Tillmann liest:  ATOM AGENCY

Das schöne, sonnengelbe Cover mit dem roten Porsche-Cabrio und der Draufsicht auf einen Unfall mit einem Mann und mehreren Mülltonnen ist schon einladend – vielleicht ein verschmitzter Ansatz zu neuem Feminismus im Comic?

In ATOM AGENCY (Band 1: Die Juwelen der Begum) kommen in der Tat gleich drei Frauen in handlungstreibender Manier zum Zug. Das neue Album des Kreativteams Yann (Text) und Schwartz (Zeichnungen) findet eine unaufdringliche Gender-Balance, obwohl die Geschichte im Nachkriegs-Paris von 1949 angesiedelt ist.

Ein Schmuckraub an der Riviera: Der Begum (Frau des Aga Khan, des reichsten Mannes der Welt) wird ihre Tasche mit Juwelen entwendet. Von den Tätern keine Spur, die Polizei tappt im Dunkeln. Privatdetektiv Atom Vercorian ist besessen von der Idee, den Fall lösen zu können, obwohl auch er keinen Schimmer hat. Seine Assistentin Mimi heuert als weitere Hilfe den Ex-Catcher Jojo an, und der hat einen persönlichen Draht zur Bestohlenen, was die Sache endlich ins Rollen bringt.

Atom besucht seinen Vater und seine beiden Patenonkel auf dem Revier; unkonventionelles Intro einer Familienkonstellation.

 

Mehr aus Zufall als aus Verdacht befragt das Trio Personen und beginnt mit Beschattungen, die sich tatsächlich auszahlen. Die Helfer der Räuber werden gefunden, noch dazu taucht eine geheimnisvolle Killerin namens Erika auf und verkompliziert die Sachlage. Doch Atom, Mimi und Jojo bleiben am Ball – und können den Fall knacken und der Begum ihre Juwelen zurückerstatten.

Autor ist der Franzose Yann le Pennetier, der meist schlicht als „Yann“ firmiert. Ich bin sehr einverstanden mit seinem Skript, das ein schönes Timing bietet, Dialogwitz beweist, einen guten Bogen schlägt und ein Herz für alle Charaktere hat. Mit der Yann/Schwartz-Kollaboration an SPIROU hatte ich so meine Bauchschmerzen:

SPIROU SPEZIAL von Yann & Schwartz

Hier aber bin ich hochzufrieden.

Lesen aber tut man ATOM AGENCY wegen des umwerfenden Artworks von Olivier Schwartz! Ich würde mich nicht als Retro-Nostalgiker bezeichnen, der Comics liest, WEIL sie von Vertretern der Ligne Claire (Hergé, Jacobs, Martin, Vandersteen-Studio) oder der École Marcinelle (Franquin, Morris, Tillieux, Peyo) stammen.

Ich lese nichts von Jacobs, Martin, Tillieux oder Peyo – da bin ich beinhart. Ich will das Beste vom Besten, die Superoriginale. Olivier Schwartz gehört für mich dazu. Obwohl er rauf und runter mit dem „Atomstil“ von Yves Chaland verglichen wird.
(Biografie und Werksbeispiele desselben hier bei der Lambiek-Comicopedia.)

Schwartz ist gewiss ein Schüler, der zu eigener Meisterschaft gefunden hat. Ihm gelingt eine Mischform der beiden großen frankobelgischen Zeichentraditionen. Der Mittfünfziger-Nordfranzose beherrscht diesen Retrostil so mühelos, fluide und organisch, dass er schon wieder modern ist.

Auch diese Szene funktioniert fast beiläufig und unkonventionell: Yvette, die Begum, trifft sich im Café mit ihrer alten Bekanntschaft Jojo, macht eine Kaffeesatz-Lesung und hat dabei einen Verdacht.

 

Auch wenn er in ATOM AGENCY den ganz großen Kompositionszauber nicht entfalten kann (im Gegensatz zu einigen Seiten in den SPIROUs!), setzt Schwartz das ruhige, dialoggetragene Skript wie üblich mit größter Detailfreude um: Gespräche in Bistros und Cafés blenden von der Innen- zur Außenansicht, rücken die Kamera von Augen- zu Deckenhöhe und sind liebevoll ‚hintermalt‘ mit Geschehnissen in der Umgebung.

Grafische ‚runnig gags‘ und Markenzeichen sind für Schwartz schicke oder kuriose Gefährte, das rudelweise Auftreten von ‚henchmen‘ und ‚Gorillas‘ sowie sein tadelloser Geschmack für Garderoben. Jede noch so kleine Randfigur trägt eine Kleidung, die sie perfekt charakterisiert.

Dieser Comic lohnt den Kauf allein des Studiums der Klamotten wegen!

 

Langeweile bei der Observation: Mimi macht Atom ein Angebot, der aber hat nur Augen für seine Arbeit.

 

Sanfte Kritik an ATOM AGENCY wurde laut in der ALFONZ-Rezension, die befand, Hauptfigur Atom sei „etwas blass geraten“ und die stimmungsvolle Detektivstory „ächze etwas unter ihrem altmodisch verwickelten Plot, der wenig echte Spannungsmomente“ enthalte.
Deshalb sinngemäß ein Stern Abzug, was ich nicht so dramatisch bewerten möchte.

Hauptfigur Atom wirkt hölzern und blutleer, lässt sich aber auch als krankhaft ehrgeizig  und total auf den Fall fokussiert lesen. Richtig ist, dass im nächsten Band (der scheint in Arbeit zu sein) etwas Leben in alle Figuren kommen muss:
Was ist denn nun mit Atom und den Frauen? Ergreift Mimi die Initiative? Womit überrascht uns Jojo?

Mimi spricht den Catcher Jojo an, der sie erst nicht erkennt; sie hilft ihm mit Schmerzen auf die Sprünge.

 

In Sachen Plot ist wahr, dass auf den ersten 25 von 54 Seiten nichts passiert.
Et passiert nix! Was mich nicht gestört hat, weil Yann und Schwartz ihren Kosmos behutsam und möchte sagen ‚nachhaltig‘ konfigurieren: die armenischen Seilschaften bei der Kriminalpolizei, die Welt der Catcher, Atoms Familie und Mimis Background.

Es gibt zwei Actionsequenzen mit Schießereien und Todesfällen, die in etwa gleich ablaufen: Die Agency findet Zeugen, die gerade von Erika in die Mangel genommen werden; es entspinnt sich ein Kampf, Erika entkommt.
Das ist nicht die hohe Schule des variantenreichen Thrillers, andererseits ist es klassisches Hardboiled-Drama.

Actionsequenz mit Damen: Mimi und Erika ringen miteinander.

 

Ich habe den Verdacht, wir können uns fusselig diskutieren an ATOM AGENCY.
Das ist ein Album, das man entweder mag, weil es retro ist – oder es ist einem nicht modern genug (dann war man aber nicht die Zielgruppe).

Fürs Erste ist „ATOM AGENCY – Die Juwelen der Begum“ der viel versprechende Auftakt zu einer nostalgischen Detektivserie.

Das Helden-Trio ist etabliert und wir haben sogar eine rassige, italienische Killer-Furie als Superschurkin in der Hinterhand!

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