DER TOD IN VENEDIG von Susanne Kuhlendahl

Bestes Beispiel dafür, dass ein Comic funktionieren kann, auch wenn der Rezensent den Zeichenstil nicht mag. Aquarellmalerei in dieser Ausführung und in diesen Farbtönen ist zum Beispiel nicht mein Ding.
Auch operiert Kuhlendahls Kamera fast ausschließlich mit Totale-Halbtotale-Großaufnahme. Ich hingegen bin ein Freund fliegender, springender, kippender Kamera. Damit ist hier Essig.
(Man bedenke aber auch, dass wir einen Klassiker der Hochkultur vor uns haben, allzu wild sollten wir es nicht mit solchen treiben …)

Das gebremste Artwork ist also kein falscher Ansatz, zudem Kuhlendahl andere Tricks zur Verflüssigung des Stoffs aufbietet.

Doch zunächst einen Blick auf die Handlung. Worum geht es?

Den gefeierten Schriftsteller Gustav Aschenbach, eine ältliche und verklemmte Type, verschlägt es auf einen Urlaub nach Venedig. Konfrontiert mit der fremden Umgebung und italienischer Lebenslust, bricht etwas in ihm auf: Aschenbach schwärmt immer hemmungsloser für die jugendliche Hotelbekanntschaft Tadzio.
In seinen Fantasien gibt sich der Literat einer homosexuellen Neigung hin; er verlängert seinen Aufenthalt, obwohl eine Cholera-Epidemie die Stadt heimsucht. Unfähig, sich von seiner Schwärmerei loszureißen, ist Aschenbach am Ende „tot in Venedig“.

Aschenbach grübelt darüber nach, ob der Jüngling Tadzio ihm wohl Beachtung schenkt … Tadzios Kopf ist wie der einer klassischen griechischen Statue geformt – Realität oder Fantasie?

 

Vielleicht denken einige heute, „Der Tod in Venedig“ habe eine schwulenfeindliche Unterströmung: Der Mann, der seinen homoerotischen Neigungen folgt, begibt sich in Gefahr und kommt darin um.

Seinerzeit (1911!) mag der Stoff im Gegenteil Aufsehen erregt haben, dass er einem Mann solche homoerotischen Neigungen überhaupt erlaubt. In diesen Jahren nämlich entwickelten sich die Rechts- und Moralvorstellungen dahin, dass der Homosexuelle nicht mehr ein Triebverbrecher sei, sondern künftig „bloß“ als Kranker und Degenerierter zu gelten habe. Was Aschenbachs Sehnsucht umso tragischer ausfallen lässt.
(Ja, es war ein weiter Weg zur Akzeptanz nichtnormativer Lebensweisen.)

Aschenbach ringt mit sich und sucht nach Rechtfertigungen für seine Gefühle.

 

Der kleine Knesebeck-Verlag, der sich in seinem Graphic-Novel-Programm bislang auf konventionelle Literaturadaptionen und die Biografien von Berühmtheiten zu verlassen schien, beginnt sein Profil zu schärfen und gewinnt an Reputation.

Allein 2019 lancierte man die Disney-Brüder-Geschichte THE MONEYMAN, das Leben von GEORGE ORWELL sowie den akribisch recherchierten Comic WANNSEE über die Konferenz, die das Schicksal von Millionen von Menschen besiegeln sollte.

DER TOD IN VENEDIG klingt dabei fast wie ein Rückfall in die Herausgabe risikofreier Hochliteratur, doch ist Susanne Kuhlendahls Adaption womöglich ein Affront für die Freunde von Thomas Mann.
Darf man ein so hochgeschätztes Werk in diese bunten, flüchtigen Bilder verwandeln?!

In denen ja fast kein Text (mehr) vorkommt! Kreisch!

(„Kreisch!“ würden diese Menschen nie sagen, aber ich sonne mich gerade im Gedanken, dass TM-Diehards Anstoß an dieser Version nehmen.)

Klar darf man, soll man, muss man sogar.

Die polnische Familie zieht in den Speisesaal ein; Aschenbach wird erstmals Tadzios ansichtig; ihn trifft der amouröse Schlag. Harter Gegenschnitt in Nahaufnahmen.

 

Essenziell für eine Graphic Novel scheint mir, dass sie eben nicht in Text erstickt. Das Bild braucht zumindest ebenbürtigen Raum, um eine literarische Vorlage in einen gelungenen Comic umzusetzen. Eigentlich eine Binsenweisheit, die man jedoch verinnerlichen muss.

Künstlerinnen wie Barbara Yelin, Birgit Weyhe und Olivia Vieweg haben das verstanden, verfolgen erfolgreich ihre Ansätze der Bebilderung – und könnten ein Patent drauf anmelden. :- )

In einer Widmung vorweg dankt nämlich Kuhlendahl explizit Barbara Yelinfür deine treffsicheren Hinweise, die mir sehr weitergeholfen haben“.
Und ich behaupte, man spürt den grafischen Geist Yelins im Gewerk dieser Graphic Novel!

Sei es in der Variation der Panelanzahl pro Seite (kleine, normierte Bilder bedeuten Routine; große, offene Bilder beweisen Entwicklung und Umbruch).

Sei es in der dynamischen Gestaltung des Erzählflusses durch Einsatz stummer Bildpassagen, die dieser Graphic Novel Tiefe und Emotion verleihen.
(So die letzten acht Seiten, in denen die Zeichnungen im selben Maße wie Aschenbachs Lebensgeister zu verwischen beginnen.)

Sei es in der gekonnten Darstellung von Körperhaltung, um einen Menschen zu charakterisieren:

Der schneidige Schalterbeamte (ein Italiener) stellt dem ablehnend dreinblickenden Aschenbach wort- wie gestenreich ein Reisedokument aus (übrigens Kuhlendahls wildeste Kamerafahrt im ganzen Comic; hier ist die fast kreiselnde Kamera auch in der Tat angebracht.)

 

Auch für die Beschreibung Aschenbachs hat Kuhlendahl eine „gestische Chiffre“ gefunden, nämlich eine Handhaltung (die zeige ich im Instagram-Video zum Buch, Link folgt weiter unten.)

Erstaunlich und erfreulich ist, mit wie wenig Text Susanne Kuhlendahl ihren TOD IN VENEDIG auf schlanken 90 Seiten über die Bühne bringt. Da ist schmackhaft eingekocht worden, um mal ein schiefes Bild aus der Kulinarik aufzutischen.

Es bleiben auch keine Fragezeichen. Der Stoff löst sich rückstandslos im Artwork auf. Vielleicht lädt das Thema Sehnsucht (um das es meiner Meinung nach geht) auch zu grafischen Visualisierungen ein …

Clever auch, dass Kuhlendahl den Kontrast Natur-Kultur bemüht und dankbar ausbeutet. Da ich den Originaltext nie gelesen habe, kann ich nicht urteilen, ob dies von Mann schon so angelegt worden ist. Jedenfalls interpretiere ich diesen Kontrast hinein in diese Adaption.

Ich wiederhole mich abschließend: Für mich funktioniert DER TOD IN VENEDIG als Graphic Novel auf die schönste Weise.

Verlagsinfos übrigens HIER im Netz einsehbar. (Ebenfalls verfügbar ist eine Leseprobe der ersten 13 Seiten.)

Wer mag, ruft noch das Instagram-Video auf, in dem ich speziell auf einige Kuhlendahlsche Kunststücke eingehe:

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