Was ist denn hier kaputt?
Der Ausnahmesportler Jesse Owens bekommt eine Graphic Novel – und die beginnt mit einem Kater als Erzähler, der im Folgenden zu Jesses imaginärem Freund Essej wird?!

Essej ist Jesses Totemtier, Schutzengel und Trainer. Als der Junge von einer Schlange gebissen wird und im Koma liegt, vertreibt Essej den Sensenmann, saugt das Gift aus der Wunde und scheucht ihm die Tiere des Hofes auf die Fersen, damit er laufen lernt.
Das wird in diesem Comic wortwörtlich zum „running gag“: Der kleine Jesse wird von allem gejagt, was wir uns vorstellen können – von einer Maus, von einer Gans, von einer Ziege, von einem Pferd.

Später noch von einem Krokodil, von einem Bären, von einer Büffelherde!
JESSE OWENS – DES MILES ET DES MILES besteht geradezu darauf, uns alles zu präsentieren, was wir mit dem Themenkomplex „ländliche USA/ Westen“ assoziieren.
Das dient selten dem Fortkommen der Handlung und ist natürlich redundant wie die Hölle, aber will ich diesem Künstler verbieten, uns auch noch eine irrwitzige Hatz durch einen Zirkus draufzupacken?!
Die darin gipfelt, dass wir als Betrachter an einer Pyramide von zehn gestapelten Elefanten vorbeilaufen? Glauben Sie nicht?


Die Bildgewalt von Zeichner Gradimir Smudja ist nicht zu leugnen. Er schwelgt mit deftigen Farben in detailverliebten Panels und Tableaus und verfolgt einen fast fotorealistischen Ansatz, den er dennoch mit gezielten Überzeichnungen (oft von Gesichtern) konterkariert.
(Und mal davon abgesehen, dass es eine solche Elefantenpyramide garantiert nicht gibt!)
Fragt sich, was er uns mit seiner Kunst serviert.
Und das ist die reine Aufschneiderei. Smudja erzählt uns einem vom Pferd, dass sich die Hufe biegen!
Den erwähnten tierischen Eskapaden folgen nämlich noch ein monströser Tornado, eine Heuschreckenplage, eine Eisenbahnverfolgungsjagd sowie der Überfall eines Ku-Kux-Klan-Kommandos auf die heimische Siedlung.
Gefolgt von einer verstörenden Szene der „Heilen Welt der Weißen“: Der Klansmann kommt zum Abendessen nach Hause.
Das hab ich so noch nicht gesehen, bringt aber perfekt die Selbstgefälligkeit der privilegierten Klasse rüber:

Bilderbuch des Schreckens und der Schönheit
Ich denke, wir sollten JESSE OWENS – DES MILES ET DES MILES als bunte Bilderbögen einer versunkenen Zeit betrachten.
Auf diesen Seiten möchte Smudja uns entführen in die Mythologie dieser eigenartigen „Vereinigten Staaten“, die nie wirklich vereinigt waren.
Die Pionierleistung der Eroberung und des Aufbaus, ausgetragen auf dem Rücken der verschleppten Afrikaner, gespiegelt in der Herrlichkeit und Weite der amerikanischen Landschaft.
So finden sich im Buch idyllisch anmutende Panoramen der Baumwollpflückerei auf den Feldern, der Zwangsarbeit beim Eisenbahnbau und auch der Bandenkriminalität der 1930er-Jahre. Hier ist wirklich alles drin, und alles sieht schön aus.

Halbe Sachen machen
Was man dem Werk vorwerfen kann: Die erste Hälfte von 120 Seiten ist ein Schelmenroman, die zweite dann seriöse Biografie.
Die letzte Verfolgungsjagd (und die längste im Buch) ist die mit einem Streifenpolizisten – und die endet auf den Stahlträgern einer Hochhauskonstruktion.
Damit referenziert Smudja ein weiteres USA-Klischee, nämlich die bekannte Fotografie von den Mittagspause machenden Bauarbeitern im Himmel über New York (die hat sogar ihren eigenen Wikipedia-Eintrag).
Der Polizist entpuppt sich als Larry Snyder, ebenfalls Läufer und Trainer an der Universität von Ohio. So konstruiert Smujda Jesses Eintritt in die Welt des Sports.
Und dieser Comic kriegt endlich die Kurve, uns Fakten über Owens‘ Karriere zu vermitteln.

Der begabte Läufer bekommt ein Stipendium an der Ohio State University, kann seine Familie nachholen, lernt seine zukünftige Frau Minnie kennen, wird zum ersten Mal Vater – und muss als solcher übernächtigt und mit Hexenschuss zum Wettkampf antreten.
Fakt ist, dass dieser 25. Mai 1935 in die Sportgeschichte eingeht. Denn Owens stellt an diesem Tag gleich mehrere Weltrekorde auf: 100-Meter-Lauf, Weitsprung, 200-Meter-Lauf und 200-Meter-Hürdenlauf.
(Wer mehr darüber wissen möchte, kann auf „Spiegel Online“ einen Artikel einsehen.)
Aber wer weiß, ob es sich so zugetragen hat, wie Smudja uns das illustriert:


Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin
Was uns aber interessiert, sind die Olympischen Spiele von 1936, von den Nazis als Propagandashow inszeniert.
12 Seiten erhält diese Episode, die als komischer Höhepunkt des Werks gelten darf. Wie Smudja in drei Breitbandbildern Owens als Beobachter einer Führer- und Truppenparade zeigt (und im Anschluss als selbstbewussten Sportler), das schafft Kontext und zugleich die Absage an die arische Rassentheorie.

Es folgen die überragenden Leistungen des Sportlers, gegengeschnitten mit einem entgeisterten Hitler, dem der Kopf schwirrt.
Auch Reichsfilmerin Leni Riefenstahl bekommt ihr Fett weg – in dieser Sequenz, in der sie den deutschen Owens-Konkurrenten Luz Long beim Wettkampf filmt.
Long springt einen neuen olympischen Rekord (den Jesse dann überbietet), aber Riefenstahl ist für ihre Kunst noch weiter gesprungen:

Als Owens nach New York zurückkehrt, bereitet man ihm auf der Straße einen triumphalen Empfang, der rasch verfliegt.
In den USA gilt weiterhin Rassentrennung und der Champion muss über den Lieferanteneingang zur festlichen Sportgala.
Präsident Roosevelt ist im Wahlkampf, will seine weißen Wähler nicht irritieren und ignoriert Owens komplett. Kein Treffen, keine Grußworte, nicht mal ein Telegramm. Das hat den guten Mann verständlicherweise schwer getroffen.
Die folgenden Jahre werden schnell abgehandelt, ich buchstabiere das nicht aus, will aber noch die Rehabilitation durch Präsident Ford 40 Jahre später erwähnen.
Die Passage gerät zu einer erhebenden Szene, immer konterkariert durch Smudjas humoristische Illustration: das olympische Aquarium, der zu klein gewordene Galaanzug, das kuriose Fitnesstraining.
Owens hadert mit der Entscheidung, zur Ehrung nach Washington zu fahren und muss sich erst wieder in Form bringen:


Vor über einem Jahr schrieb ich über ein älteres Werk von Smudja (MAUSART) und spekulierte noch auf ein Erscheinen des hier besprochenen Comics.
Wieder einmal bin ich verwundert, dass deutsche Verlage eine solche Lizenz liegenlassen. Diese Graphic Novel ist eine originelle Prominenten-Biografie mit Deutschlandbezug und scheint mir durchaus Chancen auf dem Markt zu haben. Ist nicht passiert.
(Dabei sind Smudjas Künstlerbiografien über van Gogh und Toulouse-Lautrec bei Carlsen verlegt worden.)
Vielleicht liegt es an den wenigen Seiten, die die Grausamkeiten der Sklaverei und des Ku-Kux-Klan illustrieren. Hatte man Angst, das käme schief rüber: zu schön, zu witzig, zu kitschig?!
Glaubt man, Autor und Zeichner Smudja lasse den „nötigen Ernst“ vermissen?!
Ich finde, gerade seine märchenhafte Präsentation schließt einen neuen Zugang zum Thema auf.
Zu Tode geflunkert
Allerdings geht der Künstler bis zum Schluss höchst unseriös mit seinem Subjekt um. Im Comic stirbt Owens an einem Schlangenbiss, der ihn im Stadion des Ohio Athletic Club ereilt.
Totaler Quatsch: Owens erliegt im Alter von 66 Jahren einem Lungenkrebsleiden – weil er sein Leben lang Kette geraucht hat!
Das kehrt Smudja unter den Tisch, wir sehen seinen Jesse niemals an einer Zigarette ziehen. Zu profan ist dieses Ende, lieber bleibt der Comic bei seiner Naturmystik, mit der er schon begonnen hat.
Genau genommen endet der Comic mit einem sechsseitigen Epilog, der dem Kater Essej gehört: Höchst rührend werden Leben und Leistung des Jesse Owens nochmals zusammengefasst.
Auf dieser Seite hat der Kater den Blues: Rassismus unter schwarzen und weißen Tieren.

Zum Schluss liefere ich noch den Link zur Verlagsseite (mit Leseprobe) sowie ein Reel von mir auf Instagram. Dort kapriziere ich mich hauptsächlich auf die Berlin-Geschichten, das wird Sie interessieren.
An dieser Stelle bitte ich um Verzeihung, dass meine Webseite nicht immer Produkte vom deutschsprachigen Markt zeigt. Meiner Meinung nach sind die hier vorgestellten englischen und französischen Werke einfach so interessant, dass sie Aufmerksamkeit verdienen.
(Ich habe mal gezählt, was 2025 bei mir zu finden war: 33 deutsche Publikationen, 13 englische und 3 französische. Und ich darf verraten, dass ich für 2026 aus dem frankophonen Raum schon weitere Comics auf der Liste habe.)
