittelt dort die ausgestellten Werke.

Da wird vom Leder gezogen, dass kein Kritikerauge trocken bleibt. Inklusive Bernhardsche Seitenhiebe auf Intimfeinde wie Adalbert Stifter („Kitschmeister“) und Martin Heidegger („Schlafhaubenphilosoph“).

Bernhards Figuren tragen eigentlich immer masochistische Züge und erlauben sich weder Ablenkung noch Freude. Das Sich-Ekeln und Sich-Ereifern zelebriert auch Reger mit penetranter Konsequenz, offenbar besucht er das Museum seit 30 Jahren, und zwar jeden zweiten Tag.
Das einzige Gemälde, das ihn noch nicht anwidert, ist Tintorettos „Weißbärtiger Mann“, ausgestellt im Bordone-Saal. Vor diesem Ölschinken sitzt Reger stundenlang und grübelt.

Regers einziger Kontakt dort ist der Museumswärter Irrsigler, mit dem ihn schon fast Freundschaft verbindet. Irrsigler segelt irre durch dieses Museum, was Mahler so simpel wie köstlich inszeniert. Ein gedrungenes Männchen im Labyrinth der Kunst.

Auch Irrsigler geducktes Verschwinden in der Herrentoilette vermittelt mir eine schrille Stille, die mein Komikzentrum kitzelt. Es mag aber auch am Irrsigler-großen Abfalleimer liegen, den Mahler zur Verschandelung des Ambientes am rechten Bildrand platziert.

Reger hat seinen Freund Atzbacher (den Ich-Erzähler) in den Bordone-Saal bestellt, um etwas mit ihm zu bereden. Atzbacher beschreibt uns Reger und Irrsigler und beider Beziehung zur Kunst, auch dass Reger im Museum seine Frau kennengelernt hat.

Inzwischen ist Reger jedoch verwitwet und trägt Atzbacher am Ende einen kühnen Vorschlag an, der beide aus dem Museum herausführen wird. Nimmt das ewige Gegrüble und Geschimpfe über Hochkultur also ein Ende?
Mitnichten! Denn der Bernhardsche Kulturhass verlagert sich bloß: In einer herrlich komischen Übersprunghandlung begeben sich Reger und Atzbacher in … aber das will ich gar nicht verraten, denn das Finale ist ein echter Lacher – und ein typisch Bernhardsches Apodiktum.
(Eine apodiktische Aussage, die wunderbar motzig und lakonisch daherkommt.)

ALTE MEISTER ist ein dankbarer Bernhard-Stoff, der im Unterschied zu mir bekannten anderen Romanen, auch Schauwert bietet: die alten Meister nämlich, große Gemälde vom 15. bis zum 17. Jahrhundert.

Schade finde ich nur, dass uns der Suhrkamp-Verlag keinen Anhang spendiert hat, der uns die echten Gemälde zeigt, damit wir sie kichernd mit den Mahler-Versionen vergleichen können. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Mahler echte Vorbilder benutzt, bin mir da aber nicht sicher, weil ich keine Vergleiche gefunden habe.

Mag auch sein, dass Mahler „generische Werke“ der Malerei erfindet! Standard-Situationen und Klischee-Szenen mit Madonnen und Putten, Anbetungen und Anrufungen, hohen Herren, edlen Damen, Nackten im Bade und Gerüsteten auf Pferden. Was ebenfalls ein toller Coup wäre!

Hier sitzt Reger reglos auf der Sitzbank vor dem Tintoretto; Irrsigler geht ab nach links, vielleicht zur Toiletto.

Kleiner Mann, was nun?

 

Mahlers miniatureske Männchen verlieren sich in der protzigen Gebäudearchitektur, gehen verloren in den gewaltigen Gängen, schrumpfen zusammen vor den überdimensionierten Ölgemälden. Diesen Kontrast spielt der Zeichner natürlich ganz bewusst aus, um effektive Fallhöhe und damit Komik zu kreieren.

Auch das Schicksal des Protagonisten Reger ist auf tragikomische Weise anrührend, denn es entfaltet sich das Drama eines alten Mannes, der in seinen Strukturen festgefahren ist. Es stellt sich heraus, dass Reger seine Frau nicht nur im Museum traf, sondern auf der Sitzbank vor Tintorettos „Weißbärtigem Mann“, nur deshalb hockt er ausgerechnet dort. Er mag auch den Tintoretto nicht, und seine Frau mochte ihn auch nicht, genau das hat zwischen ihnen die Funken sprühen lassen.

Und prompt torpediert Bernhard (im Verein mit Mahler) diese quasi-romantische Szene mit einem Apodiktum (jetzt checken Sie auch, was damit gemeint ist; ja, ich bin arrogant, aber auf charmante Weise):

Alte Mahler-Meister

 

ALTE MEISTER ist ein idealer „Bernhard für Anfänger“ und wahrscheinlich auch ein perfekter „Mahler für Anfänger“, da hat Hella vollkommen recht.
Ich bin nicht unbedingt ein Mahler-Fan, aber ich erkenne an, dass der Mann ein geniales Händchen für die Umsetzung diversester Stoffe hat.

(Seinen ULYSSES müsste man mal separat diskutieren, das führt hier zu weit und ist auch eine ganz andere Kiste, um es unwissenschaftlich auszudrücken. Beim ULYSSES sehe ich zum Beispiel viel mehr Mahler als Joyce.)

Aber bei ALTE MEISTER finden sich zwei Künstler zu einer synergetischen Symbiose (und befruchten sich zu gleichen Teilen gegenseitig).

Ich weiß nicht, ob es Bernhards oder Mahlers Verdienst ist, aber ALTE MEISTER transportiert bei aller Kühle des hier Verhandelten erstaunlich emotionale Einsichten.
Damit zeige ich noch zwei Seiten, die kongenial beweisen, wie der Schriftsteller und der Zeichner Hand in Hand arbeiten, um mit den Mitteln des Comics eine neue Kombination zu schaffen. Und das ganz unaufdringlich:

Die Kunst verschwindet und der Mensch bleibt. Der Mensch zählt.

(Gerade habe ich die Assoziation einer Urne, die auf einem Sarg steht. Hmm. Das hat Mahler garantiert nicht beabsichtigt, es passt aber in den Gesamteindruck.)

Das übliche Instagram-Video bringt bei ALTE MEISTER kaum einen Mehrwert, deshalb halte ich es diesmal ultrakurz:

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