Tillmann schaut: PADDINGTON 2

In den Osterferien saß ich auf einem Langstreckenflug und zog mir auf dem Sitzdisplay THE DEATH OF STALIN rein. Und da ich meine Augen immer überall habe, bemerkte ich, was die Fluggäste ringsum so schauten. SHAPE OF WATER. THREE BILLBOARDS. JUSTICE LEAGUE. Und offenbar ein Kinderfilm mit einem animierten Bären.
Hmm.

DEATH OF STALIN war leidlich unterhaltsam, interessanter Cast, aber ich hätte Untertitel gebraucht, die hier nicht anwählbar waren. Und so schweifte mein Blick öfters ab auf die anderen Angebote. SHAPE OF WATER. THREE BILLBOARDS. JUSTICE LEAGUE. Dieser schräge Kinderfilm mit einem animierten Bären.
Hmm, hmmmm.

Gegen Ende meines Films hatte ich anhand des Auswahlmenüs ermittelt, was dieser bonbonbunte, knallige und höchst verlockende Kinderfilm sein musste: PADDINGTON 2, anscheinend eine britische Produktion, denn ich erkannte aus drei Meter Entfernung einige Schauspieler, die großen Spaß an dem hatten, was sie da spielten. Auch wenn sie mit einem computergenerierten Bären agieren mussten.

Kurz: Ich war auf die Ferne besser unterhalten als mit dem Film, den ich um die Ohren hatte (ich würde mir niemals Großproduktionen auf einem laptopgroßen Schirm mit Ohrstöpseln anschauen, z.B. SHAPE OF WATER. THREE BILLBOARDS. JUSTICE LEAGUE).

Ich merkte mir PADDINGTON 2 – und habe ihn dieser Tage nachgeholt.
Es handelt sich hierbei um einen von Paul King geschriebenen und inszenierten Halbanimationsfilm, der nicht nur zauberhaft gemacht ist, sondern eine der besten Komödien der letzten Jahre – Kinderfilm hin oder her. Schauen Trailer!

 

Dieser Film ist bunt, rasant, kreativ inszeniert, nicht unbedingt so vorhersehbar wie man meinen möchte und platzt vor Ideen förmlich aus den Nähten. Es gibt keine einzige Szene, die Standard wäre – das Paddington-Team präsentiert uns immer einen kleinen Extra-Dreh, ein Sahnehäubchen.

Die Fensterputz-Passage beginnt zum Beispiel mit einem haarsträubend lustigen
Auf und Ab an einer Hausfassade (der Trailer offenbart uns nur den Abschluss). Die Frisörladen-Szene ist ebenfalls bombastisch guter Slapstick, und Paddingtons Ankunft im Gefängnis sowie das Malheur mit der Wäsche der Insassen ist so albern (aber gleichzeitig so abgefeimt und leichthändig serviert), dass ich einfach lachen musste.

(Passiert nicht oft. Ich bin ein alter Kabarettkritiker und Satiriker a.D., der schon alles gesehen oder selbst versucht hat.)

Des Bären Bezugsfamilie, darunter Sally Hawkins, Julie Walters und Hugh Bonneville.

 

PADDINGTON 2 jubelt uns (kaum dass wir es merken) kleine und kleinste Szenen so hübsch variiert und aufbereitet unter, dass es eine Freude ist (im Trailer die „Einbruchs-Sequenz“ bemerkt, ab Minute 1:41?). „Hier ist doch gar nichts zu Bruch gegangen“ – wundervoller kann man Gags nicht timen!

Allen voran glänzen die realen Schauspieler.
Wir erfreuen uns an dem gealterten Hugh Grant als hochkomischem Schauspieler-Bösewicht (der sein ersehntes Comeback im Filmabspann als Hauptdarsteller eines Gefängnis-Musicals erlebt!).

Hat Spaß am Theatralischen: Hugh Grant.

 

Hugh Bonneville aus DOWNTON ABBEY ist der Vater von Paddingtons Zieh-Familie, er braucht ein  bisschen, hat dann gegen Ende aber perfekte Szenen.

Tom Conti
(hab ihn nicht erkannt, mein Gott, der war fast mal ein Star in den Achtzigern!), „Poeten küsst man nicht“ aka „Reuben, Reuben“, spielt den griesgrämigen Richter (und das wiederkehrende Opfer dieser Komödie) mit einer genialen Zerfahrenheit, die nicht mehr von dieser Welt ist.

Tom Conti als Gesicht des ‚alten Englands‘.

 

Der unvermeidliche Jim Broadbent bekommt nur eine Kleinrolle als kauziger Antiquitätenhändler, die er mit drolligem Akzent (deutsch?) abliefert. Auch als Kleindarsteller dabei: der famose Peter Capaldi (der zwölfte Dr. Who) als menschenfeindlicher Kontrollfreak.
In einem Cameo-Auftritt als Gerichtsgutachter das ‚funny face‘ des englischen Fernsehens  schlechthin: Richard Ayoade aus THE IT CROWD, wie immer unverwechselbar und unbezahlbar.

Den Vogel aber abschießen tut der stets wundervolle Brendan Gleeson als Knastkoch Knuckles McGinty. Wie sich der beinharte Gangster von dem Bärchen angehen lässt und sich hernach zum feinfühligen Pâtissier wandelt, ach, das sind die Dinge, für die Kino erfunden wurde. Da strahle ich einfach.

Die Knastbrüder, versammelt um Brendan Gleeson.

 

Zudem wartet PADDINGTON 2 mit köstlichen Filmzitaten und Hommagen auf (eine im Prinzip blödsinnige Verfolgungsjagd mit Dampfzügen gerät hier jedoch noch mal äußerst amüsant). Und wenn Sie glauben „Hab ich schon gesehen, Dankeschön“, dann isses hier trotzdem wieder herzerwärmend. Komödienkino wie es sein sollte.

(Wohliges Brummen.)

Höh, der Film ist so unterhaltsam, ich hab die Handlung ganz vergessen! Paddington will seiner Ziehmutter zum Geburtstag ein antikes Buch über London schenken, doch dies birgt auch die Schatzkarte zum Vermögen einer verstorbenen Zirkusartistin. Der schäbige Schmierant Buchanan (Hugh Grant) bekommt Wind von der Sache, stiehlt das Buch und hängt Paddington den Raub an – der dafür in den Knast wandert.

Sehnsemal: Der Film wird von seinen Figuren so gut getragen, dass die Handlung fast zur Nebensache wird. Höhöhä!

 

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