Tillmann liest: OUTCAST

Mein Comicdealer hat mir das erste Trade umsonst über den Tresen geschoben, jetzt bin ich süchtig. Wie gemein, wir durchschaubar. Wie fahrlässig konnte ich mich da hineinfallen lassen? OUTCAST ist eine Robert-Kirkman-Serie und die hören nie auf (s. THE WALKING DEAD)! Jetzt bin ich 30 Hefte weit in diesem Comic und werde hier auf Jahre nicht herauskommen.

Ist aber okay. :- ) Denn OUTCAST ist ein Genuss.

Hauptfigur ist Kyle Barnes, ein junger Mann, der verwahrlost und traumatisiert in seiner Wohnung haust. Als Kind ist er von der eigenen Mutter missbraucht worden und hat angeblich seine Ehefrau Allison krankenhausreif geprügelt. Jetzt hat er bei ihr und der gemeinsamen Tochter Amber Kontaktverbot.
Kyles Stiefschwester Megan kümmert sich ein wenig, bis ihn der örtliche Pfarrer, Reverend Anderson, um Hilfe bittet. Der Junge Joshua scheint besessen und Kyle hilft dem Reverend beim Exorzismus.

Reverend Anderson wird klar, dass viele seiner Gemeindemitglieder besessen sind – und er ihnen nicht hat helfen können (wie er fälschlicherweise dachte).

 

Ja, wir bewegen uns in OUTCAST in den ländlichen Gebieten der USA. Kleinstädte, mehr Dörfer, sind die Folie für diesen leisen Horrorcomic, der sich um dämonische Besessenheit dreht. Denn Kyle Barnes hat die Gabe, Menschen aufzuspüren und manchmal zu heilen, die nicht mehr sie selber sind. Das ist unheimlich und verstärkt sich noch durch das idyllische Setting.

(Außerdem hab ich ein Faible für solche ‚country death songs‘, wie sie Autor Jason Aaron in seinen Werken SOUTHERN BASTARDS und SCALPED umsetzt; ein Porträt und Besprechung dieser Werke finden Sie unter diesem Link auf dem Portal COMICOSKOP.)

Im Folgenden ziehen der Reverend und Kyle durch die Gemeinde und checken, welche Schäfchen besessen sein könnten. Bald erfolgt der Auftritt eines geheimnisvollen, aber freundlichen Fremden in Schwarz, der sich dem entsetzten Reverend als der leibhaftige Teufel vorstellt. Er wisse um Kyles Fähigkeiten und habe Pläne mit ihm.
(Es folgen drei Beispielseiten, ein Treffen zwischen Kyle und dem dämonischen Sidney)

Shake hands with the devil: Die Berührung durch Kyle lässt alle Besessenen körperlichen Schmerz erfahren. So auch Sidney, der unter heftigem Husten schwarze Substanz ausspuckt.

 

Der Teufel und seine menschlichen Kohorten reden von Kyle als „outcast“, was immer das bedeuten mag. Dutzende brave Bürgerinnen und Bürger sind insgeheim besessen und arbeiten heimlich auf ein satanisches Event hin, den ‚merge‘, die Verschmelzung ihrer diabolischen Energien. Äußerst mysteriös!

Und was hat es mit der teerartigen Substanz auf sich, die die Besessenen auswürgen? Das bleibt vorerst im Verborgenen; OUTCAST schlägt ein behäbiges Tempo an und schlägt gerne (kurze!) Exkurse ein, die jedoch immer wieder aufs Hauptthema zurückführen.

Kyle und der Reverend lernen nach und nach, dass es diverse Stufen der Besessenheit gibt – und sie begreifen, welche Seelen sie noch retten können und in was für Fällen sie machtlos sind.

OUTCAST findet einen eigenen Ton für seinen Grusel und verfolgt eine ungewöhnliche Plotstruktur. Denn diese Serie ist kein straighter Horror, sondern auch eine Familienserie. Kyle sucht die Annäherung an Frau und Tochter; Megan und ihren Polizistengatten Mark trifft ein dämonischer Fluch; die komatöse Mutter von Kyle liegt im Krankenhaus und bekommt Besuch von allen möglichen Parteien. Es läuft eine Menge parallel in diesem Örtchen, wir Leser tasten uns vorwärts durch dieses Figurengeflecht.

Schlüsselmoment zwischen Amber und ihrer Mutter Allison: Das Kind offenbart, dass nicht Kyle es war, der sie damals geschlagen hat.

Mir macht OUTCAST Freude (auch bei wiederholtem Lesen!), es ist unaufgeregt geskriptet, überfällt einen nicht mit Sensationen, sondern schwelt lange vor sich hin und scheint so harmlos zu sein. Den ersten Todesfall gibt es zwar schon in Heft Nr. 2 (ein Nebenstrang, der außerhalb geschieht), aber danach dauert es bis Heft Nr. 24, dass sich eine Figur aus dem Ensemble verabschiedet.

Ab dort schlägt die Handlung generell andere Töne an: Neue Player tauchen auf, Reverend Anderson verfolgt seinen eigenen Ansatz, die Besessenen und Nicht-Besessenen bilden Lager und machen Jagd aufeinander, die Natur der Outcasts wird erklärt. Die Story nimmt augenscheinlich Fahrt auf, um in eine finale Konfrontation zu münden. Wann die allerdings kommen wird, keine Ahnung …

Die Gewalt in OUTCAST wird mit Händen und Füßen ausagiert. Alle zwanzig Seiten (gefühlt) findet sich Kyle bei seinen Exorzismen in wüste Prügeleien verstrickt, sein Gesicht ist eigentlich immer geschwollen und/oder von Pflastern bedeckt.
(Das ist ein klein wenig unfreiwillig komisch, die Serie könnte auch FIGHT CLUB DEMONS heißen …)

Der Reverend und Kyle exorzieren Halbschwester Megan in der Badewanne. Achten Sie auf der grafischen Ebene auf den kreativen Einsatz und die Gestaltung von Soundwörtern und Wasserspritzern; sehr eigen!

 

Redundanz kommt dennoch kaum auf, weil das Artwork clever zu variieren weiß. Damit kommen wir zu Paul Azaceta, dem Zeichner. Obwohl Azaceta einen rohen, beinahe nur halbfertigen Stil benutzt, macht er daraus das Beste.
Im Vergleich zu Arne Jysch und Corto Maltese (ich hatte hier über „schludrige Seiten“ gemeckert) stört mich das hier nicht die Bohne.
Azaceta arbeitet auch haarscharf dran vorbei, behaupte ich. Meint: Er bewegt sich schlafwandlerisch sicher auf der ‚guten Seite‘ der Abstraktion (also OHNE dass ihm der Strich verrutscht).

Zudem taucht er die Tage in ein Dämmerlicht, wenn er nicht gleich das Geschehen in die Nacht verlegt. Die dunkel-pastellige Kolorierung von Elizabeth Breitweiser ist ein dabei ein absoluter Hingucker. Kann man nur hervorheben!
Was mich jedoch an Azaceta bezaubert, ist seine Komposition, die Wahl seiner Bildausschnitte. Er verteilt grundsätzlich nur wenige Panels pro Seite, in der Regel vier bis sechs –  und in diese baut er noch kleine Fenster ein, die auf Details der Umgebung fokussieren. Solcherart bringt er freischwebende Extrapanels auf der Seite unter!

Das hat sich Azaceta bestimmt irgendwo abgeschaut, ich komme allerdings nicht drauf, wo. Die Konsequenz und Kunstfertigkeit, mit der er das tut, hat einen verblüffenden Effekt: Man verweilt automatisch länger auf der Seite und führt den Blick nochmal spazieren! OUTCAST lädt damit zur Reflexion über das Geschilderte ein.

Ich möchte diese Technik „Kamera-Konfetti“ taufen.

 

Denn zugleich ist Azaceta ein Meister der bewegten Kamera, sein wie oben erwähnt halbabstrakter Strich  gewinnt enorm durch seine wilden Perspektivensprünge. Das ist cineastisch und eben auch nicht, weil das Konfetti urtümliche Comic-Kunst kreiert (nur in diesem Medium darstellbar).  Man könnte fast von Standbildern im narrativen Ablauf reden.

 

Je länger ich drauf schaue, desto mehr verliebe ich mich in Azacetas Artwork: ein Besessener im Schnee!

 

Kirkman selbst hat gesagt, die Bestellungen für OUTCAST überträfen die für die aktuellen Hefte seines Longsellers THE WALKING DEAD. Ich denke: Wahrscheinlich schwenken die Leser auf eine Serie um, die vielleicht ein absehbares Ende findet. Das kann eine Falle sein! Angeblich aber hat Kirkman ein Ende im Kopf!
Aber wie viele Umwege er auf dem Weg dorthin fährt, das verrät er nicht…

Es ist ein stetiges Hoffen und Bangen.
Bangt sich aber gut.

Die deutsche Ausgabe von OUTCAST erscheint übrigens zeitnah bei Cross Cult!
Sind auch schon fünf Trades draußen.

Bonusbildchen: Reverend Anderson bei seiner Morgentoilette.

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