Sachbuch: „Der Comic – Geschichte, Stile, Künstler“

Es ist mir immer eine Freude, was von Klaus Schikowski zu lesen. Sein nunmehr zweites Fachbuch über Comics erschien zwar schon 2014 bei Reclam, ich habe es allerdings erst jetzt gelesen. Man darf sich wundern, dass er überhaupt die Zeit dafür gefunden hat, denn Schikowski ist seit drei Jahren Programmleiter für Comics im Carlsen Verlag.  Hat er offenbar gut zeitlich abgestimmt und glänzend hinbekommen.

Der Autor: Klaus Schikowski

„Der Comic – Geschichte, Stile, Künstler“ heißt das Werk so sachlich wie korrekt und gibt auf 294 Seiten einen Abriss vom Aufkommen der Kunstform in Amerika bis heute. Das ist das nächste kleine Wunder, denn so handlich und dabei akkurat ist vielleicht noch nie über Comic geschrieben worden, ohne dass man etwas vermissen würde.
Von Outcault bis zu Flix, von McCay bis zu Füleki sind alle Künstler versammelt, deren Namen man kennen sollte.

Ganz fantastisch zu Beginn: In „Was ist ein Comic?“ legt Schikowski auf neun Seiten dar, dass Comic nicht wirklich definiert werden kann. So frustrierend das sein mag, ist es doch Stand der Wissenschaft, und sollte als Chance begriffen werden. Mit Art Spiegelman benutzt er die Metapher eines Stammbaums, dessen Verästelungen diverse Ausprägungen und Spielarten dieser Kunstform repräsentieren. Comics sind lebendig und höchst individuell, sie sind schnell gemacht und können anarchisch und wild sein: „Der Comic ist ein sich ständig fortentwickelndes Phänomen: Wir schauen einem Baum beim Wachsen zu.“

Der Generalist und sein Sachbuch

Schikowski, der sich selbst als „Generalist“ bezeichnet und versteht, deckt dem eigenen Anspruch nach die drei Zentren ab, die uns bis heute mit Comics beliefern: USA, Europa und Japan (und damit grob gesagt Comichefte, Album-Kultur und Manga). Niemals gerät er ins Schwafeln, sondern hakt zielführend in wenigen Kapiteln die Hauptentwicklungen ab (Strips, Superhelden, Underground, Manga, Graphic Novels, Independents).

Und wenn man als Experte gerne stöhnt „Bitte nicht schon wieder der alte Käu, von den Zeitungskriegen zwischen Hearst und Pulitzer über die Blüte von Spirou und Tintin bis zu Crumbs Initiierung der Underground-Comix!“, umgeht Schikowski diese Falle des rein historisierenden Aufwärmens alter Geschichten, indem er einen fantastischen Mehrwert schöpft: Er setzt diese Phasen in Kontext und hat den Blick aufs große Ganze.

General Schikowski zeigt globale Synergien auf (wer beeinflusst wann wen?), erklärt uns dramaturgische Zwänge in den jeweiligen Formaten, vergisst nicht die industriellen bzw. ökonomischen Rahmenbedingungen und offenbart in wunderbarer Klarheit, weshalb sich der Comic wandelt. Die Reduktion des Zeitungsstrips auf klare und schnelle Funnies, die Erstarrung der frankobelgischen Albenproduktion in Fantasy und Historie, der frische Wind der Underground-Comix, der thematische Umbruch der Graphic Novel, der Befreiungsschlag der Independents, das Spiel mit Formen und Konventionen.

Wie am Schnürchen dröselt uns Schikowski über 100 Jahre Comic auf. Derart schlüssig und flüssig habe ich das so noch nicht vernommen. Ein Gewinn, eine Bereicherung, auch ein Plädoyer für Neugier auf alles, was das noch kommen mag. Schikowski erinnert uns, wie vielfältig und bunt unsere Comics sind; sie können unseren Horizont nur erweitern, wir brauchen bloß hinzuschauen.

„Der Comic – Geschichte, Stile, Künstler“ ist das neue deutsche Standardwerk über diese faszinierende Kunst! Dieses Buch ist kompetent und knackig, bietet das volle Spektrum und vermittelt die Entwicklung der Comichistorie beinah spielerisch leicht.
Es ist zugegeben spärlich bebildert, aber es soll seine Leser ja informieren und hoffentlich auf die Suche schicken nach den Werken, die einen interessieren.

Das Taschenbuch kostet neupreisig 22,95 Euro; Sie finden es aber zum etwa halben Preis schon in modernen Antiquariaten.

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