Tillmann liest: INJECTION

Fünf geniale Außenseiter impfen das Internet mit einer magischen Intelligenz.
Das läuft daraufhin Amok.

Kürzeste Plotbeschreibung von INJECTION, dem neuen Wurf von Warren Ellis (PLANETARY, RED, TRANSMETROPOLITAN) und Zeichner Declan Shalvey (MOON KNIGHT). Dass Ellis Welten entwerfen kann, hat er in der Vergangenheit hinlänglich bewiesen. In den 20 Jahren nach TRANSMETROPOLITAN hatte ich mir mehr von ihm erwartet, mit INJECTION könnte es nun soweit sein! Ich bin ziemlich angefixt von den 15 Heften (drei Tradepaperbacks), die bislang nur auf Englisch vorliegen.

Der Einstieg fällt schwer, nach den ersten fünf Heften kratzt man sich am Kopf: Wieder mal so’ne Comicserie, die sein Publikum mit Rätselhaftigkeit begrüßt (s. MONSTRESS, PAPER GIRLS, NAMELESS, OUTCAST). Mein Tipp: nochmal lesen!
Im Gegensatz zu den vorgenannten Serien hat sich (mir jedenfalls) die Handlung erschlossen.

Der Konzern FPI hat fünf Individuen zu einer Zukunftsforschungsgruppe geformt: Diese „Cross-Cultural Contamination Unit“ erkennt, dass die nächsten 30 Jahre höchst langweilig verlaufen werden – außer weiterer Vernetzung und Beschleunigung wird nichts Essentielles passieren. Und weil diese Fünf es können, begehen sie einen Akt der Übermut: Sie laden eine nicht-menschliche Intelligenz ins Netz hoch. Das sollte das Verhältnis Mensch-Maschine tüchtig aufmöbeln. Diese „Injection“ beginnt jedoch, mit den Menschen zu spielen. Da sie gespeist aus magischen Quellen ist, äußert sich dies in Ausbrüchen von übernatürlichen Ereignissen.

In Band 1 belagern kornische Kobolde (aus Cornwall) eine alte Fabrik, in Band 2 erscheint einem Milliardär der Geist seiner toten Geliebten, in Band 3 öffnet sich an einem Steinkreis in der englischen Provinz das Tor zur magischen Welt.
Okay, die Prämisse muss man schlucken, sonst hat man keine Freude an INJECTION: Es existiert eine magische Parallelwelt. Das amoklaufende Internet will diese mit der realen Welt koppeln, um Rambazamba zu veranstalten.

Warum will man das lesen?

Erstens, weil es völlig irre ist. Ich finde das Konzept begrüßenswert durchgeknallt. Deshalb lese ich Comics. Zweitens, weil Ellis seinen Stoff meisterhaft umsetzt. Er tut dies auf nicht-lineare Weise, d.h. er erzählt in Gegenwarts-Häppchen und Rückblenden in die Geschichte der Figuren. Das ist immer verwirrend, doch Ellis managt diesen Prozess verstehbarer als andere.
Über den Lauf der Hefte lernen wir unsere fünf Protagonisten kennen und verstehen zugleich, dass sich ihr Verhältnis zueinander verschiebt und in Zukunft noch Spannungen verursachen wird. Um Ihnen eine Ahnung zu vermitteln, stellt dieser Artikel alle „Akteure“ mit je einer Beispielseite vor.

Maria ist offenbar durch ihre Begegnung mit der „Injection“ physisch und psychisch versehrt worden, vegetiert phasenweise verbittert in einer psychiatrischen Einrichtung.

Die Wissenschaftlerin Maria Kilbride entdeckt die koboldverseuchte Fabrik und erteilt Anweisungen zum weiteren Vorgehen.

 

Robin ringt mit seinem schamanischen Erbe; er ist der Mystiker der Gruppe, fühlt sich nicht ganz ernstgenommen und wendet sich im Verlauf der Serie gegen seine Kollegen.

Dem Schamanen Robin Morel erscheint während eines Telefonats mit Maria ein Wesen aus der magischen Parallelwelt.

Simeon funktioniert wie ein Uhrwerk, er ist der ‚schwarze James Bond‘, den uns Hollywood bislang vorenthält.

Macht am wenigsten Worte: Der Agent Simeon Winters im blutigen Einsatz gegen eine terroristische Schläferzelle.

 

Vivek wirkt wie ein eiskalter Analyst, der keine Gefühle kennt und braucht; witzige Rückblenden (!) offenbaren uns jedoch seine Ausbildung in sämtlichen Spielarten der Sexualität (um eben das gesamtes Spektrum menschlicher Emotionen ermessen zu können).

Vivek Headland, der Mann mit dem Sherlock-Holmes-Verstand, prostet seinem Assistenten zum Abschluss des zweiten Falles zu.

 

Brigid ist die geheimnisvolle einsame Wölfin, die mit jeder Form von High-Tech umzugehen weiß und sogar über eine Dr.-Who-artige Tardis-Maschine verfügt!

Das Computergenie Brigid Roth untersucht die Vorgänge um einen verhexten Steinkreis in Cornwall.

 

Reizvoll ist zudem, dass der Geist in der Maschine zwar gesichtslos, aber nicht stumm ist. Die „Injection“ kommuniziert auf oft groteske Weise mit ihren Schöpfern und ergeht sich in unheimlichen Drohungen.

Die Injection (symbolisiert durch eine Spritze) erscheint auf einem Laptop-Display und spricht mit Brigid.

 

Okay, ich merke, der Stoff ist scheißkomplex und vor allem sprachlich hochkomprimiert. Ich halte das für unübersetzbar (sprengt jede deutsche Blase!).
Man muss diesen Comic sehr aufmerksam lesen, viel Verstehensleistung aufbringen und Lust am Kombinieren haben. Sonst wird das nichts.

Mich erinnert INJECTION vom Tempo, vom Sound, vom Konzept, sogar vom Artwork an THE LEAGUE OF EXTRAORDINARY GENTLEMEN. Ellis gelingt diese trockene, aber hochpräzise Moore-Schreibe. Die Handlung trabt vor sich hin und erschließt und verdichtet sich zusehends. Die Charaktere sind ein Team von genialen Spezialisten, die sich zum Teil nicht grün sind. Die Illustrationen sind unaufdringlich, nahezu sachlich und erstaunlich nah an Kevin O’Neills Strich und Layout bei LEAGUE.

Auch die Farbgebung bei INJECTION ist speziell. Fast scheint mir, als sei jede Figur mit einer bestimmten Kolorierung assoziiert: Brigid anthrazit-schwarz, Robin grün, Maria weiß-blau, Simeon grau-beige, Vivek rot und im zehnten Heft sogar bunt
(die Farbe wechselt regenbogenartig pro Seite, sehr eigenartig).

Für mich ist der neue Ellis eine heiße Sache und auf jeden Fall in der Top Ten der interessantesten Comics dieses Jahrhunderts. Als Bonus hänge ich noch drei Seiten aus Band 3 an – Rückblende zum ersten Treffen der Zukunftsforscher-Einheit: Die Mitglieder lernen sich kennen und tasten sich verbal ab.

Zum Fortgang der Handlung mutmaße ich mal, dass man die „Injection“ nicht mehr aus dem Netz wird entfernen können. Was aber piepegal ist. Dieses hochinteressante Team von Spezialisten kann jede Menge atemberaubende „Fälle“ erleben, die unsere Fantasie so sehr anregen wie die irre Zukunftswelt des Spider Jerusalem.

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