Wie gut, dass wir darüber geredet haben

Erstaunlich, dass dieser Titel noch frei und in der Form für ein Buch unbenutzt war: WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN. Dieser, dem sozialpädagogischen Biotop gerne in die Schuhe geschobene Spruch, ist natürlich nicht ohne Ironie zu lesen (und wird seit wahrscheinlich schon 20 Jahren im Alltag und auf der Bühne als ‚Marker‘ für schräge und im Grunde gescheiterte Gespräche benutzt).

„Gut, dass wir drüber geredet haben“ ist eine Fazit-Floskel, die nichts über Güte oder Erfolg des verbalen Austauschs aussagt. WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN als Titel eines Comicbuchs kann somit als Ansage einer kommunikativen Katastrophe verstanden werden.
Und in der Tat: Der Titel könnte nicht besser gewählt sein!

Die Großmutter monologisiert gerne beim Essen mit der Familie.


Julia Bernhard
heißt die Illustratorin, die sich den Titel gewählt hat und uns ein 2019er-Update der kommunikativen Katastrophe gewährt. Nur reden in ihrem Buch keine Sozialpädagog*innen, sondern WIR ALLE bedienen uns verbaler Vermeidungsstrategien, die uns das Leben zur Hölle machen.

Halt! Ich nehme die ‚verbalen Vermeidungsstrategien‘ zurück, es ist eigentlich noch viel schlimmer. Wir alle reden und reden und reden – und vermeiden gerade damit eine Lebensstrategie. Wir sind zu feige, uns auf stabile Positionen zu begeben, sondern halten uns windelweich alle Optionen offen. Es liegt nicht am Mangel von Kommunikation, dass unser Leben nicht gelingt, es liegt am Sich-nicht-festlegen-Wollen.

Halt Nummer 2! Es geht auch nicht um ‚uns alle‘. Ich darf mich zumindest froh und munter ausnehmen (zu alt für den Scheiß), denn Bernhard beschreibt und analysiert die Lebensumstände der späten Twentysomethings, die in urbanem Umfeld freiberuflichen Beschäftigungen nachgehen, keinen festen Partner haben, einsam in ihren Apartments liegen und gerne ein Haustier haben (Mops!).

Das alles klingt jetzt schrecklich nach modernem Klischee. Doch Julia Bernhard entflieht der Erwartbarkeitsfalle mit einigen Tricks, auf die ich nach und nach eingehen werde.

Erster Trick: WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN benutzt keine aktive Hauptfigur. Als Gesprächspartnerin in den dialogischen Szenen fungiert eine (nicht sichtbare) Person, die „Erzählerin“ zu nennen zu viel der Ehre wäre.
Diese Person dokumentiert Dialoge und zeichnet sie für uns auf (hier meine ich bereits die grafische Umsetzung), hält sich selbst aber aus dem Bild heraus und charakterisiert in diesen Begegnungen ihre verschiedenen Gegenüber: eine Freundin, ein Freund, die Familie, ein Liebhaber.

Die Erzählerin quatscht per Videochat mit einem befreundeten Künstler.

 

Der heimliche Star des Buchs ist natürlich die giftige Großmutter, die in zwei Geschichten prominent präsentiert wird. Sie feuert am Stück Vorhaltungen und Beleidigungen ab (die total letztes Jahrhundert sind), kaum ernst zu nehmen, aber sie ist die einzige, die geradeheraus ihre Meinung sagt und Ergebnisse sehen will.

Die Großmutter lässt nicht locker.

Nächster Bernhard-Trick: Wer auch offen redet, ist der Hund (Mops!) … und die Topfpflanze … und der Toaster! Wie bitte?!
Aber Hunde, Toaster und Topfpflanzen können doch gar nicht reden! Ist das magischer Realismus zu unserer Unterhaltung – oder sind es Halluzinationen der allein lebenden Erzählerin?!

Denn in den Trennern zwischen den Kapiteln sowie auf den letzen Seiten sehen wir eine junge Frau, die ton- und ratlos auf ihrem Sofa liegt, über ihr prangt ein fatalistisches Wortplakat. Wir dürfen annehmen, dass wir hier die verstummte und traurige Bewohnerin dieser seltsamen Welt vor uns haben, der all das widerfährt.

Von der Oma schikaniert, von der Freundin befremdet, vom Liebhaber geschasst, vom Kumpel gelangweilt. WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN kann man als Hilferuf verstehen.

Zurück zu den Halluzinationen und dem lauernden Nihilismus in Bernhards Werk (ihre erste Veröffentlichung bei avant): Diese zehn kalt ausgestellten Szenen, aus ‚subjektiver Kamera‘ der Erzählerin geschildert, lesen sich oberflächlich wie ein amüsanter „Loriot 2.0“.

Ich glaub, mein Mops spricht.

In den Gesprächssituationen reden sich die Personen vordergründig um Kopf und Kragen, doch was geschieht im Hintergrund? Bernhard lässt als Erzählerin den Blick schweifen und skizziert uns (in Omas Wohnung, in der Burger-Bude, im Shared Office) stille Dramen anderer Menschen.

So karikiert Bernhard nebenbei jede Form von Beziehung, lässt Menschen im Büro durchdrehen und in Omas Salon die Katzen randalieren. WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN fängt solcherart nicht nur die Misere einer Frau ein, sondern die ausgelaugte Übersättigung unserer Wohlstandgesellschaft an sich. Klatsch!

Die beste Freundin in der Krise.

Was mich fasziniert, ist, dass man Bernhards Buch auf zwei Ebenen goutieren kann:

Die „Haha-Lustig“-Schiene, wo der Mops spricht, die Topfpflanze vergammelt und alle irgendwie bekloppt sind.

Wir können aber auch lauschen und die zweite Tonlage wahrnehmen: Den leisen Horror des Ennui, das Leben als Achterbahnfahrt ohne Gurt und Haltegriffe, das Wandeln auf dem Teppich, während er dir unter den Füßen weggezogen wird.

Hätten wir besser auf die Topfpflanze gehört.

 

Bernhard gelingt mit dieser Handvoll Skizzen ein eindringliches Porträt ihrer Generation, auf beinahe schon unheimliche Weise ökonomisch realisiert: Hier ist kein Panel zu viel, hier wird nicht einen Moment ziellos herumgelabert – obwohl es meist nur ums Labern geht!

Die Menschen in diesen Geschichten wissen genau, was mit ihnen los ist. An Analyseschärfe sind sie nicht zu überbieten – doch der Schritt zur Therapie wird nie gemacht.
WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN offenbart das gleißende Paradox junger Menschen: alles möglich, nix passiert.

Ist es böse? Ist es bitter? Ist es verzweifelt? Ist es resignativ?
Letzteres auf keinen Fall. Wo noch so klar reflektiert werden kann, besteht immer Hoffnung.

Der feurige Lover zeigt die kalte Schulter.

 

Ich weiß übrigens nicht, ob ich WIE GUT, DASS WIR DARÜBER GEREDET HABEN als ‚Comic‘ bezeichnen möchte. Ich finde, Julia Bernhard macht keine Comics.
‚Graphic Novel‘ ist es auch nicht, dafür ist ihr stilistischer Ansatz zu info-grafisch.

Nehmen wir hinzu, dass es ihr um persönliche, ja private Befindlichkeiten in der modernen Gesellschaft geht, fühle ich mich an das Genre des Poetry-Slams oder der Slam Poetry im Allgemeinen erinnert. Julia Bernhard gestaltet illustrierten Poetry-Slam.

Ich nenne es Illu-Slam.

 

Da ist sie nicht die einzige, wahrscheinlich arbeitet eine Menge Leute im Independent-Bereich auf ähnliche Weise (obwohl mir grad keine einfallen … vielleicht Kai Pfeiffer, Anna Sommer?).

Ich will den Begriff (Illu-Slam!) nur mal aufwerfen, um unseren Blick zu schärfen für die vielfältigen Spielarten und Ausdrucksweisen des Comics.

Heben SIE mal IHREN Hintern vom Sofa und entdecken sie die Kraft der ‚Neunten Kunst‘. Es lohnt sich. Und ich bade gerade meine Hände drin. Ihre Comictante-Tilli.

Verlagsseite von avant HIER abrufbar.

 

 

 

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