Was tun, wenn es zum Atomkrieg kommt? Keine Angst, die Lösung ist bewährt und simpel: Sich unter den Schultisch kauern!
Das empfahl Schülern schon ein Zivilschutz-Propagandafilm von 1951. Unter dem Motto „Duck and Cover“ wirft man sich (sobald man den Atomblitz bemerkt) unter die Bänke und hat so beste Überlebenschancen.
Wie, das klingt bescheuert? Haben Sie eine bessere Idee?!
Und was wäre, wenn das tatsächlich wirken würde, hmm?!
Dieses Szenario nämlich spielt ein US-Comic vom letzten Jahr durch. Eine Gruppe Jugendlicher muss in der Schule nachsitzen und wird Opfer des Atomschlags. Aber da sie sich wie instruiert unter die Tische geflüchtet haben, überleben sie und treten in eine Welt hinaus, die nicht nur zerstört ist, sondern zudem von grotesken Aliens beherrscht wird.



Doch einen Schritt zurück, zu den Aliens kommen wir gleich. Das oben gezeigte Ende des ersten Kapitels hat zuvor natürlich unsere Hauptfiguren vorgestellt.
Da ist Delmont Reeves, ein afroamerikanischer Filmfreak, der mit seinen Freunden Junior Jackson und Oliver Ozawa trashige 16-mm-Thriller dreht. Spielzeugsoldaten bekämpfen darin Rieseninsekten sowie mutierte Monsterbabys, deren Köpfe auf Dinosauriermodellen stecken.
Der Junge mit asiatischen Wurzeln (Oliver) ist ein echter Science-Fiction-Fan und hängt nachts am Radio und lauscht den wilden Verschwörungstheorien des Radio-DJs Popsicle.
Junior Jackson ist die Sportkanone der Schule und ein ganz normaler Typ, der Spaß an diesen Dreharbeiten hat.
Alle drei lassen sich inspirieren von den kulturellen Produkten ihrer Umgebung und der allgegenwärtigen Paranoia durch die sowjetische Atombedrohung bzw. den befürchteten Einmarsch der Russen auf amerikanischem Boden.
Ollie und Delmont müssen als nichtweiße US-Bürger Schikanen und Spott erleiden, besonders krass ausgestellt in dieser Szene: Del ist bei Dreharbeiten im Gelände eines Schrottplatzes von einem Kampfhund angefallen worden und hat ein Auge verloren.
Im Krankenhaus passiert Folgendes:

Die Verhältnisse sind derart rassistisch, dass sich schwarze Menschen dafür entschuldigen müssen, einen Hund aufgeschreckt zu haben.
Eine Seite wie ein Paukenschlag. So brutal ist Rassismus selten vorgeführt worden.
DUCK AND COVER überrascht ab hier (wir sind auf der vierten Seite!) immer wieder mit deftigen Twists und gnadenlosen Geschehnissen, die dem Comic eine hohe Dichte an Plotpoints und eine angenehm fiese Spannung bescheren.
Dass ABSOLUTE-BATMAN-Autor Scott Snyder (der eh grad einen Lauf hat) und sein Zeichner Rafael Albuquerque es noch dazu hinkriegen, ein Feelgood-Finale anzusteuern, ist ein fast unglaubliches Kunststück.
(Wieder greife ich voraus, doch dieser Comic ist in seinen Bezügen so hübsch verschachtelt, dass sich konventionelle Dramaturgie teilweise aufhebt.)
Erneut setze ich ein Stück zurück, um die weiteren Charaktere vorzustellen: Der gewalttätige Schulschläger Pugg Lansky ist der klassische „Bully“, der Ollie mit dem Verlust dessen Vaters aufzieht (der im Krieg geblieben ist) und seine Freundin Willow Glanville herumkommandiert.
Hier sehen wir Pugg mit Willow und Junior im Autokino. Sie reden über das anstehende Footballmatch mit der konkurrierenden Highschool und müssen als Vorfilm das dämliche „Duck and Cover“ über sich ergehen lassen.
Dieser Comic ist gespickt mit ironischen (Quer-)Verweisen, wie ich noch einige aufführen werde.

Fehlen tut uns noch die letzte Figur, Jack Ramirez. Das ist eine Frau und Autoschrauberin, sie bastelt Distockstoffoxid-Tanks an Wagen, um diese per Nachbrenner zu beschleunigen.
Ihr Hobby ist es, krawalligen Lärm zu verursachen und die Aufführungen des Autokinos zu stören.
Als sich Pugg mit Filmvorführer Del eine Prügelei liefert, wird Jacks aufgemotzte Karre beschädigt, die Polizei wird gerufen und muss dazwischengehen. Das ist der Grund, weshalb alle im Schularrest landen und gemeinsam das Ende der Welt erleben.
Hier im Bild Jack mit ihrer lakonischen Art am Steuer eines schnellen Schlittens:


Auch wenn diese Jugendlichen die üblichen Klischees abbilden, verpasst das Kreativteam allen einen speziellen Dreh, der ihre Figuren mit hintergründigen Motivationen auflädt, die im Gesamtgefüge eine originelle Mischung ergeben.
Der Hobbyfilm von Del erhält noch Bedeutung, Ollies Vater ist kein Verräter, Junior macht eine Entwicklung durch, Willow hat ein Geheimnis und Jack ihre eigenen Beweggründe.
Fünf Freunde gegen die Tintenfische aus dem Weltall
Tintenfische? Weltall? Ach, die Aliens habe ich Ihnen ja noch versprochen.
Wie gesagt: Es knallt am Ende von Kapitel eins, die Welt liegt in Scherben – und außerirdisch wirkende Kampfroboter, die mit russischem Akzent Befehle schnarren, fangen sämtliche Jugendlichen ein und bringen sie in Arbeitslager.
Nette Pointe: Erwachsene gibt es nicht mehr, weil sie sich eben nicht unter Schultische kauern konnten.

Die Erklärung für die schützenden Schultische wird übrigens bald geliefert: Die Aliens haben bereits vor 200 Jahren im Blut von Walen und Tintenfischen eine organische Supersubstanz namens Inq auf die Erde geschleust und in die Wirtschaftskreisläufe eingebracht.
Die Menschen haben mit dieser Chemikalie ihre Waffen und etliche Gebrauchsgegenstände veredelt. Allerdings können die Aliens diese Produkte programmieren und ihnen Eigenschaften zuschreiben – wie eben atomresistente Schultische!
Das ist so dreist konstruiert, dass ich es schon wieder genial finde.



Was für ein monströser Humbug! Aber er wird so trocken und passend zu den Figuren präsentiert, dass alles einen Sinn ergibt.
Der Schlüssel zur Erkenntnis der Alien-Pläne kommt von Willow, der unscheinbaren Teenagerin, die Russisch kann und die Sprache der Eroberer versteht.
Weshalb das so ist, buchstabiere ich nicht aus, nur so viel: Alle Jugendlichen tragen einen solchen „Schlüssel“ in sich, der jeweils den Fortgang der Handlung transportiert und die Figuren im Zusammenspiel als Gruppe funktionieren lässt.
Wieder habe ich das Nacherzählen der Geschichte unterbrochen, um Ihnen dramaturgische Feinheiten nahezubringen.
Erst einmal landen unsere flüchtigen Freunde bei Radio-DJ Popsicle, der seine Sendestation als Schallwaffe gegen die Invasoren benutzt. Del, Ollie, Junior, Willow und Jack finden vorübergehend Zuflucht und sondieren die Lage:


Doch schnell spitzen sich die Dinge dramatisch zu:
Der sechste im Bunde (der Bully Pugg) war von den Aliens enthauptet worden und kehrt nun zurück – als furchteinflößendes mutiertes Monstrum, das seinen Mitschülern ein Ultimatum zur Kapitulation stellt:

So viel Spaß mit lauter Plunder
DUCK AND COVER ist von vorne bis hinten popkulturellen Referenzen durchsetzt.
Sie wissen, ich liebe Meta-Ebenen, weil die einen Comic immer so schön intellektualisieren. Bekannterweise lautet das Motto meiner Webseite „Ein bisschen klug muss sein …“.
Also, gemma.
Kapitel 1 bis 4 sind nach Filmgenres benannt: Melodrama, Science Fiction, Horror und Western!
Das ist ein schon überdeutlicher Hinweis auf die vorkommenden Filmzitate von „Krieg der Welten“ (die Aliens in ihren Kampfmaschinen) über „Denn sie wissen nicht, was sie tun“ (jugendliche Gangs und Rituale wie Autorennen) bis hin zu „Formicula“ (die radioaktiv gewachsenen Insekten).

Letzteres wird nur am Rande eingespielt und nicht wirklich bedient, eindrucksvoller sind die Parallelen zum Kassenschlager „Red Dawn“ („Die rote Flut“) von 1984, der seinerzeit das Kinopublikum elektrisierte wie spaltete.
Darin bekämpft eine Gruppe Jugendlicher auf dem Boden der USA sowjetische Aggressoren mit militärischen Mitteln.
DUCK AND COVER benutzt diese Folie, zerfetzt sie jedoch sofort wieder (es sind nicht die Russen, die angreifen), hat aber den Referenzrahmen eröffnet und darin eine Berechtigung für „Duck and Cover“ eingestellt. Die Bedrohung aus dem Warnfilmchen ist ja nie real geworden, hier schon.
(Aber das sind meine Meta-Meta-Assoziationen, an denen ich Spaß habe, weil ich wieder einen Kritiker gefrühstückt habe.)
Zurück zum Comic: Die armen Kinder müssen wieder auf die Flucht gehen und entdecken nicht weit entfernt einen geheimen Regierungsbunker, in dem sie sich zum Endkampf einrichten.

Clever komprimiert
Nicht fehlen in der Mixtur (ja, es kommen noch mehr Referenzen!) dürfen die „großen Alten“ von Lovecraft, denen Snyder und Albuquerque ebenfalls ihren Auftritt verschaffen.
Auch hier schlägt der Comic herrlich über die Stränge, indem er eine Cthulhu-Gestalt als fünfarmigen Tentakel-Predator darstellt, der sich alle fünf Gegner gleichzeitig greifen kann.
Was hätte H.P. dazu gesagt?!

So zündet der Comic Seite pro Seite seine kessen Ideen, die man alle einzeln für sich schon gesehen hat – doch niemals in dieser atemberaubenden Bündelung.
(Halt, nicht ganz. Jugendliche in einer postapokalyptischen Welt kämpfen gegen übermächtige Monster? Beim zweiten Durchgang fühle ich mich an Snyders Schwesterserie NOCTERRA erinnert, auch nicht übel, die gibt’s auf Deutsch bei CrossCult.)
Das Feelgood-Finale (man wagt es kaum zu hoffen) findet wieder im Autokino statt, dem mythischen Ort des Retro-Americana, wo einFilm die Welt rettet!
Das biegen Synder und Albuquerque so schön hin, dass man hinterher glaubt, bereits die Verfilmung des Stoffs gesehen zu haben …
DUCK AND COVER hat mich in seiner überbordenden Art restlos begeistert und befeuert weiter meine Leidenschaft für (und meinen Glauben an) Comics aus den USA.
Ich weiß, meine Lektüre ist speziell und sehr anglophil/ anglophon geprägt.
Das Schöne ist, dass ich mein Lektürespektrum mit Werken aus Frankreich/ Belgien und dem deutschsprachigen Raum erweitere, die mir ganz andere Stile und Themen präsentieren!
Wer tiefer eintauchen möchte in die nuklearen Obsessionen der USA nach dem Zweiten Weltkrieg, der schaue sich die Dokumentation „The Atomic Cafe“ von 1982 an.
Im letzten Drittel präsentiert das Werk auch „Duck and Cover“ – und ließ mich damals als Schüler ungläubig auflachen. So naiv (aber auch irgendwie „hands-on“) sind Amerikaner!
Jetzt freut es mich, dass dieses Thema noch einen witzigen Comic hervorgebracht hat. Hier noch der Link zur Verlagsseite bei Dark Horse Comics; kuriose Falschinformation allerdings: Es handelt sich um vier Hefte, nicht nur drei.
Also kommen Sie unter dem Tisch hervor und besorgen Sie sich im Netz oder im Fachhandel diesen Comicband.
Ich habe noch ein Reel dazu erstellt, nachdem der Tintenfisch losgelassen hatte.