Ein Märchen von Gemeinschaft: SCHLOSS DER TIERE (1-4)

Es war eine kleine Sensation, als der erste Band vor fast sechs Jahren herauskam. Ein 27-jähriger Franzose namens Félix Delep debütierte im Comic mit einem Artwork, dass wirklich allen die Sprache verschlug.

Seine atmosphärischen wie plakativen Illustrationen, die in ihrer Figurenzeichnung einen subtilen Esprit transportieren, begeisterten die Fachwelt – und tun es bis heute.
Das will ich jedenfalls hoffen, denn bei einer vierteiligen Serie reißen die Rezensionen nach Band 2 ab, und es wurde still um das SCHLOSS DER TIERE.

Der abschließende Band 4 erschien Mitte Dezember 2025, darum freue ich mich, heute eine Gesamtbesprechung (nach all den Jahren) präsentieren zu dürfen. So etwas passiert viel zu selten, ist auch angesichts des Aktualitätsdrucks schwer zu leisten.
Da ich jedoch hier mache, was ich will (und selten auf Aktuelles gehe), kann ich ein Fazit veröffentlichen, das dem Werk gerecht wird.

Und ich darf vorausgreifen: Großes Kino, moderner Klassiker!

Klassiker ist unser erstes Stichwort, denn SCHLOSS DER TIERE bezieht sich auf George Orwells FARM DER TIERE von 1945. Das habe ich nie gemocht und ich behaupte, Autor Dorisons Neufassung (die sich einiger Versatzstücke aus dem Roman bedient!) greift weiter aus als Orwells plumpe Antistalinismus-Parabel.
Alle Tiere sind gleich, aber manche sind gleicher.“ – Ja, ja, bra, bra. Die Metapher ist nicht falsch, kommt mir aber zu den Ohren raus.

SCHLOSS DER TIERE vermeidet solche Schwarzweiß-Zeichnung der Gesellschaft.
Auch hier regiert eine kleptokratische Oberschicht, auch hier unterdrückt eine brutale Miliz die Tiere – doch die Rollen fluktuieren und die geschilderte Gemeinschaft durchläuft Prozesse, die allgemeingültig für jede Form der Autokratie beschrieben werden können.

Der Comic beginnt (noch analog zur FARM) mit der Exekution einer widerständigen Henne durch die Hundemeute. Zugleich werden uns wichtige Figuren vorgestellt: der Regierungssprecher-Hahn, die nur Nummern tragenden Hunde (darunter die Anführer Nr. 1 und Nr. 2), der Ziegenbock Gorn, die Katze Miss Bengalore und die Gans Margerite.

© für alle Abbildungen: Delep, Dorison / Splitter

So funktioniert die Welt des Schlosses: Der Stier Silvio und seine Kuhdame Bella residieren im Herrenhaus, bedient von zwei Schweinen und beschützt von einem Dutzend Hunden.
Silvio und sein Gefolge laben sich an Menschennahrung, die regelmäßig vom benachbarten Bauern heimlich geliefert wird. Dafür erhält der Mensch kostbare landwirtschaftliche Produkte wie Eier und Gemüse, Wolle und Fleisch.
Die Lebensmittel werden von den arbeitenden Tieren (den Hühnern, Enten, Ziegen, Schafen, auch Kaninchen und Katzen) im Speicher des Schlosshofs gelagert – im Glauben, es komme der herrschenden Schicht und auch ihnen selbst zugute.

Die Tiere wissen nichts vom Bauern und werden von Silvio und seiner Bande für dumm verkauft. Auch macht man sie glauben, draußen herumstreunende Wölfe seien für die Rationierung der Nahrung sowie das Verschwinden einiger Tiere verantwortlich.

Alles Propagandalügen, um die Macht der Rinder und Hunde zu festigen und die kleinen Tiere gefügig zu halten. Die müssen schuften und leiden Hunger.

Hier sehen wir weitere wichtige Figuren: Die schlaue Katze Miss Bengalore hat die Ratte Azelar vor den Hunden gerettet und versteckt sie in der Scheune. Azelar kennt die Welt außerhalb des Schlosses und öffnet den Tieren die Augen für ihre Unterdrückung.

Wer hier in Lachen ausbricht, ist der charmante Hase Cäsar, der zum Verbündeten von Miss Bengalore wird. Gemeinsam mit Azelar schmieden sie Umsturzpläne!

Nicht immer jugendfrei 

Sehr hübsch finde ich, dass diese Tierwelt nicht verkitscht daherkommt.
Es sind zwar süße Tierchen, aber die haben ihre allzu menschlichen Anwandlungen, kicher.

Der Stier muss seine Frau bei Laune halten, die Hunde sind teilweise sadistisch, der Hahn ist ein widerlicher Mitläufer und der Hase verdient seinen Lebensunterhalt als Gigolo!

Cäsar ist der Arbeitsverweigerer, der Lebenskünstler, der Nacht für Nacht eine Warteschlange von Kaninchendamen sexuell befriedigt – und diese Leidenschaft aufgeben wird für die Revolution und auch als Erzieher der Kätzchen von Miss Bengalore.

Denn die muss tagsüber Steine schleppen und einen Turm für die Herrschaften errichten helfen. Solange sind ihre Kinder Thea und Clea in Cäsars Obhut. Ein Arrangement, das ihr immer wieder Kopfschmerzen bereitet.

Doch der keimende Widerstand verlangt viele Opfer, auch das der Gans Margerite. Die wird eines Tages frech zu den Hunden und führt einen Aufstand der Hungernden an.
In einem furchtbaren Massaker sterben ein Dutzend Tiere, allen voran Margerite, deren zerfetzter Leichnam zur Abschreckung ans Schlosstor genagelt wird.

SCHLOSS DER TIERE ist kein Kuschelcomic!

Gut so, damit gerät Silvios Reaktion zur kalten Demonstration seiner Macht. 

Pompöser Auftritt des Herrschers: Beachten Sie Zeichner Deleps gekonnte Inszenierung durch die wirksam gewählten Kameraperspektiven.

Systemsprengen mit Flower Power

Als Azelar den Tieren in der Scheune ein Theaterstück über Indiens Befreiungskampf unter Gandhi vorspielt, ist der Same der Revolution gesät und das Programm vorgegeben.

Gewaltfrei und mit Humor will man die Hunde verwirren und den tyrannischen Präsidenten bloßstellen.
Symbol des Widerstands wird die Margeriten-Blume, in Gedenken an die tapfere Gans. Nachts pinseln die Tiere das florale Symbol auf die Mauern und Tore. Eine Aktion, die die Hunde nicht bestrafen können.

Silvio verbietet die Graffitos, spricht erneut zu den Tieren und fordert sie offen heraus. Wer ihn stürzen wolle, müsse ihn in der Kampfarena besiegen. Natürlich weiß er, dass das nicht geschehen wird.

Was er nicht ahnt, ist, dass Azelar und Miss Bengalore einen nächsten Streich vorbereitet haben. Ein Regen von Blättern, mit Margeriten bemalt, geht auf den Stier nieder.

Ein Etappenerfolg für unsere Revolutionäre, wenn auch nur symbolhaft. Und so endet Band 1: Die Tiere sind aus ihrer Lethargie erwacht und stellen die Verhältnisse infrage. Doch die Macht liegt ungebrochen bei Silvio und seiner Garde. 

Die Figuren sind aufgestellt und werden im nächsten Album vertieft.

Erstaunlich detailliert und kleinteilig geht es nun um Aktion und Reaktion.

Die Tiere schleichen nachts herum und treiben Schabernack mit einem Eimer, der mit Silvios Konterfei bemalt wird – das Schloss zwingt ihnen ein Halsband mit Glöckchen auf, um sie jederzeit lokalisieren zu können.

Die Tiere malen eine riesige Blume in den Schnee – das Schloss erhöht die Preise für Feuerholz, das die Tiere den Hunden abkaufen müssen, um sich im Stall warmzuhalten.

Unter Leitung von Miss Bengalore formulieren die Tiere einen Forderungskatalog (mehr Nahrung, kostenloses Feuerholz) und schwören gemeinsam gewaltfreien Widerstand.
Silvio geht darauf nicht ein, sondern berät sich mit Bella und den Hunden Nr. 1 und Nr. 2, wie man die Tiere bestrafen kann.

Die aber ertragen die Kälte und stehen Mahnwache vor dem Schloss. Zur Hebung der Moral parodiert Cäsar den Stier und Thea und Clea machen (Katzen-)Musik!

Die Hunde sind Zeugen dieses antipräsidialen Frevels und brennen zur Vergeltung die Scheune nieder. Jetzt frieren die Tiere noch mehr, doch sie bewahren Ruhe – selbst als Gorns Ziegenfrau Bernadette beim illegalen Feuerholzsammeln erwischt und totgebissen wird.

Und während Gorn resigniert, stellen sich die Tiere erneut trotzig zur Mahnwache unter Silvios Fenster auf.
Drinnen entwickeln Silvio und Bella mit den Hunden und eine neue Strategie der scheinbaren Annäherung und minimaler Zugeständnisse:

Miss Bengalore trifft Silvio zur Verhandlung, bleibt jedoch standhaft und beharrt auf den erhobenen Forderungen: Ohne die Arbeitskraft gesunder Tiere ginge schließlich das gesamte Schloss bankrott.

Und als das Brennholz zu Ende geht, frieren auch die Hunde in ihren Zimmern.
Hier sehen wir Nr. 2 und seine Familie, der Miss Bengalore das Angebot macht, zu den anderen Tieren in die Scheune zu kommen und sich gegenseitig zu wärmen.

Doch die Hunde halten weiter zum Regime. Diese Einstellung rächt sich bald, denn Nr. 2 heckt einen perfiden Plan aus: Silvio verkündet die Kostenfreigabe des Feuerholzes und zugleich opfert er seine Nr. 1 als Sündenbock für die Repressalien der letzten Wochen!

Entsetzt muss Miss Bengalore mit ansehen, wie die Tiere Nr. 1 lynchen und ihren Blutrausch ausleben.

Das Dogma von der Gewaltfreiheit ist damit vorerst gescheitert und die Macht des Stieres weiterhin stabil.

Band 3 eröffnet mit einer tollen Finte: Wir bekommen einen ersten Einblick in die Hintergrundgeschichte von Silvio!

Das ist genial, denn es wäre Orwell-einfach gewesen, die Bösen einfach nur böse zu zeichnen.

Nein, der Stier ist vor Jahren (als das Schloss noch unter dem Kommando des Hundes Napoleon stand) selbst geknechtet und mit denselben miesen Terror-Methoden schikaniert worden, die wir bereits mit dem bestehenden Regime kennengelernt haben.

Insofern reproduziert Silvio nur die Muster, die er selber erlitten hat. Das ist keine Entschuldigung für sein Verhalten, verleiht dem Comic aber Tiefe.

SCHLOSS DER TIERE erstarrt niemals in seinen Positionen, sondern lotst seine Figuren durch dramatische Entwicklungen, die ihre Spuren hinterlassen.

Der Preis der Freiheit

Miss Bengalore wird von ihrer Rolle als Kopf der Revolte so vereinnahmt, dass sich ihr die Kinder Thea und Clea entfremden.

Azelar motiviert Miss Bengalore, die Idee des gewaltfreien Widerstands fortzuführen. Gemeinsam mit allen formuliert sie einen erweiterten Forderungskatalog, der nun auch Selbstbestimmung und freie Wahlen enthält.

Der traumatisierte Gorn protestiert und glaubt nur an blutigen Umsturz, doch es entsteht der Plan, die Hunde ins Visier zu nehmen und für die gemeinsame Sache zu gewinnen.

Silvio versucht ein Attentat auf Miss Bengalore, doch die Tiere sind vorbereitet und erteilen den Hunden eine Lektion, indem sie sich schützend vor die Katze stellen und keinen Gegenangriff einleiten.

Das Schloss reagiert mit neuen Repressionen: Die Rädelsführer der Revolution werden ein paar Tage in den Kerker geworfen, doch die anderen Tiere lassen sich davon nicht entmutigen oder provozieren. Sie unterstützen sich gegenseitig und trainieren Geduld.

Schließlich kommt es zur Konfrontation in Form eines Generalstreiks, der alle betrifft. Als die Tiere die Erntearbeit verweigern, gehen die Vorräte für alle zuneige.
Als selbst Silvio der Champagner ausgeht, überredet ihn Bella dazu, Wahlen zuzulassen. Die man natürlich manipulieren sollte …

Auf diesem demokratischen Cliffhanger endet Band 3. Vom Finale in Band 4 möchte ich jetzt nicht allzu viel verraten.

SCHLOSS DER TIERE beweist in den einleitenden Passagen auch seine komischen Qualitäten: Bella und Silvio starten eine Charme-Offensive, geben sie „volksnah“ und schleimen sich mit Wahlgeschenken und Versprechungen bei den Tieren ein!

In Silvios Worten: „Ich will, dass man mich liebt … oder alle kriegen es mit mir zu tun.“

Der Stier flunkert schamlos das Blaue vom Himmel herunter und würzt seine Märchen noch mit der Phantombedrohung durch die Wölfe.

Und die Tiere möchten natürlich glauben, was sie da hören.

Als die Regierung die Revolution mit den eigenen Mitteln zu schlagen droht (kostenlose Kita und abendliches Propaganda-Theater gegen die Wolfsgefahr), geht Miss Bengalore, Cäsar und Azelar die Puste aus.

Im Hintergrund werden zudem Intrigen gesponnen, zwischen Silvio und Nr. 2, zwischen Bella und Miss Bengalore, zwischen den Tierkindern untereinander.
Die Geschehnisse spitzen sich zu und Azelar unternimmt eine Expedition ins Schloss, um die Machenschaften des Stiers zu entlarven …

Die Wahlen werden abgehalten, die Tiere geraten kollektiv in Gefahr und Silvio kontaktiert den Bauern.

Mach mir den Bauer

Die Sache mit dem Bauern ist der logische Haken im ganzen Konzept, FARM wie SCHLOSS.
Das ist nicht erklärbarer Unfug. Tiere können nicht auf dieser Ebene (wirtschaftliche Beziehungen und Handel) mit Menschen interagieren.

Doll genug, dass die Tiere untereinander kommunizieren können!

Diese Prämisse ist komplett fantastisch, gehört aber zum „Wordbuilding“ der Fabel.
Es muss diese Außenwelt als motivatorischen Faktor geben … oder auch nicht?

Gerade der Comic vollzieht ja das Kunststück, den FARM-Stoff nur unter Tieren erzählen zu können. Orwell brauchte die Menschen als Anspielpartner, damit seine Tiere sich diesen angleichen und ihre Natur ändern können.

Dorison und Delep hingegen wickeln das Drama intern ab und möchten eine andere Aussage treffen. Ihre Tiere transformieren sich nicht äußerlich, sondern innerlich.

SCHLOSS DER TIERE hätte sich auch ohne menschliche Beteiligung erzählen lassen. Ich verstehe die Absicht dahingehend, dass das Kreativteam ganz bewusst eine Umschreibung der FARM präsentieren wollte.
Hat den  Vorteil, dass das Publikum einen Anker findet – und wahrscheinlich haben auch PR-Überlegungen eine Rolle gespielt.
Die Anlehnung an das Vorbild ist ein cleverer Mechanismus, um sowohl Aufmerksamkeit als auch Anbindung zu generieren.

Wir alle verstehen augenblicklich, worum es geht und sind in der Materie drin, ohne selbst die Parallele zur FARM denken zu müssen.

Also: Der Bauer ist mit von der Partie – und wird ebenfalls Zeuge des passiven Widerstands.

Autor Xavier Dorison (in Deutschland bekannt für UNDERTAKER, LONG JOHN SILVER, DAS DRITTE TESTAMENT, 1629 und ARISTOPHANIA) gelingt ein packendes Skript, das mich wirklich mit den Figuren mitfiebern ließ (geschieht nicht oft).

Alle seine tierischen Protagonisten haben ihren eigenen Charakter, sind nicht festgelegt auf ihre Rollen, sondern zeigen glaubwürdige Entwicklung und werden auch alle über 250 Seiten lang ihrer dramaturgischen Funktion nach gut eingesetzt.

SCHLOSS DER TIERE ist eine Fabel im besten Sinne, die Tiere sind wie wir Menschen (Binsenweisheit 1).  
Im Vergleich zur FARM DER TIERE ist dieser Stoff zeitloser und frischer (Binsenweisheit 2).
Na, logisch, ist ja auch verlagslieferbar bei Splitter!

Übrigens: Aller guten Binsenweisheiten sind drei: Gerade heute erfreut eine solche Erzählung von Zusammenhalt und positiver Utopie!
Und weil es so schön ist, widme ich diesem Comic die ganze Woche lang pro Band ein Reel, um auch das grandiose Artwork von Félix Delep würdigen zu können.

Reel 1: Miss Bengalore

Reel 2: Margeriten im Winter

Reel 3: Die Nacht der Gerechten

Reel 4: Das Blut des Königs

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