WOYZECK von Andreas Eikenroth

Karl Georg Büchner war die coole Sau der deutschen Klassik. Tod mit 23, der Kurt Cobain der Literatur, sein Drama WOYZECK von 1837 ein irres Stück Theater (uraufgeführt erst 1913!), seiner Zeit weit voraus – und doch inzwischen ein museales Monstrum.

Andreas Eikenroth wagt sich an eine „grafische Inszenierung“ und spricht im Vorwort davon, dass er als Einwohner des hessischen Gießen täglich „durch Woyzeck-Land laufe“ und ihn der Stoff sein „halbes Leben lang“ verfolge.
Eikenroth arbeitet unter anderem am Stadttheater und hat bereits jede Umsetzung erlebt, sei es als Theater, „als Oper, Tanz und sogar als Puppenspiel“.
Nun also WOYZECK, die Graphic Novel. Braucht es das noch?

Die Geschichte dürfte bekannt sein:
Der psychotische Soldat Woyzeck wird von diversen Instanzen gepiesackt und gedemütigt; als auch noch die Liebe zu Marie, der Mutter seines Kindes, zerbricht, ersticht er sie im Wahn.

Eikenroth macht mit seinem WOYZECK nichts falsch, aber er erreicht mich nicht (mehr). Übermächtig schiebt sich der legendäre Werner-Herzog-Film mit Klaus Kinski, Eva Mattes und Willy Semmelrogge vor meine Augen.
Wer den mal gesehen hat, ist wahrscheinlich verloren für alle anderen Adaptionen. Die Darsteller sind derart prägnant (allen voran der glaubhaft manisch agierende Kinski), dass keine griffigere Fassung mehr möglich ist.

Der Film erscheint mir skurriler als der Comic, das darf eigentlich nicht passieren. Eikenroth tut zwar alles, um seine Figuren physiognomisch vom Film wegzusteuern, doch sein Woyzeck ist nur durch eine schiefe Fratze charakterisiert. Mir ist der Strich überhaupt zu cartoonhaft, die Marie ist fast ins Läppische reduziert.

Clever hingegen finde ich Eikenroths Ansatz, die Geschichte ausschließlich in ganzseitigen Tableaus zu erzählen. Das eröffnet Spielraum für kreative und fluide Kompositionen.

Auch wenn alle knalligen Sprüche von Büchner im Werk enthalten sind („Woyzeck, er sieht immer so verhetzt aus“, „Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem wenn man hineinsieht“; „Ich will ihm die Nas‘ ins Arschloch prügeln“), so drängt sich der Verdacht auf, dass dieser Büchner zwar ein pfiffiger Dialogautor war, seine Figurenarbeit und Dramaturgie jedoch simpel und flach daherkommen.

Völlig rätselhaft, wie ein getriebener Charakter wie Woyzeck jemals die Gunst der schönen Marie erringen konnte. Die Handlung ist ausgestellt, leblos, unglaubwürdig, nach heutigen Maßstäben „schlecht gealtert“.
Die altbackenen Dialoge sind – selbst als Sprechblasenhäppchen – mühselig zu lesen und fühlen sich befremdlich an.

Eikenroths Versuch in allen Ehren, aber mir liefert dieses Werk keine neuen Einsichten. Der Zeichner vertraut offenbar zu sehr auf Büchners verbale Magie, die mir allerdings längst verpufft scheint.

Ich bin aber auch rebellisch gegenüber konventionellen Adaptionen, seit ich Jan Bachmanns umwerfende, Normen sprengende Interpretation von Erich Mühsams frühen Tagebüchern gelesen habe.

Mühsam – Anarchist in Anführungszeichen

 

Woyzeck von Andreas Eikenroth, Hardcover, farbig, 66 Seiten:
Euro 15,00 – erschienen bei Edition 52

WOYZECK

 

 

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