Tillmann schaut: ROGUE ONE

Ich ringe mit den neuen „Star Wars“-Filmen! Die Episoden VII und VIII haben mich vollkommen kalt gelassen; ich ahne, meine Zeit mit „Star Wars“ könnte vorüber sein.
In VII müssen sie schon wieder einen Todesstern sprengen (nur, dass es diesmal ein ganzer Todesplanet ist, ich möchte kotzen, ehrlich) und in VIII dödeln die Rebellen im Weltraum herum und werden bis auf eine echte Handvoll aufgerieben.
Trotz Daisy Ridley und Adam Driver stört mich viel Gewese und Pathos und auf Nebenfiguren ausgelagerter Humor (putzige Aliens, denen der Putz auf den Kopf fällt etc.) – nervt!

„Man kann nicht jedes Jahr einen neuen Star Wars-Film raushauen, denn dann ist Star Wars bald ausgelutscht,“ urteilten kompetente Blogger (unten mehr dazu).
Exakt mein Gefühl. Es ist schon völlig redundant geworden.

Meine Theorie (und auch die der Blogger) ist, dass die erste Trilogie und der erste Film (der ja für sich stehen kann!) schon alles ausgelotet und perfekt bedient hat: Weltraumabenteuer, Buddymovie, Familientragödie und Superschurkenposse in einem.
Der „Krieg der Sterne“ von 1977 war so ikonisch, originell und mitreißend, dass man ihn nie wieder wird übertreffen können.

Von der unseligen Prequel-Trilogie wollen wir hier gar nicht reden. Das besorgen höchst kompetent im Netz diverse Fans und Kritiker. Die besten sind die Jungs von „redlettermedia“ (auch als „Half in the Bag“ oder „Mr. Plinkett“ bekannt).

Wer’s nicht kennt: Auf YouTube finden sich stundenlange Analysen dieser Vlogger-Gruppe: hochdetaillierte und saukomische Verrisse z.B. der neuen Trilogie. Das sind oscarwürdige Dokumentationen, die beweisen, wie George Lucas diese Filme mit Kaffee in der Hand aus seinem Regiestuhl heraus als seelenloses Greenscreen-Theater inszeniert.

Pflichtprogramm! Schauen Sie sich bitte die ersten zehn Minuten der „Phantom Menace“-Kritik an – danach sind Sie süchtig!

 

Was aber ist mit ROGUE ONE?

 

Das „Star Wars“-Filmchen ohne Nummer. Das Prequel zu „Episode IV“. Der Stand-alone-Film von 2016. Der Teil nach „Episode III“. Ist er dann nicht eher „Episode III b“?
Egal, ROGUE ONE unterhält mich. Jetzt auf DVD wiedergesehen und weiterhin angetan gewesen. Der ist ein prächtiges Prequel zu unserem geliebten Klassiker.
(Auch wenn ich kein „Star Wars“-Nerd bin, so war dieser Film auch für mich DER Film meiner Jugend.)

ROGUE ONE erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass Luke und Han kurze Zeit später den gefürchteten Todesstern in die Luft jagen konnten. Ich finde das clever, handlungstreibend und durch die Bank spannend erdacht und umgesetzt.

Handlung ganz kurz:  Der Konstrukteur des Todessterns verrät seiner Tochter, wo die Schwachstelle im System liegt. Die zieht mit einer Bande von Rebellen los und besorgt die Baupläne, die für das Imperium den Anfang vom Ende bedeuten.

Das ist doch wunderbar ironisch, dass ausgerechnet ein Mitläufer den Grundstein zum Fall des Imperiums legt. Da hätte man vom Drehbuch her noch reingehen sollen, auch in das Verhältnis zur entfremdeten Tochter, die er 15 Jahre lang nicht mehr sehen wird.

Die Figuren in diesem Film sind überhaupt ein eigenartiger Haufen, möglicherweise für den globalen Markt zurechtgecastet: Felicity Jones ist die idealistische Tochter, Mads Mikkelsen ihr gequälter Vater, Donnie Yen ein  blinder Martial-Arts-Jedi, Jian Wen ein Brecher mit Laser-Pumpgun, Diego Luna der wilde Rebell, Riz Ahmed ein desertierter Feindpilot und Forest Whitaker ein asthmatischer Terrorist.
Aber ich mag diesen Haufen, es sind kratzige Darsteller, von denen keiner wie der klassische Held aussieht (und einige Schauspieler waren mir echte No-Names, ist bei „Star Wars“ ja so üblich).

Der Rebellenhaufen, nicht im Bild sind die mitkämpfenden Tiere und Kinder (nein, Spaß, war nur Spaß, keine Tiere und Kinder in diesem Film!) – Foto: Jonathan Olley & Leah Evans – © 2015 – Lucasfilm Ltd. All Rights Reserved.

 

Meiner Ansicht nach bekommt der Film eine glaubwürdige Mischung aus Ernst und Humor hin. Auch wenn am Ende alle draufgehen! Alle gehen am Ende drauf!
Ich spoilere grad ein bisschen, aber am Ende GEHEN ALLE DRAUF!

Darin ist ROGUE ONE ein mutiger Film, der solche Düsternis wagt und kindliche Zuschauer verstören wird. Das Ensemble wächst einem tatsächlich ein wenig ans Herz, die Handlung ist zielführend ohne Schnickschnack, die Dialoge nicht übermäßig pathetisch … (na gut, es ist ein amerikanischer Militärfilm, aber da hat man schon Schlimmeres gesehen).

ROGUE ONE ist straff komponiert, hat übrigens einen sensationell guten Roboter (den hager-bedrohlichen umprogrammierten Imperialdroiden K-2SO). Der ist sogar witzig!
Nicht ein einziges Ärgernis wie diese überdimensionierte (und offenbar allmächtige) Billardkugel BB-8 (fall ins schwarze Loch, du aussortierter Christbaumschmuck).

Okay, drei Sachen finde ich logisch lächerlich an ROGUE ONE:

  1. Die terroristische Fraktion der Rebellen begeht ein massives Attentat in Jedha City und dann latschen sie seelenruhig durch die Wüste – in Sichtweite eines Sternenkreuzers! Haben die keine Überwachungskameras an Bord?
  2. Die Sache mit dem Kabel und dem Schalter. Mitten im Kampfgetümmel an der Lagune, also fernab der Zentrale, wo es mehr wie der Grillplatz der Imperialen aussieht, muss ein Kabel gezogen und ein hochwichtiger Schalter umgelegt werden. Draußen! Selbst Plotzusammenfassungen des Films decken den Mantel des Schweigens über diese Szenen.
  3. Die Baupläne des Todessterns befinden sich auf einer Festplatte, die aus dem Archivturm gestohlen werden muss. Soso. Das Imperium baut Superwaffen und Archivtürme, aber ist zu geizig, ein paar Groschen in einen Cloudspeicher zu investieren?

Naja, es ist halt ein anderes Universum als unseres. Man sieht auch keine Handyläden in diesen Weltraumstädten …

Dafür hat ROGUE ONE aber auch drei fantastische Sachen im Angebot:

  1. Die beste, weil nachvollziehbarste Raumschlacht aller Zeiten. Kein kopfloses Gewusel und Geballere wie üblich, sondern klar definierte und erkennbare Unterziele, die parallel von diversen Akteuren abgearbeitet werden. Haarsträubend spannend und noch dabei todschick anzuschauen.
    (Sagt selbst Kollege Cordemann und der ist „Star Wars“-Experte.)
  2. Darth Vader! Dieser Film hat Darth Vader, wie wir ihn aus der alten Trilogie kennen und schätzen: die gespenstische Kampfmaschine ohne Gewissen. Die neue Trilogie hat uns ja jahrelang beschissen und uns den Bösewicht vorenthalten (sondern uns dafür ein drolliges Kind bzw. einen patzigen Teenager vorgesetzt).
    ROGUE ONE schenkt uns auch nur zwei Szenen, die zweite jedoch ist eine gänsehautgute Kampfszene mit Darth Vader, die für mich zu den Highlights der ganzen Serie zählt. Rrrrrrrr!
  3. Ein traumwandlerisch sicherer und schöner Anschluss an den Klassiker, unser „Krieg der Sterne“. Jetzt wissenmer endlich, wie die Pläne des Todessterns in R2-D2 gekommen sind: R2-D2 auf, Pläne rein, R2-D2 zu! Harhar.

Meine geliebten Vlogger von „redlettermedia“ haben ROGUE ONE allerdings komplett verrissen, kein gutes Haar dran gelassen. Es sei ein Kriegsfilm ohne echte Charaktere, nach Fan- oder Verkaufsinteressen zusammengewürfelt, noch dazu mit peinlichem Ende. Ich teile diese Ansicht (diesmal) überhaupt nicht.
Ein spaßiger Heist-Movie nach „Ocean’s Eleven“-Vorbild (sie stehlen die Pläne im Todesstern selber) hätte ihnen besser gefallen.
Ja, aber so subtil ist „Star Wars“ nie gewesen. „Star Wars“-Filme sind Kirmesfilme.

Hier wieder einsteigen, hier wieder mitfahren!

 

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