Valerian & Das fünfte Element

Hype der Woche: die Comicverfilmung VALERIAN. Was ist dran? Der Film ist lustig, er hat Schmiss und Schauwert, er ist einfach hinreißend – bis zur ca. 110. Minute (von 137). Dann verkackt er. Aber fangen wir vorne an.

Raumagent Valerian und seine Kollegin Laureline beschaffen auf einem Alien-Markt ein außergewöhnliches Tierchen, hinter dem die halbe Galaxis her ist. Das gehört aber dem friedvollen Volk der Pearls, die als Kollateralschaden einer Raumschlacht beinahe ausgerottet wurden. Die Rückgabe des Tierchens verläuft nicht ohne Komplikationen.

Licht und Schatten bei den Schauspielern: Dane DeHaan als Valerian ist mir zu bubihaft, kann man aber mit leben. Das Model Cara Delevinge als Laureline ist exzellent und meine Hoffnung für etwaige Fortsetzungen. Clive Owen als Commander Filitt kriegt seine Rolle überhaupt nicht in den Griff, wohingegen der Musiker Herbie Hancock in einem kleinen Part mein Herz erwärmt. Seltsam, seltsam.

Dane DeHaan und Cara Delevinge als Valerian und Veronique (oder, wie sie wohl von nun an in Ewigkeit wie auch im Comicoriginal heißt: Laureline).

 

Regisseur  und Autor Luc Besson lässt die Sau raus und sprüht vor Einfällen, bis ihn kurz vor Schluss eine fatale Dramaturgie- und Skriptschwäche ereilt (dazu gleich).

VALERIAN begeistert mit seinem Tempo und der inhärenten Ironie, erlaubt sich zauberhafte Miniaturen, die erfrischend skurril und durchgeknallt sind. Das zur Erde stürzende Monster vom Alien-Markt etwa, das einen Fetzen von Laurelines Dress im Maul behält („Mein Kleid ist ruiniert“).
Der Auftritt des U-Boot-Kapitäns, der sich mit einer geköpften Flasche Champagner selber tauft, oder (mein Liebling) die exaltierte Ankleidedame des grotesken Boulan-Bhator-Herrschers. Hier folgt noch eine köstliche (!) „Hannibal“-Referenz, möchte ich fast sagen, als Laureline dem Herrscher Zitronen präsentiert, der aber nur an ihrem … Hut interessiert ist. Mehr verrate ich nicht.

Es gibt zudem eine sagenhafte Burlesk-Nummer mit Rihanna, die jedes Männerfantasien-Klischee im Schnelldurchgang abfeiert. Perfekt.

Kurz: VALERIAN hält cineastische Momente für die Ewigkeit parat.

 

Und dann schmeißt Regisseur Besson das Ganze weg für die blödsinnigste, unnötigste und überflüssigste Schießerei der Filmgeschichte!
Es ist schon fast Slapstick: Bloß weil Valerian und Laureline den bösen Commander Filitt wachrütteln, kann der einen Befehl zum Angriff geben. Der nichts mehr am Ausgang des Films ändert. Er verzögert bloß das Happy End mit viel Krach und einer ärgerlichen Baller-Orgie.
Diese schwarzen K-TRON-Kampfroboter mussten noch im Einsatz gezeigt werden. Die bringen’s aber gar nicht, sondern können offenbar mit pisseligen Handfeuerwaffen ausgeschaltet werden (Valerian im Vorbeilaufen gleich drei Stück davon).
So was ist peinlich.

Alarm, Eindringlinge von der Requisiten-Resterampe!

Aber auch typisch Besson, leider, der sich in seinen Filmen immer wieder in konventionelle Strecken flüchtet, vielleicht aus Ratlosigkeit, vielleicht aus Mutlosigkeit, vielleicht aus falsch verstandener Dramaturgie. Auch VALERIAN bietet nicht nur diese Schlussschlacht auf, sondern davor schon eine minutenlange, turbulente Flugverfolgung durch das Gewirr der Weltraumstadt, die wir schon zehnmal in anderen Filmen gesehen haben – in dieser Ausführung komplett verzichtbar und damit langweilig!

Luc Besson hat begnadete Ideen und den Furor, sie auch umzusetzen. Aber er ist kein Regiegenie und erst recht kein guter Szenarist. Der Plot von VALERIAN ist eindimensional, er klappert und wackelt und zerfällt am Ende – auch die Auflösung, wie der Planet der Pearls zerstört wurde, fuchtelt schlimm mit dem Zeigefinger und wartet noch mit lachhaft überdeutlichen Rückblenden auf („Der Planet ist doch bewohnt“).

„Wat seid ihr hier am Schießen? Seht ihr dann nit, dat hier Lück stonn?!“

Also, wenn Sie den Film nochmal sehen (auf DVD oder Stream), schalten sie ab, wenn das Tierchen wieder übergeben ist! Es folgt nichts Sehenswertes mehr!

Und nochmal nachgetreten: Die Filmmusik ist pappig, teils kitschig und oft bös klischiert.

Ich finde die Trailer wenig aussagekräftig, aber hier linke ich einen deutschen zur Ansicht.

 

Jetzt diskutieren wir noch Bessons schon 20 Jahre alten (holla!) Vorläufer DAS FÜNFTE ELEMENT, das ebenfalls ein junges Model darstellerisch in den Mittelpunkt rückte. Auch dieser Film hat eine Menge von VALERIAN, quasi eine Art Fingerübung für ihn, denn der Zeichner Jean-Claude Mézières schuf gemeinsam mit dem Kollegen Moebius das Production-Design!

Ist VALERIAN ein gut gelauntes FÜNFTES ELEMENT?
Oder ist DAS FÜNFTE ELEMENT unter Umständen der bessere VALERIAN?

Um die Frage gleich zu beantworten: weder noch. Beide Filme sind faszinierend und können gut für sich allein stehen.

Obwohl mein Herz mehr am FÜNFTEN ELEMENT hängt. Ich mochte ihn damals im Kino schon, stand aber ziemlich allein da mit meiner Meinung.

Der Film wurde als missratener Science-Fiction abgestempelt, aus heutiger Sicht würde man ihn als ausgelassene Action-Komödie kategorisieren. Ich plädiere sehr dafür, DAS FÜNFTE ELEMENT in die Top Ten der Action-Komödien aufzunehmen (gibt ohnehin kaum welche).

Auch hier dreht sich die Handlung um einen „McGuffin (nachschlagen!).

Ein höheres Wesen muss gefunden werden, um das aus dem All anrasende Böse zu neutralisieren. Auch hier jagen konkurrierende Fraktionen nach dieser Person, wobei der Taxifahrer Korben Dallas zwischen die Fronten gerät und am Ende alles richten muss.

(Schöner Dialog zum Showdown: „Wie viel Zeit haben wir noch bis zur Zerstörung allen Lebens?“ – „Eine Stunde und 57 Minuten.“ – „Gut, ich melde mich dann in zwei Stunden.“)

Der Film hat Flair, er hat Atmosphäre, er hat Witz, er hat ganz entzückende Garderoben von Jean-Paul Gaultier. Er ist irre, er ist albern, steckt voller Details, hat ein tolles Timing, kreative Schnitte, hat auch Herz und eine saubere Dramaturgie.

Und der Film hat Bruce Willis, Ian Holm, Gary Oldman und in einer Nebenrolle den damaligen Comedystar Lee Evans. Willis ist der stoische Ruhepunkt in einem ansonsten hektisch bis hysterisch agierenden Umfeld, das zum Teil Anflüge von Louis-de-Funés’scher Komik entwickelt.

Viele Zuschauer mögen genervt sein von der überdrehten Performance von Komiker Chris Tucker in der zweiten Hälfte. Schaut man das jedoch mit dem Wissen, dass sich Tucker für die Rolle sämtliche Manierismen von Prince draufgeschafft hat, ist es allerdings hochkomisch.

Dass allerdings ausgerechnet eine struppig wirkende Milla Jovovich das perfekte Wesen sein soll, dass allen Männern den Atem verschlägt, ist eine mentale Transferleistung, die jeder für sich hinkriegen muss.

DAS FÜNFTE ELEMENT ist genauso spinnert wie VALERIAN, stellt diese Sequenzen jedoch viel mehr aus. Besson hat angeblich einen Jugendstoff 20 Jahre mit sich herumgetragen und hier ausgelebt. Eine gewisse pubertäre Unschuld haftet dem Werk in der Tat an (was man auch von VALERIAN behaupten könnte). Bessons Fantasywelten sind nicht moralisch schmutzig und verloren, sie sind nur korrumpiert und können jederzeit gerettet werden (und so skurril eingerichtet, dass man sie nicht ernst nehmen kann). Was man von ALIEN, BLADE RUNNER, ROBOCOP, TERMINATOR etc. nicht behaupten würde …

DAS FÜNFTE ELEMENT kommt im Remastered-Re-Release wieder ins Kino, und zwar am 10. August. Hier ist der Trailer.

 

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