Tillmann liest: MADGERMANES

Bitte erschießt mich! Eine deutsche Graphic Novel über mosambikanische Gastarbeiter in der DDR?! Bitte erschießt mich JETZT!

War, was ich gedacht habe, als ich von Birgit Weyhes Comicbuch MADGERMANES hörte.

Aber als Comicjournalist will ich auf dem Laufenden bleiben – und wenn Birgit Weyhe im Cöln Comic Haus ihr Werk vorstellt, bin ich natürlich dabei. Da saß ich dann, mit verschränkten Armen und Pokerface, als Weyhe ihren Vortrag einleitete:
Sie sei in Afrika großgeworden (Uganda, Kenia), dann zum Studium nach Deutschland zurückgekehrt und habe nach ihrem Magister in Literatur und Geschichte noch ein Kunststudium in Illustration bei Anke Feuchtenberger in Hamburg aufgesattelt. Auf einem Besuch in Mosambik bekam sie Kontakt zu den „Madgermanes“ (Frauen und Männer, die jahrelang in der DDR gelebt haben) und sei am Thema hängengeblieben. Aus Gesprächen mit etlichen Zeitzeugen  sei Jahre später der Comic MADGERMANES entstanden, den sie nur mithilfe der Berthold-Leibinger-Stiftung habe zu Ende bringen können.

Klingt fundiert, dachte ich mir, aber interessiert mich immer noch nihihihicht!

Doch dann wirft Weyhe den Beamer an und präsentiert Auszüge aus ihrem Werk. Drei fiktive Akteure erinnern sich an ihre Zeit in der DDR und zeigen drei verschiedene Perspektiven auf, mit der Geschichte umzugehen. MADGERMANES ist das Protokoll eines groß angelegten Schwindels: Die sozialistische mosambikanische Regierung hat Tausende Landsleute als Arbeitssklaven an die DDR verkauft.
Ein vergessener, kleiner schmutziger Coup aus der leidvollen Historie Afrikas, den Weyhe jedem ins Hirn zementiert, der ihr Buch aufschlägt. Denn genau das gelingt ihr beinahe spielerisch – und keinen Moment langweilig oder moralinsauer.

Nach fünf Minuten starre ich nur noch bewundernd auf Weyhes Bilder und mir dämmert, dass diese Frau ein Meisterwerk grafischer Erzählung abgeliefert hat: Ihr leichter, karikaturesker Strich bewahrt Distanz zum Geschehen. Ihre eigenartige, weiß-schwarz-goldene Farbgebung schafft Kontrast, der im Gold aber auch Synthese generiert. Ihre Panels fließen dank ihrer kurzen, sachlichen Sätze in einem organischen Rhythmus über die Seiten.
Größter Zauber an MADGERMANES aber ist die grandios konzipierte und umgesetzte  Illustration des Stoffs: Afrikanische Folklore und DDR-Symbolik geistern durch das Layout, markieren so die Kluft und Fallhöhe dieser fremden Welten, pflanzen Grenzsteine der Verortung.
(Weyhes Absicht scheint mir, dennoch eine Verflechtung der Art aufzuzeigen, dass Menschen überall mit ihren politischen Systemen hadern und nur die echte Solidarität ein Zusammenleben erlaubt, nicht die – fast ironisch durch ihr Buch laufende – plakativ vorgetäuschte Propaganda-Solidarität.)

Statt jetzt weiter zu belabern, was schwer zu beschreiben ist, poste ich frech und eigenmächtig die ersten zehn Seiten der zweiten Erzählung (achten Sie bitte auch auf die zwingende Sinnfälligkeit, der sich Weyhe bedient). Dann checken SIE, wie geil das grafisch gelöst ist, wie locker das daherfließt, wie viel Geld Ihnen der ganze Comic wert ist (25 Euro, avant-Verlag, ich hab es mir sofort bei der Künstlerin gekauft und noch eine Widmungszeichnung reinbekommen.)

Zwei Dinge noch, dann geht es los.
Erstens spricht sich der Titel „Madschermanes“ aus, nix „Mähdgermanes“!
Zweitens zeigt das Cöln Comic Haus noch bis Ende Januar die auf dem Comic-Salon in Erlangen 2016 prämierten besten deutschen Comics, darunter Birgit Weyhe.

 

Na, ist das fluffig? Geht das runter wie Butter? Schon was gelernt?
Man erkundet dieses (immer noch aktuelle und oft auch berührende) Buch mit wachsendem Interesse. Toll.