Tillmann liest:   HOUSE OF PENANCE

Selten (vielleicht nie) war ein Horrorcomic so künstlerisch, so widerspenstig, so neben der Norm. Selten auch wurden Bildmotive so ‚stur‘ eingesetzt und haben sich so wenig erklärt:

Augen, Gedärme, Blut, fallende Blätter – Chiffren des intensiven Moments bzw. der Vergänglichkeit und des nahenden Endes, natürlich. Was aber ist mit den sich aus dem Nichts bildenden Staubwolken, die immer wieder das Geschehen verhüllen?

Im vorletzten Heft erleben wir sogar rotierende Panels, die sich wie eine Waschmaschine voller Blut vor dem Betrachter drehen – Rrrrrr und Brrrrr!

Die Details einer blutigen Schlägerei unter den Arbeitern verschwinden in einem seltsamen Wirbelsturm aus Staub … (alle im Folgenden gezeigten, fotografierten Doppelseiten sind anklick- und vergrößerbar!)

 

Ich sagte vorhin „neben der Norm“, dabei folgt HOUSE OF PENANCE einer geradlinigen Formel von Schuld und Sühne (das im Englischen selten benutzte Wort ‚penance‘ meint ‚Buße‘). Ich erklär’s:

Der Pistolero und Killer Warren Peck schleppt sich verletzt zum schlossartigen Haus von Sarah Winchester. Er findet dort Pflege, Unterschlupf, Arbeit und erhält Einblick in das Seelenleben der manischen Hausherrin.
Sarah ist getrieben von der Wahnvorstellung, sie müsse ihren verstorbenen Mann sowie ihre verstorbene Tochter vor rachsüchtigen Geistern retten, die auch ihr nach dem Leben trachten.

Dazu lässt sie eine Crew von ehemaligen Gangstern und Soldaten ein Schloss errichten, das niemals fertig werden darf, sonst finden die Geister ihren Weg hinein. Die Geräuschkulisse zu dieser Paranoia ist ein Tag und Nacht fortdauerndes Gehämmer von Werkzeugen, das wie Schüsse klingt und sich lautmalerisch durch den Comic zieht.

Bauarbeiten im Schloss: links wird gehämmert, rechts hat Sarah eine Vision ihrer Familie (Augenmotiv).

 

Das ständige, infernalische „BLAM BLAM BLAM“ hat Sarahs Arbeitskräfte angelockt, denn sie sind allesamt Verdammte, die dem Ruf der Gewalt gefolgt sind. Warren betritt das Haus nur, weil er in der Ferne Schüsse zu hören glaubte. Gewehrfeuer ist seine Melodie und sein Metier (er hat kurz zuvor eine Indiandersiedlung überfallen, die Bewohner massakriert und ausgeraubt).

Warren Peck verrichtet sein blutiges Handwerk (linkerhand wieder ein Augenmotiv).

Auf der linken Seite vernichtet die Witwe Handfeuerwaffen und verkündet ihr Werk durch Glockengeläut (die Schallwellen greifen dabei über mehrere Panels hinaus). Auf der rechten Seite schlägt Mister Peck den Weg zum Schloss ein, weil er dort „Schüsse“ hört, der Wald ist finster und märchenhaft (der rote Kreis rechts oben wie auch das triefende Blut scheinen seine Verletzung zu symbolisieren); auch hier ein Augenmotiv.

 

Also versammelt sich im Winchester-House eine Horde von Ausgestoßenen unter dem harten Arbeitsregime der abweisenden Witwe Sarah. Die glaubt, Buße tun zu müssen für all die Ermordeten, die den Gewehren der Firma Winchester zum Opfer gefallen sind. Sie vernichtet die Waffen ihrer Angestellten und irrlichtert durchs Haus, immer auf der Flucht vor den Geistern, die durch gedärmartige Tentakel symbolisiert werden. Unter der Erde und hinter den Mauern lauert das Blut, das seine Rache fordert.

(Un‘ dat is‘ irgendwo auch Shakespeare, Herrschaften; denn in „Macbeth“ heißt es schon: „Blood will have blood“, III. Akt, IV. Szene.)

In einem visionären Blutbad imaginiert Sarah hinter der Wand (der schwarze Trennstrich) ihre im Totenreich gefangene Tochter, sie erwacht schweißnaß im Bett (wieder Augenmotiv).

 

Im Fortgang der Handlung tauchen Verwandte von Sarah auf, die sie in die Klapsmühle stecken wollen (was Warren verhindert) und die beiden beginnen keine Beziehung miteinander, aber tauchen ein in eine ko-abhängige Spirale aus Wahn, Verzweiflung und Stupor.

Sarah und Warren erkennen sich, nicht biblisch, aber schicksalsgebunden. (Das Motiv der blutigen Gedärme hier prominent wie nie.)

 

Am Ende ereignet sich das historische Erdbeben von San Francisco 1906, das auch das Winchester-House ramponiert. In diesem Comic aber wirkt es, als speie die Hölle ihre Gedärme aus!

(Auf vollen 13 Seiten schießen rote Stränge kreuz und quer durchs Bild und richten absolutes, urgewaltiges Chaos an.)

Das Ende des surrealistischen Bebens: Warren zieht den Majordomus Murcer in Sicherheit; das schwebende Blatt rechts unten deutet den einkehrenden Frieden an.

 

Und darf ich sagen, dass mir das Artwork wie ein Crossover von Jacen Burrows und Joann Sfar vorkommt? Ich tu’s. So unmöglich das zu sein scheint, ist es das für mich!

CROSSED vermählt sich mit „L’Association“ und zeugt eine neue Dimension der Comicgrafik.

 

Damit bin ich endlich beim „neben der Norm“ (denn die Handlung ist ein fast simpler Erweckungs-Plot).

HOUSE OF PENANCE ist ein Comic, der dermaßen von seiner Grafik beherrscht wird, dass die Handlung fast unbedeutend wird (auf jeden Fall scheint). Das ist … frappant. Hoch drei. So was hab ich noch nicht erlebt.

Zeichner Ian Bertram scheint noch neu auf der Szene zu sein und keine fünf Jahre im Geschäft. Er gestaltete 2015 einen GANGS OF NEW YORK-artigen Comic mit Jugendlichen namens BOWERY BOYS und werkelt zurzeit an der Image-Serie LITTLE BIRD. Sollte man sich mal anschauen

Sarah (nicht ihre rechte Hand Murcer) sieht Gespenster: Die Toten greifen in Form von Darmtentakeln an!

 

Es gibt ja Comics, die nur durch ihr Artwork bestechen und keinen Wert auf einen fein geskripteten Plot legen (vieles von Moebius kommt mir in den Sinn, das meiste von Philippe Druillet – hat den jemals jemand gelesen? –, Manara läuft hin und wieder ins Leere, Chris Ware wäre zu diskutieren, grins).

Bertram und sein Autor Peter Tomasi (ein Superheldenschreiber, hauptsächlich für JUSTICE LEAGUE, BATMAN und GREEN LANTERN) jedoch verfolgen akribisch ihre Handlung und treiben sie auf ein logisches Ende zu.

Doch dazwischen ist Raum, unerhört viel Raum für grafische Phantasmen, wobei man sich fragt, ob Tomasi das so angelegt oder Bertram sich die künstlerische Freiheit genommen hat.

Weiterer Beweis für Bertrams Phantastik: die Ruhe nach dem Erdbeben und ein derangiertes Schloss (das rein von der Statik so nicht möglich ist).

 

HOUSE OF PENANCE ist ein verrücktes Ding, das mich auf jeder dritten Seite kopfschüttelnd innehalten ließ. Jetzt ist die Kunstform des Comics etwa 125 Jahre alt – und dieser Ian Bertram erlaubt sich Bilder, die einen neuen Dreh ins Medium bringen!

Da bin ich positiv fassungslos.

 

Ich möchte an dieser Stelle nochmals betonen, wie ungewöhnlich, skurril, oftmals sperrig Bertrams Artwork ist. Ich als geübter Comicleser starrte minutenlang auf die erste Doppelseite dieses Werks. Starren Sie mal mit:

Was zum Teufel ist das? Was sehen wir hier?

Das links unten ist der Bahnhof, von dem die Kutsche (Bildmitte) aus hoch zum Schloss rumpelt. Das Schloss wirkt komplett verzerrt, sehr Camelot-artig, wird überstrahlt von einer bleichen Sonne im Wolkenloch, über allem schwebt ein unerklärliches „BLAM BLAM BLAM“. Die Raumtiefe und Perspektive dieser Seite stimmen nicht und lassen diese Komposition traumhaft erscheinen.

Die rechte Seite präsentiert uns zwei krasse ‚Schnitte‘. Das Bild oben zeigt die Einfahrt ins Schloss aus einer handelsüblichen Totalen, irritiert jedoch durch unnötig viel Staubentwicklung und die befremdlichen Statuen, offenbar stumme Zeugen eines noch rätselhaften Geschehens.

Das Bild unten wieder etwas völlig Neues, geschossen aus extremer Froschperspektive: ein Arrangement von Patronen, aufgestellt von einer unheimlichen Frau, die die Worte „Messing und Pulver“, „Pulver und Messing“ vor sich hinmurmelt.

Das sind zwei irrsinnige Seiten: kryptisch, irritierend, erst mal nicht zu deuten.

Ich lese es als Hinweis darauf, dass wir es mit einer fiebrigen Erzählung zu tun bekommen werden.
Dass hier bewusst Bildkonventionen missachtet werden.
Dass die Realität in diesem Comic womöglich nur die zweite Geige spielt!

HOUSE OF PENANCE zieht uns mit diesen grafischen Tricks in die Gefühls- und Gedankenwelt der Protagonisten Warren und Sarah hinein. Wir teilen ihre Visionen und Schrecken, die die anderen Figuren im Comic nicht wahrnehmen!
Wir Leser werden zu Komplizen der Schuld.

Das ist natürlich ein billiger Trick, uns für diesen Comic interessieren zu wollen.
Funktioniert aber hervorragend!

HOUSE OF PENANCE ist eine halluzinogene Lektüre, die dennoch verstehbar bleibt.

 

Das ist es, was dieses Werk besonders macht und zu einem Großereignis der ‚Neunten Kunst‘.

Ich sehe eine Verwandtschaft zu Manu Larcenets Graphic Novel BLAST, die uns ebenfalls mit den Phantasmen der Hauptfigur an der Nase herumführt.

Eine Doppelseite zeige ich noch: Mit dem Erdbeben stürzt auch Sarahs Paranoia in sich zusammen.

 

Das dollste Ding ist, dass dieser Comic auf wahren Fakten basiert!

Sarah Winchester ist die reale Witwe von William Winchester und ließ sich in San Jose, Kalifornien, ihre monströse Villa zimmern, um den Geistern der Opfer zu entkommen.

Das Winchester-House existiert heute noch und kann besucht werden!

Als ich das im Nachhinein recherchierte, bekam ich gleich nochmal eine Gänsehaut.

 

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Attenzione: HOUSE OF PENANCE ist nur auf Englisch erschienen. Die Serie begann im Frühjahr 2016 auf dem Label Dark Horse und erschien vor zwei Jahren (Februar 2017) als Tradepaperback.

(In Deutschland zu beziehen über Amazon oder im Comicfachhandel bestellen lassen!)

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Den Tipp hab ich von Björn Bischoff von der ALFONZ-Redaktion, der gleich zweimal auf den für ihn besten Horrorcomic seit Jahren hinwies.

(Wir Comicschreiber wissen weniger, als unsere Leserschaft glauben mag! Ich bin laufend angewiesen auf Empfehlungen von Kollegen, Fans und Händlern. Das wenigste entdeckt man selber …)

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2018 kam übrigens ein Film über das Thema ins Kino: „Winchester“ bereitet die Story ebenfalls auf, wirkt aber müde und klischiert (trotz Helen Mirren).
Lesen Sie lieber den Comic, lesen Sie!

(Ich frag mich gerade, ob das Erscheinen von HOUSE OF PENANCE im Jahr zuvor den Film angeschoben hat; aber Kinoproduktionen haben einen Vorlauf von mehreren Jahren …)

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