CELESTE ist eine himmlische Graphic Novel (Update)

Ich danke meiner Comicfreundin Vanessa für die Ausleihe dieses Bandes, denn von mir aus hatte ich nicht zugegriffen: Eine Graphic Novel über die Bedienstete des Schriftstellers Marcel Proust? Pffffrrrrtttt! Was soll mir das denn geben?!

Aber dann schlage ich auf, tauche sofort in diesen speziellen Kosmos ein und bin verzaubert von der Leichtigkeit der Erzählung.
Denn obwohl die komplette Handlung an der Haushälterin Celeste aufgehängt ist, lernen wir eine Menge über Proust und die Zeit, in der er gewirkt hat.

Die Rahmenhandlung spielt im Jahr 1956: Proust ist seit über 30 Jahren tot und seine ehemalige Haushälterin Celeste betreibt in Paris eine Pension:

© für alle Abbildungen: Chloé Cruchaudet / Insel

Sie sehen, wie zwei Proust-Verehrer eindringen und die alte Dame bedrängen, etwas aus dem Besitz ihres Idols herauszugeben. Die aber ist solche Besuche gewohnt und genießt die Aufmerksamkeit.
Zugleich lernen wir ihren Ehemann Odilon kennen, der diese Begegnungen mit Sarkasmus kommentiert.

Haben auch Sie bei folgender Sequenz eine Assoziation an die Loriot’sche Eheszene, wo der Mann „doch nur hier sitzen will“? Ich find’s herrlich.

Besuch bei der alten Dame

Jetzt springt der Comic 40 Jahre in die Vergangenheit und stellt uns Odilon als Prousts Chauffeur vor. Sein Arbeitgeber fragt ihn, ob seine Frau nicht mal ein Päckchen für ihn austragen könnte. Kleine Lieferdienste zu Verlegern und so.

Kurz darauf sehen wir Celeste im Einsatz, wie sie ein Proust-Buch bei der Autorenkollegin Colette abliefert. Ihre Körperhaltung ist noch devot, Colette muss sie ermuntern, überhaupt ihren Blick zu heben.

Und wieder hagelt es lakonische Kommentare aus dem Hintergrund von einer männlichen Person, die damit aber wundervollen Kontext liefert:

Die junge, unbedarfte, vom Land stammende Celeste ist zunächst eingeschüchtert und wie gelähmt von der mondänen Welt des berühmten Schriftstellers (und dessen Ticks und Kauzigkeiten).

Zum Beispiel die Eigenart, nicht telefonieren zu wollen. In folgender Passage schrillt der Fernsprecher, Proust hebt ab und legt sofort wieder auf – und weist Celeste in die Etikette der Telekommunikation ein:

Und nun erleben wir auf nur einer Seite, wie Celeste diese Kunst meistert.

In sieben Schattenrissen (arrangiert um ein zentrales Bild, auf dem Proust ungestört in seinem Bett schreibt) wirbelt Celeste als Telefonistin durch dessen Alltag und gewinnt von Gespräch zu Gespräch an Selbstbewusstsein und Erfahrung.

Im Film wäre dies eine Zeitraffersequenz.

Und jetzt sind wir drin, in der Proust-Welt, und bekommen auf den restlichen 70 Seiten Anekdoten serviert. Denn Celeste ist von nun an des Schriftstellers „Mädchen für alles“, Assistentin und Vertraute.
Also lässt uns CELESTE hautnah miterleben, was geschieht:  

Wie Proust von Kollegen hofiert und umschmeichelt wird (André Gide!).
Wie ihm Verleger im Nacken hängen und pünktliche Abgabe von Texten einfordern (klappt nie!).
Wie sie ihm hilft, seine Texte zu ordnen und Korrekturen einzupflegen (mittels eines Pendants von modernen Post-Its!).
Wie er mit seiner Entourage mitten im Ersten Weltkrieg auf Sommerfrische nach Cabourg ans Meer reist (und sein Hotel von der Armee in Beschlag genommen wird!).
Wie der homosexuelle Proust Liebhaber zu sich einlädt (und wieder von ihnen verlassen wird!).
Wie er sich deprimiert vom Elend der Welt ins Bett verkriecht (und dennoch vom „Ritz“ schwärmen kann!).

Bei der obigen Seite assoziiere ich Baz Luhrmanns atemberaubende Kamerafahrt ins „Moulin Rouge“, wo wir in diesen Tempel der Unterhaltung hineinstürzen.

Es ist bei Weitem nicht alles Sonnenschein zwischen Celeste und Marcel, denn sie entwickelt eine platonische Liebe für ihn, die er nicht erwidern kann.

Symbol dafür sind Taschentücher, die sie ihm kauft, er diese in seinem Snobismus jedoch ablehnt und zerstört. So endet der Band auf einem Beziehungs-Cliffhanger: Celeste packt ihre Siebensachen und verschwindet!

Bravourös auf jeder Seite

Chloé Cruchaudet heißt die Zeichnerin und Adapteurin des Stoffs, ist mir noch nie begegnet, dabei veröffentlicht sie seit 2008 im frankophonen Raum interessante Comics.

Tolle Künstlerin, die ihre Figurenmit sicherem Gespür in flüchtigen, unprätentiösen Szenen effektiv zur Geltung bringt.
Hier bekommen wir zum Beispiel plastisch vermittelt, wie das Werk von Proust einzuordnen ist. Ganz nebenbei, wenn Colette mit Celeste eine Suppe kocht:

Cruchaudets Farbgebung ist allerdings Geschmackssache. Sie operiert mit deftigen Lila- und Violett-Abstufungen, gerne konterkariert mit moosigen Grüntönen, beigen Sandfarben oder rostigem Rot.
Das ist nicht ganz mein Pläsier, wahrscheinlich soll es das dekadente Dandytum des Fin de Siècle evozieren. Ich bin der Überzeugung, dass eine andere Palette auch funktioniert hätte.

Umwerfend aber finde ich Cruchaudets Sinn für fluides Layout, variantenreiche Kompositionen und auch mal ein allegorisches Tableau wie dieses, dass Proust als Insel darstellt!

Auf dem Gipfel sehen wir den Autoren unter seiner Glocke, dem Bett. Darunter ist seine Wohnung in den Fels gehauen. Zwei Treppen führen in die abgeschnittene Außenwelt des wilden Ozeans: vorne zum Boulevard Haussmann, hinten zum Dienstboteneingang.

Allein zwei weitere Inseln ragen über Prousts engen Horizont hinaus und erlauben Ausflüge: das „Ritz“ sowie die Sommerfrische in Cabourg.

Auf der Suche nach dem zweiten Band

Fun Fact am Rande: Es gibt eine deutschen Fernsehfilm namens „Celeste“, 1981 von Percy Adlon inszeniert, mit Eva Mattes als Celeste (die ersten drei Minuten kostenfrei auf YouTube zu sehen):

CELESTE hatte ich nicht auf dem Schirm, weil es in einem Nicht-Comicverlag erschienen ist. Der zu Suhrkamp gehörende Insel-Verlag hat den Comic bereits vor einem Jahr veröffentlicht.
Der in Frankreich schon lieferbare Abschlussband 2 ist auf Deutsch für den Mai 2025 angekündigt.

Dann kann ich den Comic ja als Ganzes schon mal für meine Jahreslieblinge 2025 vormerken …

Und wir blättern wie üblich in das Werk hinein:

https://www.instagram.com/p/DE7gmFHMaqN

Nachtrag Januar 2026

Wie geplant ist der zweite Band letztes Jahr erschienen, und ich möchte ihn heute in diese Besprechung hineinholen.

Nach dem Zerwürfnis mit dem Schriftsteller fällt es Celeste schwer, in ihren Kleinbürger-Alltag zurückzufinden.

Gatte Odilon kommt auf Heimurlaub vom Ersten Weltkrieg, doch die Eheleute haben sich nicht viel zu sagen und quälen sich durch ihr ärmliches Dasein.

Zum Glück wird Odilon bei Proust vorstellig, um ausstehenden Lohn einzufordern.

Doch Proust ist nicht nur literarisch begabt, sondern kann auch Menschen manipulieren.

Erleben Sie den Gatten, wie er erst bei seiner Schwester (der Wirtin) über Celeste lästert und dann von seiner Begegnung mit Proust berichtet:

Autorin und Zeichnerin Chloé Cruchaudet beweist in den beiden letzten Bildern, wie perfekt sie Gags setzen kann: Zunächst empört sich eine retraumatisierte Celeste über Prousts Art, dann kommt der Anruf – dazu versteinert ihre Mine in ahnungsvoller Voraussicht.

Das ist großartig gemacht, denn wir alle wissen, dass Celeste jetzt wieder unter Prousts Fuchtel gerät.

Doch sie hat ein Druckmittel (nämlich ihre Kenntnis der spezifischen Schrullen von „Monsieur“) und verlangt ein doppeltes Gehalt, einen Ausstattungsbonus für ihre eigene Garderobe sowie Mitanstellung ihrer Schwester Marie, um die Lasten auf zwei Schultern zu verteilen.

Denn Proust ist nicht nur ein Hypochonder, sondern außerdem geruchs- und lärmempfindlich, festgelegt auf minutiöse Routinen, absolut snobistisch und egozentrisch sowie ab und an weiterhin herablassend.

Celeste schluckt den Ärger herunter und wächst mit ihren Aufgaben. So betätigt sie sich als Maklerin und besorgt dem Schriftsteller eine neue Wohnung in Paris.
Hier betritt Proust zögerlich sein neues Heim, seine Haushälterinnen reden ihm gut zu:

Ich bin erneut begeistert, wie schwerelos Cruchaudet ihren Stoff inszeniert.

Damit meine ich nicht nur ihre elegant-effektiven Zeichnungen, sondern auch die flotten und zielgenauen Dialoge, die die Handlung clever transportieren.

Beispielshaber diese Sequenz: Proust geht morgens auf ein Literatentreffen, denn die Verleihung des berühmten Prix Goncourt steht an.

Die Sprechblasen verraten uns, dass er die Jurymitglieder lange im Vorfeld schon bestochen  hat (und von diesen Exzessen total erschöpft ist).
Weiterhin lernen wir, dass er den unbedingten Ehrgeiz hatte, prominent zu werden und sich dessen auch nicht schämte.

Will sagen: CELESTE besticht durch flüssiges Erzählen in Kombination mit aussagekräftigen wie witzigen Bildern!

Immer wieder stiftet uns Cruchaudet doppelseitige Arrangements von traumhafter Qualität (im unten angehängten Reel abrufbar).
Ein Proustscher Schwächeanfall mit expressiver Lautmalerei, eine labyrinthische Wohnungssuche, ein dadaistisches Theaterstück, ein Umzug über den Straßenschluchten von Paris, eine Flut von Rezensionen, eine Expedition durch den Vokabel-Dschungel …

Hier werden alle Mittel des Comics genutzt und kreativ ausgespielt!
C’est magnifique.

Der Zeichnerin gelingt es sogar, zum Schluss ein Meta-Fazit zu präsentieren.
Zum Finale dankt Celeste ihrem Mann und ihrer Schwester.
Der Besuch im Haushalt Albaret spricht es aus: Proust lässt seine Haushälterin im Roman auftauchen und macht sie damit unsterblich.

Da brechen Odilon, Celeste und Marie in schallendes Gelächter aus.
Wenn sie wüssten, dass sie zu den Hauptfiguren einer Graphic Novel geworden sind!

CELESTE ist ein großer Wurf. Deshalb habe ich auf Instagram noch ein Reel zu Band 2 veröffentlicht.

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