KRIMI, DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“

Erst mal wundere ich mich, wie sehr der Regisseur Fritz Lang zu Beginn dieser Graphic Novel runtergeputzt wird: Lang wird dargestellt als bedenkenloser Aufschneider, großspuriger Egomane, vergnügungssüchtiger Dandy, tyrannischer Filmemacher – und womöglich Mörder seiner Frau Lisa Rosenthal.

Mit dieser Vermutung konfrontiert ihn Kommissar Lohmann, der Lang im Lauf der Handlung immer wieder aufsucht und es liebt, den Starregisseur respektlos anzugehen.

Lohmann aber will nicht diesen Mord aufklären (die Angelegenheit ist als Selbstmord längst zu den Akten gelegt worden), sondern er verfolgt den „Vampir von Düsseldorf“, den Serienmörder Peter Kürten, der 1930 gefasst und 1931 für seine Verbrechen hingerichtet wurde.

Zugleich bedrängt Lohmann den Regisseur, sich dieses Kriminalstoffs anzunehmen und daraus einen packenden Film zu machen. Sein Motiv: das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die alltäglichen Grausamkeiten zu schärfen, die Menschen einander antun.  

© für alle Abbildungen: Vermot, Inker / Splitter

Wie die (Film-)Geschichte es will, entsteht aus diesen Begegnungen das frühe Tonfilmmeisterwerk „M“, in dem ein Triebtäter (dargestellt von Peter Lorre) sein Unwesen in einer Großstadt treibt und nicht nur von der Polizei, sondern auch von der Bürgerschaft und selbst der „Unterwelt“ gejagt und gestellt wird.

Fritz Lang ist damit (und mit „Dr. Mabuse“) der erste Paranoia-Film überhaupt gelungen. Von der ersten Sekunde an verstrahlt das Werk eine Atmosphäre der Bedrohung und der Unsicherheit, die man im Nachhinein auch als Vorgriff auf das Klima der Angst deuten könnte, das sich in diesen und späteren Jahren mit dem Erfolg des Nationalsozialismus etabliert.

(Man kann spekulieren, ob Lang nicht generell das Krimigenre fürs Kino erfunden hat.)

Der Film übrigens ist gemeinfrei und steht in 4K-Qualität zur Ansicht auf Youtube!

Vom Verwischen der Grenzen

Mutig (oder unerhört?) an dem Comic ist, dass er waghalsig fiktionalisiert.

Fakt ist, dass Lang und seine zweite Frau, die Autorin Thea von Harbou, sich mit Mordfällen beschäftigt haben, offenbar Täter befragen und auch Polizeiakten einsehen konnten.

Kommissar Lohmann aber entstammt dem Film, es gab ihn nicht real. In der vorliegenden Graphic Novel ist er Langs fiktiver Kontrahent, der den Regisseur mit Informationen füttert und ihn sogar an einen Tatort mitnimmt!

Und Lang, der analytische Geist, genießt die perverse Bildgewalt der grausigen Szenerie – und zieht noch die kriminalistische Schlussfolgerung, dass der Kommissar ein Spiel mit ihm treibt, um ihn für seinen Film in Fahrt zu bringen.

Das verfängt natürlich. Lang tritt auf die Straße, schon über Filmbilder nachgrübelnd, siehe den Luftballon in der Stromleitung, ein ikonisches Bild auf dem fertigen Krimi „M“, Symbol für Verlust und Verlorenheit.

Dr. Vermot, der Spieler

Autor von KRIMI, DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“ ist Thibault Vermot, der uns gnadenlos in sein Verwirrspiel aus Tatsachen und Fiktion verstrickt!

Ich plärre gerne herum, dass ich freie Erfindungen in Biografien durchaus begrüße, um sich von spröder Faktenhuberei freizuschwimmen, aber hier geht es schon derb zur Sache!

Der literarisch versierte Schriftsteller aus Dijon erlaubt sich … naja, filmreife Schwindeleien wie Langs Teilnahme an Verhören und seine Einschleusung in die Unterwelt von Berlin, wo Oberganove „Muskel-Adolf“ ihm Unterstützung für sein Filmprojekt zusichert.

Ich fühle mich etwas unwohl bei dieser Vorgehensweise, vielleicht weil es um Verbrechen geht, aber so ist das Konzept dieses Comics, muss ich akzeptieren.

KRIMI, DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“ ist eigenwillig und seltsam in dem, was es uns zeigt und wie es ausgestellt und visualisiert wird.

Kern des Comics ist auf jeden Fall die Dynamik zwischen den beiden Hauptfiguren.
Lang ist ein kühler Künstler, der am liebsten über den Dingen steht. Lohmann ist ein empathischer Humanist, der sich in einer rauen Schale verpanzert.

Die Fallhöhe zwischen beiden sorgt für klassisches Storytelling und schiebt die Geschichte Schritt um Schritt voran. Der Regisseur beginnt, sich mit Thea von Harbou übers Drehbuch zu beraten, er lässt ein Set im Studio bauen, er castet seinen Mörder und dessen Opfer.

Hier sehen wir Lang im Gespräch mit Kinderdarstellerin Inge Landgut. Eine in Teilen humorvolle Szene, die den Filmkünstler auf Augenhöhe des Mädchens herunterbricht.

Dieser Comic hat ganz viele Farben, obwohl er nur schwarzweiß ist, höhö.

Der Tuscher von Lille

Zeichner ist ein gewisser Alex W., der sich „Inker“ nennt (der „Tuscher“) und an der Universität von Lille zu Comics und Kino lehrt. Das passt ja.

Sie haben schon bemerkt, dass Inker in den Farben und Schattierungen des Vorkriegskinos arbeitet. Das sind berauschend schöne Illustrationen, die diese moderne Graphic Novel gekonnt und schlüssig mit dem historischen Sujet vermählen.

Sollten Sie „M“ kennen oder jetzt hineingeschaut haben, erkennen Sie Bildmotive aus dem Film, die den Comic wunderbar unterfüttern.

Was Sie vielleicht nicht bemerken (und was mir auffiel), dass hin und wieder Szenen ins Leere laufen, absichtlich verpuffen, den Comic herunterbremsen und uns reflektierend innehalten lassen.
Das ergibt dramaturgisch wenig Sinn. Ich vermute, Autor und Zeichner wollen uns damit in narrative Sackgassen führen. Wir sollen uns der Erzählung nie zu sicher sein.

Peter Lorre schneidet vor dem Spiegel Fratzen, nachdem ihm Lang die Rolle des Kindermörders angeboten hat.

KRIMI, DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“ ist kein gefälliger Comic, sondern eine künstlerisch verschränkte Meditation über Filmhistorie und Zeitgeschichte.

(Warten Sie kurz, der Glückbote vom Grimme-Institut klingelt und überreicht mir die begehrte „Sankt-Blasius-Statuette“, den Oscar für Comicjournalismus, der titelgebende Märtyrer wurde übrigens mit einem eisernen Wollkamm gequält.)

Die Welt aus den Fugen

Kommissar Lohmann ist ein starker Charakter, der für seine Vision vom pädagogischen Kino alle Regeln bricht. Nicht nur Polizeiprozeduren, sondern auch gesellschaftliche Normen.

Hier verpasst er dem trägen Lang eine Sodawasser-Dusche und zerrt ihn aus einem Bordell, um ihn wieder in die Spur zu bringen, seine Spur versteht sich, denn Lohmann möchte den Regisseur an die Arbeit scheuchen.

Beeindruckend ist, wie detailreich der Comic zu Werke geht. Nicht nur Kostüme, Architektur und Automobile werden akkurat wiedergegeben, auch werden (wortwörtlich im Vorübergehen) solche „Marginalien“ präsentiert. 

Schaufenster im nächtlichen Berlin, in denen Schilder nach Ladenschluss drastisch darauf hinweisen, dass ein Einbruch zwecklos ist.
Und noch nie gesehen oder davon gehört habe ich von dieser Selbstschussanlage beim Juwelier!

Ist das alles real?!
So wie in „M“ die Paranoia regiert, so stolpere ich verwundert durch DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“.

Der dritte Mann

Nicht übersehen sollte man die Figur des Hans, Langs Butler, von dem ich übrigens nicht weiß, ob der real existiert hat. Ist auch egal, denn Hans dient als Spiel- und Projektionsfläche für uns Leserinnen und Leser.

Zum einen bringt er uns in Dialogszenen die Persönlichkeit von Fritz Lang näher, zum anderen verstehe ich ihn als prototypischen Jedermann, der beflissentlich seinen Dienst tut und mit dieser Haltung bequem durchs Leben kommt.

Und wir haben alle im Hinterkopf, welche neuen Maßstäbe ab 1933 in Deutschland Geltung erlangten.

KRIMI wartet zum Schluss mit bitterer Ironie auf. Die transportiert nicht zufällig wieder Hans, der nun im Dienst der Wehrmacht steht.

Ich jedenfalls lese die Szene so:
Lohmann gerät in die Vernichtungsmaschinerie der Nazis, obwohl er alles dafür getan hat, seine Mitmenschen vor Verdächtigungswahn und Selbstjustiz zu warnen.

Mein Comic mit der kalten Schnauze

Abschließend gelingt es mir nicht, ein simples Fazit zu ziehen.

Auf formaler Ebene ist diese Graphic Novel gigantisch, auf inhaltlicher Ebene reagiere ich verhalten. Ich habe lange über den Band nachgedacht und musste mich stückweise analytisch herantasten.
Dieser Comic bietet viele Aspekte und Interpretationsangebote, von denen ich einige hoffentlich erläutert habe.

Sicher bin ich mir nur in einer Sache: KRIMI, DIE GESCHICHTE HINTER FRITZ LANGS „M“ ist ein singuläres Opus der Neunten Kunst. Was nichts über dessen „Lesespaß“ aussagt.

Das Werk erscheint mir kühl und distanziert, nirgendwo bekomme ich eine Identifikationsmöglichkeit. Alle auftretenden Figuren sind unsympathisch, der Stoff rotiert zentral um die Filmproduktion und verweist auch nicht in unsere Gegenwart hinein.

Will sagen, es handelt sich um ein konkretes Zeitbild der Jahre 1929–31, das für uns heute kaum Relevanz besitzt. Lesenswert für Fans der Epoche, eventuell ein hübscher Ausflug für das „Babylon Berlin“-Publikum, ganz sicher was für Fritz-Lang-Fachleute!

Eine Comicfreundin fragte spontan, ob KRIMI ins „True Crime“-Format fällt. Hatte ich nicht dran gedacht, aber das wäre wahrscheinlich der Clou zur Vermarktung

Ich linke noch die Produktseite beim Splitter-Verlag sowie ein Blättervideo auf Instagram.

Schreibe einen Kommentar