Tillmann schaut:  KIDDING

Wird Mr. Pickles wahnsinnig? Darf er das überhaupt?

Mr. Pickles ist eine Kinderfernseh-Institution, ein Mann in seiner Lebensmitte, der seit etlichen Jahren die Jugend Amerikas mit kindgerechter, tugendhafter und versöhnlicher Unterhaltung bespaßt.

Doch letztes Jahr kam sein Sohn Phil bei einem Verkehrsunfall ums Leben und Jeff (Mr. Pickles) hat versucht, die Trauer mit Verständnis und Vergebung zu verdrängen. Dafür hat ihn seine Frau Jill verlassen, der andere Sohn Will wird problematisch – und Jeff rutscht zusehends in halluzinatorische Depressionen.

Ist dieser traumatisierte Mr. Pickles noch imstande, seine Sendung weiterzuführen?

Der Produzent der Show, Sebastian (übrigens Jeffs Vater!), plant eine Entmachtung seines Sohnes und seines Geschöpfs durch den Einsatz von Animationsfilmen und serbokroatischen Mr. Pickles-Imitatoren.
Jeffs Schwester Deirdre, die Puppenbauerin der Sendung, steht dabei zwischen den Fronten. Ihr Bruder und Strahlemann stiehlt ihr seit jeher die Show, daheim entfremden sich Tochter Maddie und Ehemann Scott, der ein schwules Verhältnis mit dem Klavierlehrer unterhält.

Eine schrecklich dysfunktionale Familie: Jeff, Jill, Deirdre, Will und Seb.

Jeff inzwischen taumelt ebenfalls durch ein Leben, das ihm entgleitet; selbst die Affäre mit einer schwer krebskranken Frau verschafft ihm nur kurz Ablenkung.
Das klingt alles schlimmstens gewollt und bis zum Anschlag unglaubwürdig. Doch KIDDING besticht und fasziniert durch feines Timing, skurrile Settings, einen brutal ehrlichen Plot – und nicht zuletzt durch gegen den Strich gecastete Darsteller.

Die todkranke Vivian schöpft wieder Lebensfreude dank Jeff, der ihr weiterhin Mut macht.

Diese Persiflage auf irgendwas zwischen MUPPET SHOW und SESAMSTRASSE („Hinter den Kulissen von …“) wirkt auf den ersten Blick total gaga, im Lauf der Serie staunt man allerdings immer mehr über die Vielschichtigkeit und Variabilität dieses fiktiven Formats. MR. PICKLES ist so gut ausgedacht, dass es echt sein könnte!

Der Franzose Michel Gondry legt inszenatorisch den Stil fest und führt Regie bei einigen Folgen.  Der Mann ist eine Musikvideo-Legende, erfrischt uns mit unkonventionellen Einstellungen und impft auch KIDDING mit einem Schuss Psychedelik, die diese Serie einzigartig macht.

Und nun loben wir noch die Menschen vor der Kamera: Jim Carrey, der hassgeliebte Overacting-Clown, auf den seit 20 Jahren niemand mehr einen Pfifferling gibt, verkörpert Jeff Pickles mit der goldrichtigen Mischung aus alberner Intensität, unterdrückter Trauer und brütendem Wahnsinn. Das ist schon beeindruckend.

Catherine Keener, die früher mal fatal oder sexy sein musste, ist hier die reife Frau und Mutter, die sich mal richtig in Monotonie und Farblosigkeit fallenlassen darf: die übersehene Frau, die funktionierende Frau, mit der niemand richtig zu tun haben will, weil sie so tranig und träge ist.

Dritte Hauptfigur ist Vater Seb, gespielt von Frank Langella, die härteste Sau von allen. Den kennen Sie, obwohl man keine Rolle mit ihm verbindet (er war tatsächlich u.a. in MUPPETS MOST WANTED).  Langella legt einen tollen Spagat hin zwischen eiskalt kalkulierendem Businessmann und fürsorglichem Patriarchen. Er peitscht mich emotional durch mit  konsternierenden Statements der Gefühllosigkeit, gefolgt von Momenten aufrichtiger Anteilnahme und Wärme! Das hab ich so noch nie erlebt.

Catherine Keener als Schwester Deirdre, Frank Langella als Vater Seb.

In Nebenrollen agieren noch diverse verstörte Kinder; ein Show-Assistent, dessen Vater mit der Giftspritze hingerichtet wird; eine ehemalige Junkie-Braut; der unheimlich nette, neue Lebenspartner von Jeffs Frau sowie der klemmige Mann von Schwester Deirdre.

Nach den ersten zehn Folgen endet KIDDING auf einem Geschehnis, das nicht das Ende sein kann. Und tatsächlich, es gibt eine zweite Staffel, auf die ich aber absolut spitz bin!

KIDDING ist ungewöhnlich, außergewöhnlich und präsentiert eine Scheinwelt, die so erschreckend detailliert und lebensnah konstruiert ist, dass es mir fast so etwas wie Grusel bereitet. Cool!

Trailer ab, bitte:

 

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