Von den drei deutschen Diven fällt sie mir als letzte ein: Hildegard Knef, über die es nun zu ihrem 100. Geburtstag eine Graphic Novel gibt (über Romy Schneider und Marlene Dietrich gab es schon welche).
Moritz Stetter hat sie konzipiert und illustriert – und es geht gleich wild los: Von Adam und Eva schalten wir zum Neandertaler und weiter zu Hitler. Soldaten marschieren, Bomben fallen, Apokalypse.
Dann begegnen wir der Hauptfigur im Luftschutzkeller und erkennen: Der Text zu den Bildern war ein Knef-Chanson, in dem es um Lebensläufe geht.
Pfiffiger Auftakt, finde ich, und Stetter hält sich im Anschluss nicht mit Kindheit und Jugend auf, sondern präsentiert schon auf Seite 22 (von 210) die ehrgeizige junge Frau, die zum Film will.
Die junge Hilde ist alles andere als naiv, denn sie angelt sich Ewald von Demandowsky, seines Zeichens „Reichsfilmdramaturg“ bei Goebbels und fanatischer Nazi.
An dessen Seite erfährt sie Schauspielunterricht, ist bei der Truppenbetreuung tätig, rückt mit dem „Volkssturm“ aus und ist in den letzten Kriegstagen an Gefechten mit den Sowjetrussen beteiligt.
Absolut abenteuerliche Anekdote, auf die später noch einmal zurückgegriffen wird.


Zwei Jahre später ist Knef die Ehefrau des US-amerikanischen Offiziers Kurt Hirsch (und ich frage mich beim nochmaligen Durchblättern des Bandes, wie viel Kalkül wohl in dieser Liebesbeziehung lag …).
Das sagt uns der Comic nicht. Vielmehr hat Knef erneut Glück: Da sie noch nicht im Nazi-Kino gedreht hat, wird sie mit ihren Rollen in „Die Mörder sind unter uns“ und „Zwischen Gestern und Morgen“ der erste weibliche Filmstar des jungen Nachkriegsdeutschlands.
Schauen Sie, welch freche Montage Zeichner Stetter daraus gestaltet. Da brausen Kriegsheimkehrer auf, da räumen die Frauen den Schutt weg, da geht einem Heimatfilm-Schwarzwaldmädel der Hut hoch und in Flammen auf.


Tatsächlich holt Hollywoodproduzent Selznick die Knef in die USA, kann ihr aber keinen Film verschaffen, da er in die Insolvenz rutscht.
Also pendelt Knef zurück nach Deutschland und gerät in den großen deutschen Skandalfilm: „Die Sünderin“ enthält eine fünfsekündige Nacktszene und bringt die katholische Kirche auf die Barrikaden.


Ironischerweise befeuert der Skandal Knefs Karriere, 1951 nimmt sie eine erste Schallplatte auf und beginnt eine zweite Laufbahn als Chansonsängerin.
Zurück in den USA, verkehrt sie weiterhin in den Kreisen der Hollywoodschickeria, doch ein Filmauftritt ist nicht zu machen.
Stetter fügt hier eine vierseitige Sequenz ein, die andeutet, Knef sei bei einem Vorsprechen vergewaltigt worden. Namen werden hier nicht genannt, ich deute die Passage als generelle Stellvertreterszene für MeToo-Thematik, durch alle Zeiten hindurch.
Die Knef kehrt Hollywood den Rücken, dafür gelingt ihr der Durchbruch am Broadway, wo sie zwei Jahre am Stück im Musical „Silk Stockings“ Erfolge feiert.

Für ihn soll’s rote Rosen regnen
Ich schätze Moritz Stetters Arbeiten außerordentlich. Dieser Künstler hat eine einzigartige fluide Linie, die seinen Comics eine kauzige Qualität verleiht, die das Dargestellte absolut schwerelos wirken lassen kann.
In DIE KNEF reduziert Stetter seine Schnörkel und zielt mehr ins Plakative, um sein Sujet mit mehr Sachlichkeit handhaben zu können.
So sehen wir immer wieder großformatige Panels und kapiteltrennende Doppelseiten, die in Chansontexten ein Zwischenresümee präsentieren:


Das ist eigenwillig (auf den ersten Blick auch verwirrend), macht aber Stetters Intention klar. Seine Knef-Biografie will nicht stur chronologische Stationen abhaken, sondern erlaubt sich Freiheiten, Spielereien, Exkurse und Kommentare – so wie seine grandiose Idee, den „Sünderin“-Skandal mit der Illustration einer bedrohlichen, nackten Riesin zu assoziieren.
Dies nicht nur ein Statement gegen zeittypische Misogynie, sondern auch augenzwinkerndes Zitat eines seinerzeit populären B-Movies: „Attack of the 50 Ft. Woman“.

Stetter hat sichtlich Spaß an solchen Referenzen, und ich habe es auch.
Puristen können natürlich einwenden, dass diese Ideen nicht in eine Knef-Hommage gehören. Und damit kommen wir zum Punkt.
Undank ist des Biografen Lohn
Wer immer sich die Mühe macht, eine reale Lebensgeschichte nachzuerzählen, wird Missfallen ernten.
Die sich mit Knef auskennen, rufen „Langweilig!“ oder „Da fehlt doch ganz viel!“.
Wer neu im Thema ist, kann nicht alle Personen sicher zuordnen oder wundert sich über die Sprunghaftigkeit des Geschilderten.
So kassierte der Comic im Fachmagazin „Alfonz“ eine magere Bewertung, weil der Rezensent offenbar seine Interpretation der Knef nicht wiederfand. Dass Stetter seine Biografie um 1980 beendet (und letzte 20 Jahre ausklammert), sei „Fanboy-Verehrung“ und historisch nicht sauber.
Ich hingegen habe Verständnis für diese Entscheidung und finde nicht, dass man die gewählte Persönlichkeit bis in Verfall und Tod dokumentieren muss.
Es gilt, eine Abwägung zu treffen zwischen Faktentreue und historischer Wirkung. DIE KNEF wählt eine subjektive Sichtweise und bindet die Hauptfigur in eine größere Erzählung von weiblicher Ohnmacht in patriarchalischen Strukturen ein.
In der Tat färbt Stetter seine Knef zur Feministin und schaut mit modernem, „wokem“ Bewusstsein zurück auf die alte Bundesrepublik und das männlich geprägte Showbusiness.
Das klingt jetzt schrecklich programmatisch, verkennt aber, wie viel Spaß wir mit dieser Graphic Novel haben können.
Etwa die skurrilen Anekdoten aus dem Propagandaministerium von Goebbels, die Anspielungen auf deutsches Kleinbürgertum sowie die schrägen Hollywood-Bekanntschaften mit David O. Selznick, Marlene Dietrich und Marilyn Monroe.


Mach doch mal ein Fenster auf
Manche Ereignisse flackern so schnell vorüber, dass ich mir wirklich mehr Ausarbeitung gewünscht hätte. Etwa Hildes Verwandtschaftsgeschichten, ihre Fronterlebnisse im Zweiten Weltkrieg, die erste Ehe oder ihr Verhältnis zu Israel.
Dann wiederum bin ich beeindruckt, wie dramaturgisch scharf und clever komprimiert mir Stetter diese Blitzlichter dennoch serviert hat, siehe den Tod des Großvaters, ein Vergleich mit Romy Schneider oder ihre Lesung aus dem „Geschenkten Gaul“, in der sie die Kriegserlebnisse ausbreitet:

Jede Biografie kann nur ein Fenster sein, durch das wir Episoden des jeweiligen Lebens betrachten.
Der Blick hindurch ist subjektiv ausgerichtet auf ebenfalls subjektiv ausgewählte Abschnitte (und im Fall eines Comics noch verfremdet durch die Illustrationen).
Zeichenstil, Porträtierung der auftauchenden Persönlichkeiten, Farbauswahl, Kameraführung, Seitenlayouts – unmöglich, allen gefallen zu können! Unmöglich, die individuellen Vorstellungen und Vorlieben von uns allen bedienen zu können.
Falls Sie es noch nicht getan haben, überfliegen Sie wenigstens einmal die Biografie der Künstlerin auf Wikipedia. Schnell erkennt man, dass aus diesem Leben viele verschiedene Zugriffe auf die Person möglich sind.
Die Nazi-Mitläuferin, die ehrgeizige Schauspielerin, die untypische Sängerin, die späte Mutter, die Drogensüchtige, die Krebskranke, der deutsche Weltstar, die queere Ikone und die Schriftstellerin.
Das irgendwie zu gewichten, ist eine monströse Aufgabe – und wir müssen Biograf Stetter seine Auswahl zugestehen.
All die oben genannten Aspekte reißt er an, es gäbe garantiert weitere Stationen, aus denen man interessante Funken schlagen könnte: Fernseh-Gastauftritte, die spezielle Ironie ihrer Lieder („Er war nie ein Kavalier“, „Ich zieh mich an und langsam aus“) oder ihr Mitwirken in obskuren Filmen wie der deutschen Komödie „Warum die UFOs unseren Salat klauen“.


Mir hat DIE KNEF sehr gefallen, ich lese es aber auch mit dem Bewusstsein, dass ich weder alles verstehen muss noch umfassend faktenbefriedigt werden möchte.
Wie gesagt: Ein Fenster, das uns einen ersten Ausblick auf „die Knef“ ermöglicht.
Diese Graphic Novel lädt zur eigenen Recherche ein, was bei mir funktioniert hat.
Frau Knef hatte ein irrwitziges Leben, hat unglaubliche Stationen durchlaufen, musste sich mit furchtbaren Umständen arrangieren und hat doch ihr Ding gemacht.
Das ist sozusagen die Message und dafür sind Comics eine geeignete Kunstform.
Zu guter Letzt sei auf die Webseite beim Carlsen Verlag hingewiesen sowie auf mein Reel bei Instagram.