Flattert ins Finale: PLASTOK 3

Befremdlich finde ich, dass wir unsere Hauptfigur (Bug die Blattlaus) erst auf Seite 44 von 72 wiedersehen. Dann allerdings hat sie einen fulminanten Auftritt.

Bis dahin ergeht sich der Comic ausgiebig in der Auflösung des Verbrechens aus Band 1: Hohepriesterin Anasta war vergiftet, Bug die Schuld dafür in die Schuhe geschoben worden.
Samuraibiene Musha und Hermione, die neue Hohepriesterin, ermitteln gemeinsam mit Ameisengeneralin Regula.
Mehrere Figuren geraten ins Visier (und der tatsächliche Tathergang wird sich als ungewöhnlich erweisen).

© für alle Abbildungen: Maud Michel, Nicolas Signarbieux / Splitter

Ich war verblüfft, dass PLASTOK seinen Schwerpunkt dorthin verlegt, denn mir war der kriminalistische Plot herzlich egal.

Mir gefielen die originellen Interaktionen mit immer neuen Insekten und die Aufschlüsselung des Kastenwesens zwischen Ameisen, Bienen und den zahlreichen „Schädlingen“ wie Mücken, Fliegen und Läusen.

Das bedient der zweite Handlungsstrang: Die Schmetterlingspiratin Blackwings und die Gottesanbeterkriegerin Sagawa führen ihre Armee der Unterschicht in die Schlacht gegen die Unterdrücker.

Ameisen, Käfer, Schmetterlinge und Bienen haben sich mühsam zusammengerauft, um der Bedrohung gemeinsam entgegenzustehen.

Der Gegenpol zur Krimigeschichte ist die Kriegslüsternheit von Blackwings, die als Verstoßene ihrer Herkunftsfamilie eine Rechnung mit der Schmetterlingsaristokratie zu begleichen hat.

Ich finde es putzig, mit welchem Ernst Zeichner Nicolas Signarbieux seine Charaktere inszeniert. Sagawa, Blackwings und ihre Verbündeten beratschlagen die Strategie und werden in bedeutsamen Nahaufnahmen gezeigt.

Und dann schneiden wir in Ganzkörperansicht auf einen aufgeregten Boten, der die Zeltplane wegreißt und Alarm gibt, als sei er Statist in „Rome“ oder „Game of Thrones“ – und ist doch nur eine ulkige Heuschrecke, die mit ihren vielen Extremitäten dieses dramatische Bild ins Komische kippt. Finde ich jedenfalls:

Die beiden Armeen bringen sich in Stellung und wollen gerade aufeinander losgehen – da erscheint Bug wieder auf der Bühne und gebietet den Hitzköpfen Einhalt.

So viel darf ich verraten, weiteres aber nicht mehr. Denn ab da geht es um alte Rechnungen und Loyalitäten, die auf die Probe gestellt werden.

Bug kommt mit einer Mission, die das Schicksal der Insektenwelt umkrempeln wird. Dazu bedient Bug sich eines lustigen biologischen Tricks, der wunderbar in die heitere Stimmung von PLASTOK passt …

Alle Figuren kommen zu ihrem Recht und ganz zum Schluss erhalten wir noch einen ironischen Verweis auf die letzten Menschen, die an ihrem Plastikscheiß erstickt sind.

Einmal in diesem Artikel möchte ich sie zeigen: Bug und Sagawa!

Tatsächlich werden die vielen Fragen, die ich mir im zweiten Band zum Finale gestellt habe, beantwortet: Schade allerdings, dass wir von Käfern, Schmetterlingen und Bienen so wenig sehen!

Wo ich jedoch eine Leerstelle empfinde, ist der Mythos des Plastiks.
Der ist mir in allen drei Alben zu kurz gekommen.

Also: Es gab Menschen, die haben Plastikmüll hinterlassen. Die Insekten erinnern sich an die Menschen und halten sie für Götter, die den Planeten verlassen haben.
Zurück bleiben ihre zahlreichen Artefakte aus Plastik, von den Insekten als „Plastok, Schatz der Götter“, verehrt.

Eine Handvoll Plastikpüppchen steht im Palast der Ameisen, sonst sehen wir aber nirgendwo weiteres Plastik. Warum eigentlich nicht? Hätten Mikroplastik-Teilchen nicht eine originelle Währung sein können?
Weshalb setzt kein Goldrausch ein, als die Existenz der Plastikinsel bekannt wird? Weil nur Bug davon weiß und die Piraten kurz vorher umgekehrt sind? Warum sind die Piraten umgekehrt, wo sie doch auf Kurs darauf waren?

Das einzige Panel mit Plastik auf 68 Seiten: ein Tempelchen mit Playmobil-Säulen.

Mir ist bewusst, mich an einer Nebensächlichkeit aufzuhängen. Muss nicht Ihr Problem sein!

Verschenktes Potenzial?

Mein Problem mit PLASTOK ist ein Luxusproblem: Ich finde das Konzept so schön, dass ich mir viel mehr gewünscht hätte!
Das hätten fünf Bande sein dürfen – und dafür hätte uns Autorin Maud Michel noch ausführlich erzählt, wie es Bug im unfreiwilligen Exil auf der Plastikinsel ergangen wäre.

Ich hätte mir kleine Nebenhandlungen gewünscht (ja, mit Käfern, Schmetterlingen und Bienen). Was wurde aus der Familie von Blackwings? Was ist die Backstory von Musha?

Ist nicht passiert, weil jedes weitere Album heutzutage ein verlegerisches Risiko ist. Der Markt ist international so angespannt, dass eine neue Serie per se gewagt ist. Lässt man sich auf ein solches Experiment ein, muss es flott gehen.
So erkläre ich mir, dass man beim Originalverlag Glénat den Sack mit Band 3 zumachen wollte.

Trotz allem bin ich dankbar für PLASTOK. Begreifen wir es als Serie, zu der man sich noch Teile denken und in der eigenen Fantasie Figuren fortspinnen kann. Das ist ja eine Leistung in sich, die nur wenige popkulturelle Produkte in uns auslösen.

Danke an Splitter natürlich für die Aufnahme der Lizenz, hier der Link zur Produktseite.
Ebenfalls präsentiere ich im Instagram-Reel noch schöne Kompositionen.