Die Hölle, lauwarm: WILLKOMMEN IN PANDEMONIA

Der Pitch zu diesem Comic ist super, der Pitch verkauft sich von selber, der Pitch ist der Grund, weshalb dieser Band auf Deutsch erscheint:

„Der weltberühmte Coach für Selbstoptimierung Ismael Posta kommt nach dem Tod selbstverständlich in die Hölle. Auch hier geht man mit der Zeit und bestraft neue Tat­bestände wie Spamschleudern, Grooming, Ghosting sowie grenzwertiges Crowdfunding mit jeweils angemessener Folter. Doch ein Mega-­Influencer und Erfolgs­-Guru lässt sich so leicht nicht unterkriegen. Schließlich kennt ein guter Coach für alles die richtige Antwort!“

Selbstoptimierung ist am Puls der Zeit, Influencer-Tum ist ungebrochen eine Macht – wie auch die Schadenfreude, solche Menschen fallen zu sehen!

© für alle Abbildungen: Agrimbau, Ippoliti / schreiber & leser

Parallel zur Ankunft von Herrn Posta stellt man uns die Bürokratie in der Hölle vor und die ist wahrlich infernalisch.

Höllenfürst Luzifersteckt in einer ewigen Warteschleife mit dem Herrgott und ist zur Passivität verdammt. „Von oben“ erreichen ihn andauernd neue Regeln für die Zuordnung der Menschen nach ihrem Ableben, aber Luzifer weiß nicht, wie er darauf reagieren soll.

Sein Vorstand um die teuflischen Kollegen Belial, Mammon, Asmodeus und Beelzebub ist beunruhigt angesichts der Überforderung der folternden Dämonen, die immer mehr Überstunden machen müssen.

Und während in der Führungsetage der Aufruhr gegen Luzifer gärt, machen die arbeitenden Dämonen den verstorbenen Ankömmlingen schon Sonderangebote, um ihre eigene Arbeitslast gering zu halten – und selbst die Temperatur der Höllenöfen absenken zu können.

Für mich die lustigste Szene ist diese weichgespülte Hölle, die wir später im Band noch einmal genauer präsentiert bekommen:

Coach Posta lehnt das diabolische Angebot ab und hofft, durch einen Anwalt vertreten zu werden, der ihn aus dem Inferno herauspauken kann.

Das geht gründlich schief, denn der Advokat ist ein desillusionierter Schreibtischbock, der angesichts von Postas Sündenregister alle Hoffnung fahren lässt.

Die Richterin macht daraufhin auch kurzen Prozess und unser Antiheld wird vorbei am Höllen-Spa (wo er von seinen Mitbetrügern verspottet wird) zu den Lavabecken geführt, wo er die Handelsvertreterin von „Herbalight“ wiedertrifft.

Gemeinsam sieden sie im Bade und ich linke Ihnen noch HIER, worauf diese Firma eine Anspielung ist (wenn Sie den Artikel nur kurz überfliegen, scheint der Aufenthalt berechtigt).

Jetzt haben Sie in den Bildbeispielen Ismael Posta kennengelernt und wundern sich vielleicht mit mir, weshalb dieser Bursche in der Hölle so unerschütterlich bleibt.

Ich verstehe es nämlich nicht, was für mich eine Schwachstelle des Werks darstellt.

Keine Sekunde zuckt unsere Hauptfigur irgendwo mal zusammen und lässt sich durch nichts aus seinem Konzept bringen!

The Mindset Rules

Müsste nicht ein derart gewiefter Aufschneider wie Posta in der Hölle doch an seine Grenzen kommen?

Mir ist klar, dass das Konzept des Comics darauf beruht, dass er eben nicht gebrochen wird, sondern die Dämonen belabert, ihn freizulassen und das System zu sprengen.

Einerseits ist das stimmig, andererseits hätte Posta in der Figur der Lusana eine Dialogpartnerin, mit der er Pläne hätte schmieden und erläutern können. Das hätte mir diesen Betrüger nahegebracht.

Erneut ist mir klar, dass es das nicht braucht, ich hätte es nur glaubwürdiger und eleganter gefunden als den Protagonisten sein simples Spiel so ungehindert treiben zu lassen.

Posta ist mir zu sehr Sonnenschein. Und macht dabei immer noch ein Gesicht wie ein Grinsekuchen.
Ich weiß nicht mal, ob mir der Charakter gut oder böse erscheint. Einzig die Auflistung seiner Verfehlungen durch den Anwalt positioniert den Mann als verwerflich.

Auch in folgender Sequenz kann eine Folterspezialistin Posta nicht aus der Ruhe bringen.

Das hat seine Komik, absolut, mir fehlt nur die Fallhöhe, die man durch Vertiefung der Figur hätte schaffen können. So ist dieser Höllensturz kaum mehr als ein Verstolpern auf dem Weg zur nächsten Karrierestufe.

Denn Sie ahnen, was passieren wird, ich werde es teilweise verraten. Posta kann sich aus seiner misslichen Situation herausquatschen, das ist schließlich sein Metier.

WILLKOMMEN IN PANDEMONIA erzählt seine Geschichte aufreizend unaufgeregt, mit einem sachlichen Ton, der mich als Leser protestieren lassen möchte: Bring doch mal Schwung in die Chose!

Anders formuliert: Meine Erwartungshaltung im Lichte der Prämisse (Coach fährt zur Hölle) ist düpiert worden durch die unterspannte Ausarbeitung der weiteren Handlung.

(Für diese mäkelige Kritik komme ich nach meinem Tod in die „Wortspielhölle“, wo ich in alle Ewigkeit altbackene Vokabeln wie „düpiert“, „mäkelig“ und „altbacken“ auf die Zunge tätowiert bekomme, Hilfe!)

Rätselhafte Vögel

Zudem irritiert mich das Auftauchen dreier Todesvögel, die hin und wieder über die Seiten flattern. Die geben manchmal einen Kommentar ab, die führen uns manchmal von einer Szene in die nächste – sind aber definitiv fürs dramaturgische Geschehen überflüssig und kommen mir wie ein Füllerelement vor.

Womöglich kapiere ich da eine Referenz nicht, aber: Was soll bitte eine solche Seite?!

Die Vögel nehmen uns mit vor Gericht, aber warum? Und wieso trinken sie Kaffee?

Rätselhafte Vögel sind auch die beiden Kreativen, die anscheinend zum ersten Mal in Deutschland verlegt werden:

Autor Diego Agrimbau gilt als Erneuerer des argentinischen Comics, ist seit über 30 Jahren im Geschäft und hat mit dem Kollegen Gabriel Ippoliti vor fünf Jahren schon die SF-Parodie PLANETA EXTRA herausgebracht (plus weitere interessante Graphic Novels in Frankreich, s. Link).

Ippolitis Artwork ist in seiner marzipanigen Art speziell, seine feine Arbeit mit Lichtsetzung und Farbverläufen erinnert mich an den ollen Liberatore, der in den 1980er-Jahren mit RANXEROX für Krawall sorgte.

(Es gibt auf YouTube ein lustiges spanisches Video, das sich einer Retrospektive widmet.)

Ähnlich gelagert ist die Kunst eines Fred Beltran, den wir in Deutschland mit MEGALEX und NATHANAËLLE erlebt haben. Der Spanier Das Pastoras ist auch so einer (berüchtig mit seinen SCHWARZE OHREN-Comics bei Arboris und dem „Metabarone“-SpinOff CASTAKA bei Splitter). Egal.

(Müssen Sie jetzt nicht verstehen, ich amüsiere mich nur gerade selber über diese grafische Erblinie.)

Jedenfalls finde ich diesen Look sehr attraktiv, weil der leichte 3-D-Effekt dieses Stils seinen Charakteren eine ungeheure physische Präsenz verleiht, die eine gewöhnliche Line-Art nicht transportiert bekommt.

Die Revolution beginnt: Posta agitiert die arbeitenden Massen und findet auch Gehör beim höllischen Vorstand.

Fazit: WILLKOMMEN IN PANDEMONIA sieht richtig schick aus, doch die Handlung wartet mit keinerlei raffinierten Wendungen auf – und die Figuren sind zu flach, um mein Interesse zu wecken.
Mein Windelweich-Urteil lautet daher: nett.

Zum Schluss wie üblich ein Link zur Homepage von schreiber&leser sowie ein höllisch wackliges Reel auf Instagram.