Tillmann schaut: TABOO

Gleich vorweg, diese neue Serie von BBC One und FX ist nicht wirklich gut. Ich kann sie keinesfalls uneingeschränkt empfehlen – TABOO ist langgezogen, mysteriös und erschließt sich nicht völlig. Dennoch hab ich (mit Pausen dazwischen) die acht Stunden der ersten Staffel von acht Folgen durchgehalten. Aus folgenden Gründen: Diese Serie macht den Molli mit uns Zuschauern, sie lässt unsere Erwartungen komplett gegen die Wand laufen. Das ist anstrengend, aber auch auf experimentelle Weise höchst kunstvoll.

Viele Szenen laufen ins Leere, halten die Kamera auf schräge Details, die aber keinen Sinn ergeben. TABOO verweigert uns Verständnis. Zudem wird nie klar, ob Hauptfigur James Delaney nun magische Fähigkeiten besitzt oder nicht … er hat zumindest Visionen. Das ist zwar frustrierend, wird aber so fantastisch ins Bild gesetzt, so atmosphärisch berückend inszeniert, dass die Handlung oft nebensächlich wird.

TABOO ist hypnotisch!

 

Diese Serie ist ein Kostümdrama aus dem London des frühen 19. Jahrhunderts. Historische Folie ist ein Krieg zwischen England und den noch jungen USA (1812­–15), ein vergessener Konflikt, von dem ich noch nie gehört hatte. TABOO aber ist keine Geschichtsstunde, sondern Intrige um den Seehändler James Delaney, eine mehr als zwielichtige Gestalt.

Tom Hardy gibt dieses Phantom, das als Musterkadett in die Welt zog und nun als monströser Wilder seinen Fuß auf englischen Boden setzt. Delaney hat sich mit afrikanischer Sklaverei furchtbarer Verbrechen schuldig gemacht, will einen Neuanfang wagen und das Erbe seines Vaters antreten. Dieses Erbe besteht aus einem Stück Land, ein strategisch wichtiger Küstenstreifen an der kanadischen Grenze in der Neuen Welt. Um diesen streiten und ringen Delaney selbst, die gottgleiche „East India Company“ und Agenten der Amerikaner.
Das gerät zunehmend verwirrend, weil jeder gegen jeden agiert, mit allen Tricks operiert und keine Verbrechen oder doppelte Volten scheut. Subplot ist noch Delaneys inzestuöses Verhältnis zu seiner Halbschwester, der geisterhaft wirkenden Schauspielerin Oona Chaplin.

Jeder Darsteller in TABOO ist zum Niederknien: herrlich verwitterte Visagen an zerstörten Galgenvögeln, arrogante Teigigkeit bei den Bessergestellten. Jonathan Pryce darf das Arschloch von der Company geben, Stephen Graham (der Al Capone aus BOARDWALK EMPIRE) ist der finstere Mörder Atticus, Tom Hollander (Gegenspieler des NIGHT MANAGER) brilliert als drogensüchtiger Sprengmeister und Mark Gatiss taucht als grotesker Prinzregent auf). Witzig für deutsche Zuschauer: In einer Kleinrolle erleben wir Franka Potente als abgetakelte Puffmutter Helga!

Stephen Graham als unheimlich effizienter Henchman Atticus

Der Look und Feel von TABOO ähnelt frappant einer Serie, die vor BREAKING BAD, MAD MEN und HOUSE OF CARDS der Hype (und mittlerweile fast vergessen ist): DEADWOOD!
Die Farben sind genauso ausgeblichen, der Dreck spritzt ebenso hoch, das Tempo trödelt auf dieselbe Weise dahin. Vielleicht auch das ein Grund, weshalb alte Westernfans hier am Ball bleiben …

Also Fans von Tom Hardy, Fans von DEADWOOD, Fans schräger Sittengemälde mögen TABOO eine Chance geben, für alle anderen wird es unbefriedigend sein.

Tipp: Unbedingt auf Englisch schauen – das seltsame Raunzen, was uns Tom Hardy als Sprache verkauft, macht 30 % des Sehspaßes von TABOO aus! (Zum Verständnis hatte ich zudem die – Achtung: nur deutschen – Untertitel zugeschaltet).

Trailer von TABOO:

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