Tillmann liest: ZOMBILLENNIUM

Eine Schar von  Monstern und Untoten betreibt einen Spuk-Erlebnispark bei Valenciennes und hat sich in gemütlicher Routine eingerichtet: In der Geisterbahn geistern echte Gespenster, auf der Achterbahn flattern Vampire um die Wagen, auf der Theaterbühne läuft Michael Jacksons „Thriller“-Show mit echten Zombies.

Der Arbeitsalltag der liebenswerten (und gewerkschaftlich organisieren) ‚Working Dead‘ wird durchbrochen und nachhaltig gestört durch die Aufnahme eines Neulings: Der Mensch Aurelian kommt bei einem Unfall vor den Toren des Parks (der ZOMBILLENNIUM heißt) ums Leben und wird von einem Vampir sowie von einem Werwolf reanimiert – was ihn zu einem Superdämonen werden lässt.

Aurelian beginnt seine Schicht im ZOMBILLENNIUM und plaudert mit dem Geist Yves.

 

Aurelian mischt die Belegschaft wie die Kundschaft der Attraktion auf und wird zum neuen Star von ZOMBILLENNIUM. Das befördert Neid und Intrigen; auch nicht hilfreich ist ein Amoklauf Aurelians, der den Liebhaber seiner Frau im Park entdeckt. Das alles ist jedoch nicht auf Spannung und Grusel, sondern auf Humor angelegt. ZOMBILLENNIUM ist eine exzellente Horrorkomödie.

Der zum Dämon gewandelte Aurelian nimmt sich den Liebhaber seiner Frau vor. Dessen Rettung naht in Gestalt der Hexe Gretchen auf ihrem fliegenden Skate-Besen.

 

Der französische Comiczeichner Arthur de Pins, der ansonsten mit dem Erotikfunny LIEBLINGSSÜNDEN reüssiert, hat drei Bände ZOMBILLENNIUM gestaltet – und zwar komplett am Computer. Das muss man mögen, ich finde es ultraschick, allerdings hat das auch seine Beschränkungen. Zum einen, dass es wie Trickfilm auf Papier wirkt. De Pins denkt auch absolut filmisch (dazu später mehr).

Und er beherrscht Film: Studieren Sie bitte meine eingescannten Beispielseiten, dann sollte Ihnen auffallen, wie flüssig und unterhaltsam de Pins seine Szenen komponiert; filmischer ist ein Comic selten gewesen.

Francis der Vampir überfährt Aurelian und holt in mittels Biss auf die untote Seite. Die Szene ist extrem cineastisch ausgestaltet.

 

Sein Timing ist genial, seine Figuren sind herrlich lebendig und sympathisch: Heimliche Hauptfigur von ZOMBILLENNIUM ist allerdings Gretchen, die coole Hexe mit dem kürbisrunden Kopf. Neben ihr spielen prominent der Werwolf Blaise, der Vampir Francis, der Sensenmann Sirius, der Geist Yves, die Mumie Aton sowie der junge Dämon Astaroth.

Gretchens Geschichte, mit ironischen Seitenhieben auf die Harry-Potter-Saga.

 

Band für Band schiebt de Pins weitere Figuren aufs Brett: die Frau mit den siamesischen Zwillingen bzw. den teuflischen Controller Jaggar, der den Menschen im Park ans Leder will.

Was als Screwball-Horrorcomedy mit schwarzen Tönen beginnt, entwickelt nach und nach tiefergehende Anliegen wie Reflexionen über Wert und Sinn des Lebens, Schicksalsgeworfenheit, Mechanismen des Marketings oder ganz simple Kritik an Arbeitsbedingungen (Franzosen!).

Backstage im Gruselpark: Aton die Mumie weist Aurelian ein.

 

Kleiner Wermutstropfen an ZOMBILLENNIUM ist, dass die vielen Figuren im Lauf der Bände nicht ausgewogen bedient werden. Yves, der Geist, bleibt plötzlich verschwunden (vielleicht okay für einen Geist, aber ich hab’s gemerkt!) und die Sache mit Astaroth ist nebulös und schief konzipiert. Gut, das sind Nuancen im Vergleich zu einem fassgroßen Wermutstropfen, der mich am Schluss von Band 3 völlig einnässte:

Denn jetzt kommt die Gemeinheit: Die Serie ist nicht abgeschlossen!
Ich dachte, drei Alben, auf Deutsch veröffentlicht 2012–2014, das ist komplett. Pustekuchen. Im letzten Panel steht: „Fortsetzung folgt, Arthur de Pins, Juli 2013“. Arrggh! Was ist da los?

Internetrecherche nach ZOMBILLENNIUM begonnen, mit seltsamen Resultaten:
Auf YouTube findet sich ein Zeichentrickfilm-Trailer zu einem „ZOMBILLÉNIUM“-Film! Ist da was in Planung?

Naja, nicht übel, an Pixar kommen sie nicht ran, aber es dürfte knapp sein. Moment, wenn es aber einen Trailer gibt, dann auch vielleicht …

Oja: Es GIBT einen ZOMBILLÉNIUM- Zeichentrickfilm von 2017! Kreisch!
(ZOMBILLÉNIUM ist die französische Originalschreibung, im Deutschen ZOMBILLENNIUM – zwei „N“, kein Accent).
Hier ist der Eintrag auf der IMDb. Unverzichtbar: die International Movie Database.

Den können Sie als französische Blu-ray sogar kaufen!
Offenbar ist in der Filmversion die Hauptfigur anders benannt und gestaltet. Aurelian ist nun der Familienvater Hector, der in den Park aufgenommen wird, aber dann um Rückkehr zu seiner Tochter kämpft (Vermutung). Da hamse wohl mehr auf Familientauglichkeit gestrickt.

Mir gefällt die rotzigere, bindungslose Team-Aufstellung des Comics aus dem Bauch heraus besser. Ich schlussfolgere weiter, dass de Pins wohl einige Jahre am Film gewerkelt hat und daher den Comic vernachlässigen musste. Deshalb rufe ich nun umso lauter:

Ich will meinen Band 4!

 

Und auf Amazon France finde ich den Hinweis, dass Band 4 noch diesen Monat in Frankreich erscheint. Tzzz. Lässt ja hoffen …

 

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